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07. Juli 2014

Beim Liebkosen Entwicklungsstadium beachten

Neben der goldenen Regel, dem Kleinkind keine Küsschen oder Berührungen aufzuzwingen, hilft das Wissen um die Entwicklungsstufen des Körperbefindens.

Schon Kleine mögens nicht immer (Bild Getty Images)
Schon die Kleine mögens nicht immer. (Bild Getty Images)

Kinderpsychologen und Entwicklungsforscher sind sich einig, dass Kinder nicht von Eltern oder dem Umfeld dazu aufgefordert werden sollten, Tanten, Onkeln und engen Freunden Küsschen zu verteilen oder von ihnen zu erhalten. Wie im Artikel im Migros-Magazin (rechts: «Bitte keine Schmatzer mehr!») geschildert, heisst es für Aussenstehende, aufmerksam erste Signale des Kindes aufzunehmen, wenn sie sich ihm nähern.
Zentral: Abweisende Gesten sollten nicht als ein Nein zur Person oder generell zur Nähe verstanden werden. Entsprechende Bedürfnisse ändern sich beim Kind oft mehrmals bis zum ersten oder mittleren Schulalter. Auch die gesuchte körperliche Nähe zu den engsten Bezugspersonen, den Eltern, macht in dieser Zeit mehrere Schritte grosser Annäherung und später auch mal Entfernung durch. Diese sind Zeichen eines sich stets verändernden Körpergefühls, das speziell einhergeht mit der wachsenden Sexualität, die wiederum schon ab Kleinkindalter eine wichtige Rolle spielt.
Wer sich für die Entwicklungsstufen von (Klein-)Kindern interessiert, sollte sich bewusst sein, dass sie je nach Kind anders verlaufen können. Eine fixe Einteilung nach dem Alter entpuppt sich demnach selten als erfolgversprechend, dennoch nützt das Wissen um die klassischen Schritte bei der Entwicklung von Körpergefühl und Sexualität:Babys: In der ersten Phase beginnt das Neugeborene und ein paar Monate alte Kind besonders über Berührungen, die Welt zu entdecken. Viele Zärtlichkeiten sind dabei zentral, um Interessen zu entwickeln, Vertrauen in die Umwelt zu gewinnen – auch schlicht für die eigene Identitätsfindung. Für das Kind gilt dies für den ganzen Körper: Ihm selbst etwa Berührungen an Geschlechtsorganen zu verbieten, wäre sehr kontraproduktiv für die Entwicklung des Kindes.
Schon Babys üben zudem, mit bestimmten Berührungen und Verhaltensmustern Lustgefühle bei sich (oder andern) auszulösen.
Kleinkinder bis knapp fünf Jahre: Dem Kind sind im ersten Jahr oder bis anderthalb Jahre in seinen Entdeckungen infolge fehlender Koordination kaum gezielte eigene Gesten möglich. Danach nehmen Kinder mit ihren Händen bereits gezielt spielerische Manipulationen vor, die bestimmte Reaktionen wie Lust hervorrufen sollen. Ab circa drei Jahren nehmen sie Berührungen häufiger gezielt an den eigenen Genitalien vor. Bei Buben kann es so zu ersten Erektionen kommen.
Parallel stellt man üblicherweise ab drei oder vier Jahren auch erste Handlungen wie das Ausziehen oder Entblössen der Geschlechtsorgane fest. Auf solches übliches Verhalten gilt es spielerisch-locker zu reagieren, aber in der Öffentlichkeit natürlich keine längere Zur-Schau-Stellung zu dulden. Fachleute reden in dem Zusammenhang von sozio-sexuellen Handlungen.
Ab Kindergarten- und erstem Schulalter: Nun werden erstmals wirklich Sexualhormone ausgeschüttet, gesellschaftlich beginnt aber eher die Zeit der Tabus. Grobe Witze oder Simulationen von Beischlaf gehen oft einher mit stark wachsender Scham. Das Kind versucht mit versteckt aggressivem Auftreten, sich ans Thema Nähe zu andern und Sexualität heranzutasten. Trotz solchen Provokationen, um auszuloten, wie Erwachsene und andere Kinder auf Andeutungen reagieren, befinden sich Kids im frühen Schulalter in Sachen körperlicher Nähe häufig in einer Phase des Rückzugs: Alles scheint einfach (zu) verwirrend zu sein. Also fliehen Kinder dann wiederum vor den Küsschen von Verwandten und Bekannten.
Zudem trennen Kinder früh komplett die Welt zu Hause mit ihren Berührungs- und Kommunikationsformen von jener in Kindergarten oder Schule ab.
MEHR INFOS
Mehr zur Entwicklung des Körper- und Sexualbefindens schildert ausführlich der Beschrieb Sexuelle Entwicklung von Dr. Ludger Kotthof auf der Website schulische-praevention.de innerhalb des deutschen Forschungsprojekts Kinderschutzportal.

In der Analyse ganz ähnlich, jedoch mit etwas strikterer und anderer Alterseinteilung (0 bis 2 1/2 Jahre, 21/2 bis 6 Jahre, 6 bis 10 und 11 bis 15 Jahre) gehen die Autorinnen von wir-eltern.ch im Artikel Phasen der sexuellen Entwicklung vor.

Autor: Reto Meisser