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02. Juni 2014

Beim Fussball sind alle Kinder gleich

Sie tragen Shirts von Real Madrid, Portugal, Barcelona, Fenerbahçe und der Schweizer Nati. Die Kids beim FC Bethlehem und FC Wyler kommen aus fast allen Ländern der Welt. Integration und Respekt sind im Training inbegriffen.

Für die kleinen Schütteler des
FC Bethlehem zählt nur eines – Tore schiessen (vorne von links): Iker ist am Ball, Gael, Efe und Arijan stürmen ihm nach.
Für die kleinen Schütteler des
FC Bethlehem zählt nur eines – Tore schiessen (vorne von links): Iker ist am Ball, Gael, Efe und Arijan stürmen ihm nach.

Sie heissen Gioele, Hamza, Nael, Fisnik, Efe oder Thomas und haben eines gemeinsam: ihre Freude am Fussballspielen. Noch sitzen die Torschüsse nicht so ganz, noch müssen Pässe und Ballabnahmen geübt werden. Denn sie sind die Kleinsten beim FC Bethlehem. Der Jüngste ist gerade vier, die meisten sind sechs oder sieben Jahre alt. Sie rennen über den grünen Rasen, sie üben, den Ball zu halten, das Tor zu treffen. Alles sehr spielerisch, alles sehr herzig. Die Hälfte kriegt nun blaue dünne Überzieher, die den kleinsten unter ihnen bis unter die Knie reichen. Denn zu jedem Training gehört auch ein Match – die Blauen spielen gegen diejenigen ohne Überzieher.

Drei Buben bleiben als Auswechselspieler am Spielfeldrand. «Ich bin halb Spanien, halb Italien», antwortet der Braunhaarige auf die Frage, aus welchem Land seine Eltern stammen. «Später werde ich auch noch Schweiz», fügt er an. «Ich bin Portugal», sagt der blonde Bub neben ihm. «Und Real auch noch.» Er zeigt stolz auf das Abzeichen von Real Madrid auf seinem Shirt.

«Bei uns sollen sich alle willkommen fühlen»: Beat Flückiger trainiert die Piccolos des FC Bethlehem.
«Bei uns sollen sich alle willkommen fühlen»: Beat Flückiger trainiert die Piccolos des FC Bethlehem.

Hier sind über ein Drittel der Quartierbewohner Ausländer. Die Fussballschule des FC Bethlehem im Westen von Bern ist nicht nur ein grosser Mischmasch von Nationen, es hat auch Mädchen dabei, zwei. Nur heute sind sie nicht da: eines ist krank, das andere ist wohl wegen des regnerischen Wetters nicht gekommen. «Ja, es hat Mädchen», erklärt der kleine Bub mit den braunen Haaren. «Letztes Mal ist eines im Tor gestanden. Und ich habe ein Goal gemacht», sagt er stolz. «Und ich drei», sagt der Blonde. «Ich habe auch Tore geschossen!», sagt nun auch der bleiche Bub mit den dunklen Haaren, der die ganze Zeit scheu danebengestanden hat. Woher er kommt? «Ich weiss gar nicht, Schweiz glaube ich», sagt er auf Berndeutsch mit fremdländischem Einschlag.

Den Fussballknirpsen sind Nationalitäten egal

Den kleinen Fussballknirpsen sind Nationalitäten und Geschlechter eigentlich egal. Was hier zählt, ist der Fussball und Tore zu schiessen. «Es gibt kaum Streitereien wegen der Herkunft, auch wenn sie aus ganz verschiedenen Kulturen stammen», sagt Beat Flückiger (69), der Trainer. «Aber erziehen muss ich sie manchmal schon», sagt er. «Wenn sie während des Trainings laut sind und blöd tun, frage ich: Wollt ihr nach Hause? Das wirkt. Dann parieren sie.» Aus dem Training geworfen werden, das will hier keiner.

«Die Buben schätzen es, dass auch Mädchen mitspielen»: Marcel Spring mit dem Juniorenteam Fb des FC Wyler.
«Die Buben schätzen es, dass auch Mädchen mitspielen»: Marcel Spring mit dem Juniorenteam Fb des FC Wyler.

Auch im Wyler im Norden von Bern lebt ein grosser Mix unterschiedlicher Kulturen: ein Fünftel der Quartierbewohner sind Ausländer. Beim FC Wyler gelten schon für die ganz Kleinen klare Richtlinien. Bei den Piccolos – das sind die jüngsten Fussballer des Clubs – ist das Duschen nach dem Training obligatorisch. Für viele Eltern und Kinder ist gemeinschaftliches Duschen nach dem Sport etwas Selbstverständliches, aber nicht für alle – diese müssen sich hier daran gewöhnen. Anpassen müssen sich alle. Etwas anderes geht nicht: «Das Duschen gehört als Abschluss zum Training dazu. Die Kinder kommen aus irgendeiner Beschäftigung ihres Alltags hierher, machen Sport und sollen frisch geduscht wieder nach Hause gehen können, zurück in ihren Alltag. Und später, bei den Turnieren, gehört das Duschen eh dazu», erklärt der Piccolo-Trainer Martin Bucher (56).

Probleme hat es deswegen noch nie gegeben – doch eine gute Portion Durchsetzungsvermögen gehört grundsätzlich zu seinem Job als Trainer. Auch er ist immer wieder Erzieher: «Abschätzige Bemerkungen über Mitspieler, Mackersprüche Schlägereien oder Schimpfworte gibt es bei mir nicht.»

Respekt und Anstand sind genauso wichtig wie der Einsatz

Er lehrt die Kleinen auch die Grundpfeiler von Integration und Gemeinschaft: Respekt füreinander, Akzeptanz und Anstand sind ebenso wichtig wie Pünktlichkeit, obligatorische Abmeldung und die Freude am Einsatz.

Auch Beat Flückiger, der seit über 40 Jahren in Bethlehem zu Hause ist und seit über 30 Jahren Buben und Mädchen über den Fussballplatz jagt, hat ein gutes Händchen in Sachen Motivation und Integration. Das kleine Häufchen von Piccolos, das er vor vier Jahren hier angetroffen hat, ist inzwischen zu einer Gruppe von knapp 30 Kindern angewachsen. Auch bei den Älteren kommt sein Training gut an: Er coacht erfolgreich die B-Juniorinnen. Immer wieder hat er erlebt, dass Fussballerinnen ihren Streit vom Pausenplatz ins Training mitbringen und eine Spielerin im Krach sagt: «Mit der will ich nicht in die gleiche Mannschaft.» Für Beat Flückiger ist klar: «Das gibt es auf dem Fussballplatz nicht. Sie müssen sich zusammenraufen.»

Kommt eine neue Spielerin ins Team, ist die erste und wichtigste Aufgabe des Trainers, sie schnell in die Mannschaft zu integrieren. Hilft ein Mädchen aus ­einem anderen Team bei einem Match aus, sorgt er immer dafür, dass sie von seinen Fussballerinnen freundlich aufgenommen wird. Nach einem Spiel wird sie mit Applaus verabschiedet. «Bei uns sollen sich alle willkommen fühlen», lautet Beat Flückigers Credo.

Im FC Bethlehem entstehen nicht nur neue Freundschaften, auch etliche Pärchen haben sich beim Fussballspielen gefunden. Drei der Ehepaare, die sich als Trainer oder in sonst einer Funktion im Verein engagieren, haben sich im Training kennengelernt.

«Chömet, die letschte füf Minute», ruft Beat Flückiger ins Feld. Die Trainingssprache ist Berndeutsch. «Das verstehen alle.» Wenns mal nicht so ist und eines der Kinder ihn schlecht versteht, erklärt er es nochmals – auf Hochdeutsch. «Das ist aber die Ausnahme.»

Die kleinen Kicker beschützen ihre weiblichen Mitspielerinnen

Beim FC Wyler spricht man ebenfalls Berndeutsch, und auch hier spielen Mädchen mit. Die Mannschaft Fb mit 12 Buben und einem Mädchen übt auf dem Spielfeld Passspiel, Koordination, Ballführung und Torschiessen. Hier wird kein Unterschied zwischen den ­Geschlechtern gemacht.

«Die Buben haben gar nichts gegen Mädchen», sagt Marcel Spring (36), der heute die Mannschaft trainiert. Im Gegenteil: «Sie schätzen es, dass auch Mädchen mitspielen». In Turnieren und Matches merkt er zudem, dass die Kleinen ihre weiblichen Mitspieler beschützen. «Sie tragen Sorge zu ihnen.»

Die 13 Kinder der Mannschaft Fb stammen aus insgesamt fünf Nationen, sie gehen in vier verschiedene Schulhäuser zur Schule. Für den multikulturellen Stadtteil hat es aber aussergewöhnlich viele Schweizer in diesem Team. Der Grund dafür ist das Wylergut, ein Quartier in unmittelbarer Nähe des Clubs. Hier wohnen fast ausschliesslich Schweizer.

Die Buben des Teams Fb des FC Wyler üben Torschüsse: Even, Theo und Chet.

Im FC Wyler werden sozusagen die Schweizer integriert: Im Fussballklub haben diese Kinder oft erstmals regelmässigen Kontakt zu Gleichaltrigen aus dem restlichen, multikulturellen Quartier. Das Fussballtraining ist auch der Ort, wo Freundschaften ausserhalb der Schule geschlossen werden und Neu­zuzüger Gschpänli und Einzelgänger Anschluss finden. Integration bedeutet im FC Wyler auch, dass ein Mädchen mit Trisomie 21 im Klub trainiert – seit sieben Jahren.

Auslese und Leistungsdruck gibt es hier nicht

«Fussballklubs braucht es unbedingt in den Quartieren. So lernen sich die Kinder in einer neuen Umgebung anders kennen», sagt Tom Gäumann (38), Verantwortlicher für den Kinderfussball beim FC Wyler. Auslese, Leistungsdruck oder gar das Heranzüchten von Starspielern gibt es hier nicht. «Mit dem Egotrip kommen sie nicht weit.» Selbst wenn einer im Dribbeln noch so talentiert ist – allein gewinnt keiner einen Match. «Hier merken sie schnell, Fussball ist ein Mannschaftsspiel», sagte Gäumann. «Die Kinder sollen etwas lernen, doch das Wichtigste im Fussball ist die Freude am Spiel, nicht?»

Die 13 kleinen Schütteler vom Fb haben mittlerweile ihr Training beendet. Gut gelaunt kommen sie vom Platz – sie haben Tore geschossen, Pässe gelernt, neue Techniken ausprobiert und waren im Abschlussmatch mehr oder weniger erfolgreich. So sehr sie auf dem Grün als Mannschaft zusammenspielen, so einig sind sie sich auch abseits des Rasens. Als sie sagen sollen, was ihre Lieblingsmannschaften sind, tönt es wie aus einem Mund: «YB und FC Wyler.»

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Christian Schnur