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08. August 2016

Schulweg: «Kinder stehen im Mittelpunkt»

Sandor Horvath aus Ebikon LU gilt es Experte für Schulwegsicherheit. Das Migros-Magazin hat sich mit dem GLP-Politiker und Vater eines Sohnes (11) über Gefahren und Chancen unterhalten. Dazu die Unfallstatistiken und die Reportage zu den Kindern, die am längsten unterwegs sind («Abenteuer Schulweg»).

Schulweg: Sinnvolle Lernerfahrung
Der Schulweg: Sinnvolle Lernerfahrung, manchmal auch gefährlich. (Bild: Keystone)

Sandor Horvath, wie sieht der Schulweg Ihres Sohnes aus?
Er nimmt den Bus. Mit über eineinhalb Kilometern ist sein Schulweg eher länger. Seit der ersten Klasse ist er alleine unterwegs. Vorher ging er in ein anderes Schulhaus und in den Kindergarten. Der frühere Schulweg führte über eine stark befahrene Hauptstrasse. Ich habe mit vielen anderen Bewohnern die Initiative für schulwegsichernde Massnahmen ergriffen. Nach rund sechsjährigen Verhandlungen mit der Gemeinde hat diese schliesslich eine Überführung gebaut. Dadurch wurde der Weg sicherer und kürzer.

Sandor Horvath verfasst als Experte für Schulwegsicherheit Expertisen
Anwalt Sandor Horvath, GLP-Politiker und Vater eines Sohnes (11), verfasst als Experte für Schulwegsicherheit Expertisen. (Bild zVg)

Sie setzen sich für sichere Schulwege ein. In welchen Fällen werden Sie beigezogen?
Ich erhalte Anfragen von Eltern, die das Gefühl haben, dass der Schulweg ihres Kindes unzumutbar ist. Dann bespreche ich das mit ihnen, erstelle eine objektive Analyse und gebe eine rechtliche Beurteilung ab. Anschliessend verfasse ich in der Regel ein Gesuch an die Gemeinde. Im besten Fall wird dieses gutgeheissen, und entsprechende Massnahmen werden eingeleitet. Wenn die Gemeinde das Gesuch abweist, kann man diese Verfügung bei verschiedenen kantonalen Instanzen anfechten. Bis zum Bundesgericht wird ein Fall selten weitergezogen.

Was lernen Kinder auf ihrem Schulweg?
Kinder lernen, sich in einem sozialen Raum zu bewegen, der nicht von Erwachsenen überwacht wird. Es ist ein Raum, in dem sie soziale Kontakte zu ihren Gspändli knüpfen. Es können auch Konflikte entstehen, die man zu bewältigen lernen muss – ohne die Unterstützung oder Begleitung von Erwachsenen. Das ist ein grosser und wichtiger Schritt Richtung in die Selbständigkeit. Aber er setzt zumutbare Schulwege voraus.

Quelle: bfu - Beratungsstelle für Unfallverhütung

Welche Gefahren lauern?
In städtischen Agglomerationen sind das in erster Linie Verkehrsgefahren. Das Bewusstsein dafür ist zu wenig vorhanden. Viele heutige Entscheidungsträger wurden in den 60er- und frühen 70er-Jahren geboren. Damals gab es in der Schweiz etwa fünf Mal weniger Fahrzeuge als heute. Die massive Verkehrszunahme macht den Schulweg im Vergleich zu früher anspruchsvoller und gefährlicher.

Spielt das sinkende Alter der Kinder auch eine Rolle?
Ja, vor 40 Jahren kam man mit sieben in die erste Klasse; der Kindergarten war freiwillig. Heute wird man bereits mit vier obligatorisch eingeschult – drei Jahre früher. In diesen drei Jahren macht das Kind ganz wesentliche Entwicklungsschritte im kognitiven Bereich.

Können Sie Beispiele nennen?
Kleinere Kinder sind teilweise noch nicht in der Lage, ein fahrendes von einem stehenden Fahrzeug zu unterscheiden. Sie können Distanzen und Geschwindigkeiten von Fahrzeugen nicht einschätzen. Aber gerade das ist ein wesentliches Element, um eine Strasse sicher überqueren zu können. In diesem Alter sind Kinder noch in einem sogenannten egozentrischen Weltbild gefangen: Sie stehen im Mittelpunkt und sind nicht in der Lage, das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer zu antizipieren. Sie gehen zum Beispiel davon aus, dass ein Lastwagen sie sieht. Zudem ist die Konzentrationsfähigkeit von eher kurzer Dauer und das Risiko von Ablenkungen sehr gross. Deswegen sind anspruchsvolle Schulwege für Vierjährige oft zu gefährlich.

Quelle: bfu - Beratungsstelle für Unfallverhütung

Wann sollten die Eltern ihre Kinder noch begleiten?
In den ersten paar Wochen des Schuljahres, um den Schulweg einzuüben. Aber nur, wenn der Schulweg zumutbar ist. Ansonsten muss die zuständige Gemeinde aktiv werden, also beispielsweise Schulbusse oder Lotsendienste einführen oder bauliche Massnahmen ergreifen.

Was halten Sie von Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto chauffieren?
Ich bedauere die Zunahme dieser «Taxi-Eltern». Letztlich ist das aber ein Indiz dafür, dass der Schulweg dieser Kinder unzumutbar sein könnte. Anstatt dass sich die Eltern auf ein Verfahren mit den kommunalen Behörden einlassen und sich hartnäckig für einen Transport, einen Pedibus oder einen Lotsendienst einsetzen, fahren sie ihre Kinder selbst. Weil es für sie einfacher scheint. Doch ein Gespräch mit der jeweiligen Gemeinde kann erfolgreich sein. Manchmal beschweren sich die Gemeinden darüber, dass die Eltern die Kinder mit dem Auto in die Schule bringen. In diesen Fällen sollten sich die Gemeindevertreter allerdings fragen, warum das so ist und welche Massnahmen ergriffen werden könnten, damit Kinder nicht mehr gefahren werden müssen.

Wann ist ein Schulweg zu gefährlich?
In ländlichen Gebieten kann das die Überquerung einer Ausserortsstrasse ohne Fussgängerstreifen sein. Leider tendieren die Kantone dazu, in diesen Bereichen die Fussgängerstreifen aufzuheben. Oft, weil die Benutzerfrequenz angeblich zu wenig hoch sei – eine absurde Begründung, die wissenschaftlich nicht haltbar ist. Ein anderes Problem in ländlichen Gebieten sind Strassen ohne Trottoirs. Ausserorts fahren viele Autos mit hohem Tempo auf teilweise schmalen Strassen.

Quelle: bfu - Beratungsstelle für Unfallverhütung

Was ist, wenn Kinder alleine durch den Wald gehen?
Ein Schulweg muss objektiv zumutbar sein. So gesehen ist die Durchquerung von Wäldern in gewissen Fällen nicht sicher – zum Beispiel bei Gewittern oder Stürmen. In Bergregionen kann es sein, dass Wege im Sommer problemlos und im Winter aufgrund von Schneebrettern zu gefährlich sind. Subjektive, unbegründete Ängste der Eltern müssen nicht berücksichtigt werden. Ängste der Kinder hingegen schon.

Sandor Horvath hat sich als selbständiger Anwalt neben dem Thema Schulweg auf Familienrecht spezialisiert.

Autor: Anne-Sophie Keller