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03. Februar 2014

Bei Pfarrer Duda im Eheservice

Wer bei Jaroslav Duda heiratet, erhält eine Ehegarantie von mindestens 15 Jahren. Dazu bietet der katholische Pfarrer von Bülach die Paare jährlich zum Service auf. Bis jetzt hat er eine Erfolgsquote von 100%.

Das Ehepaar Thomas Malnati und Simone Stadler sitzt in der Garage, vor ihnen steht Pfarrer Duda
Regelmässig in die «Ehegarage»: Thomas Malnati und 
Simone Stadler 
schätzen den Service von Pfarrer Duda. (Bild: Jorma Müller)

Den 18. Mai 2013 werden Simone Stadler (38) und Thomas Malnati (41) nicht so schnell vergessen: An diesem Tag haben die Bülacherin und der Stadtzürcher mit Tessiner Wurzeln geheiratet. Getraut wurden sie in der reformierten Kirche ihres Wohnorts Steinmaur ZH – vom katholischen Pfarrer Jaroslaw Duda (44) aus Bülach. Warum Duda? «Er hatte vor vier Jahren meine Grossmutter beerdigt und eine so schöne Rede zur Abdankung gehalten. Er liess sich sehr aufs Grossmami ein und erzählte aus ihrem Leben.» Simone Stadler kennt Pfarrer Duda seit Jahren; ihr Vater ist im Vorstand des Katholischen Männervereins Bülach und Duda Verbindungsglied zwischen der Pfarrei und dem Verein. In diesem Verein ist auch Malnati Mitglied. Als IT-Spezialist kümmert er sich um die Homepage.

Wenn die Liebe erkaltet ist
Wenn die Liebe erkaltet ist. (Bild Getty Images)

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Was das Ehepaar nicht wusste, als es sich für den strohblonden Pfarrer entschied: Der im polnischen Lodz aufgewachsene Geistliche verspricht allen Paaren, die er in Bülach traut, dass die Ehe mindestens 15 Jahre hält. Dazu bietet er seine inzwischen 94 Schäfchen jährlich paarweise in die «Ehegarage» auf. Für Pfarrer Duda ist eine Ehe wie ein Auto, das jährlich einen Service braucht.

Die Erfolgsquote des innovativen Pfarrers, der Chevrolet, Roller und Velo fährt, beträgt 100 Prozent, und dies seit 2006, während schweizweit jede zweite Ehe geschieden wird. «Klar betreue auch ich Paare, die heftige Probleme haben. Aber schön ist, dass sich diese Menschen rechtzeitig melden», sagt Duda. Manchmal werde er angerufen, dann heisst es: «Ich muss wieder in die Garage kommen.» Sollte einmal auch er am Ende seines Lateins sein und eine Scheidung nicht mehr verhindert werden können, möchte er zumindest, dass das Paar in Frieden auseinandergeht.

«Duda ist Pfarrer mit Leib und Seele, ein richtiger Seelsorger»

Simone Stadlers und Thomas Malnatis ineinander verschlungene Hände mit den Eheringen
Simone Stadler und Thomas Malnati sind nach vier Jahren noch immer frisch verliebt. (Bild: Jorma Müller)

Thomas Malnati und Simone Stadler haben sich vor knapp vier Jahren über eine Online-Partnervermittlung kennengelernt und sind noch immer frisch verliebt, halten sich während des Gesprächs die Hände. Trotzdem waren sie, die sich beide als gläubig bezeichnen, auch schon beim Bülacher Dorfpfarrer im Service. «Jaroslaw ist Pfarrer mit Leib und Seele, ein richtiger Seelsorger. Mit ihm haben wir eine neutrale Person, mit der wir reden können. Er ist flexibel und sehr umgänglich», sagt Malnati. Und seine Frau ergänzt: «Er ist so lieb und herzlich, und wir haben es immer lustig.» Sie hat vor, die Gespräche mit dem Pfarrer auch in den nächsten Jahren zu führen. «So erkennt man viel schneller, wenn es in der Ehe einmal nicht so gut gehen sollte», sagt sie.

Als Malnati und Stadler vor einigen Monaten in der «Ehegarage» waren, mussten sie auf Zetteln aufschreiben, was sie an ihrem Partner schätzen. Danach tappte Stadler unter Anweisung ihres Mannes mit geschlossenen Augen über den Gartensitzplatz des Pfarrers. Diese Übungen sind nicht zufällig: Duda tauscht sich regelmässig mit Psychiatern und Psychologen aus. Sein Service findet meist in Bülach statt – entweder in der Stube auf dem Pfarramt, wo man Dudas Vorliebe für philippinische Zigarren riecht, unter freiem Himmel oder in der Krypta der katholischen Kirche. «Das nächste Mal möchten wir für den Service Jaroslaw zu uns nach Hause einladen – aus Dankbarkeit», sagt Stadler.

Die Ehegarantie nimmt den Pfarrer zeitlich in Anspruch. Jeden Samstag erhält er Besuch in der «Garage». «Ich habe ein gutes Team mit fünf Seelsorgern, das mich unterstützt», erklärt Duda in gepflegtem Hochdeutsch mit leichtem osteuropäischen Akzent. «Für mich bringen die Begegnungen mit den Paaren viel Freude. Deshalb investiere ich einen Teil meiner Freizeit in eine Sache, die ich gern mache.»

Pfarrer Jaroslaw Duda in der Kirche; er steht zwischen den Kirchenbänken.
Innovativ: Die Sonntagsmesse von Pfarrer Jaroslaw Duda wird jeweils im Internet übertragen. (Bild: Tanja Demarmels)

Vor seiner Stelle in Bülach arbeitete Duda von 2000 bis 2006 als Seelsorger in Zürich Albisrieden. Nachdem er mit den heiratswilligen Paaren jeweils den schönsten Tag im Leben vorbereitet hatte, «traf es mich tief, wenn ich hören musste, dass ein Ehepaar nicht mehr zusammenlebt. Ich möchte, dass die Leute glücklich sind.» Er fragte sich, was er als Pfarrer falsch gemacht hatte, und kam zum Schluss, dass es einen regelmässigen Kontakt mit den Eheleuten braucht. So wurde die Idee mit der «Garage» geboren. «Ich bin vom Produkt Beziehung überzeugt. Wenn man sie pflegt, hält sie.»

Die Unterstützung der Ehepaare hört nach 15 Jahren nicht auf

Nur wäre Jaroslaw Duda nicht Jaroslaw Duda, wenn er sich mit der Idee der «Garage» zufriedengäbe. Wie ein Tüftler, der eine Maschine perfektionieren will, sucht er stets nach neuen Wegen, um seinen Schäfchen zu helfen. So bietet er Paaren, die länger als 15 Jahre verheiratet sind, seit 2013 während der Sommerferien einen Kurs zur Erneuerung der Beziehung an, bei dem je zwei Tage die Vergangenheit, das Jetzt und die Zukunft thematisiert werden. Während sich letztes Jahr acht Paare dafür interessierten, haben sich für diesen Sommer 20 angemeldet. Für den Höhepunkt der Woche sorgt eine kleine Schlussfeier, an der die Partner das Jawort wiederholen.

«Ich lese viel, bilde mich weiter. Einige Methoden habe ich selbst erfunden, von anderen aus Büchern gelesen und für meine Bedürfnisse abgeändert.» Vom verstorbenen Papst Johannes Paul II., den er mehrmals getroffen habe, habe er die Offenheit gegenüber Menschen gelernt. Duda ist auch anderen Oberhäuptern der katholischen Kirche begegnet: Während seines Studiums in München war ein gewisser Josef Ratzinger, heute besser bekannt als der zurückgetretene Papst Benedikt XVI., Gastprofessor für Dogmatik. In München war es auch, wo er den damaligen Bischof Amédée Grab kennenlernte, der ihn nach Chur rief. Noch etwas hat Duda geprägt: Sein verstorbener Vater engagierte sich im damals kommunistischen Polen für Solidarnosc und die Demokratie – und verlor dadurch seine Arbeitsstelle. Der Bülacher Pfarrer will seine Meinung in Abstimmungen kundtun und ist deshalb seit 2012 Schweizer Bürger. «Und weil ich mich hier immer aufgenommen fühlte.»

Jaroslaw Duda sorgt neben dem «Garagenservice» für weitere katholische Premieren: Sonntags ab 8.45 Uhr wird die Messe des Pfarrers im Internet übertragen, «damit auch die Menschen im Spital Bülach und in den Altersheimen sowie die Auslandschweizer den Gottesdienst sehen können». Als erste Schweizer Pfarrei verfügt Bülach zudem über ein süsses Marketinginstrument: Die Kirche Heilige Dreifaltigkeit ziert die Hülle einer Schokoladentafel.

Pfarrer Duda ist gegen das Zölibat und spaziert mit zwei Damen

Man könnte dem unkonventionellen Pfarrer Aktionismus vorwerfen. Nur gibt ihm der Erfolg recht: Am Samstag und Sonntag treffen sich jeweils insgesamt gut 800 Gläubige an seinen drei Messen in der katholischen Kirche. «Jaroslaw hat mit seiner offenen Art bei mir das verstaubte Image der katholischen Kirche stark aufgebessert», sagt Thomas Malnati. «Er überzeugt mich als Mensch und Seelsorger.» Duda weiss aber, dass nicht alle Leute seine Spontaneität mögen. «Während des Familiengottesdienstes erzähle ich halt manchmal auch einen Witz. Wenn jedoch alle zufrieden wären mit dem, was ich mache, würde ich wohl etwas falsch machen …» Konservative Kreise dürften sich über eine weitere Aussage Dudas ärgern. Er, der vor seiner Priesterzeit Freundinnen hatte, sagt, das Zölibat sollte freiwillig sein. «Ich kenne viele Väter, die gute Priester geworden wären.»

In seiner spärlichen Freizeit trifft er sich nach wie vor mit Damen. Sie heissen Florette und Lucy. Erstere ist ein Malteser, Letztere ein Yorkshire Terrier. Zu Hause sind die beiden in seiner Stube auf dem Pfarramt, wo sie sich in einem der Kirche von Bülach nachgebildeten Mini-Gotteshaus ausruhen können. Am meisten Zeit hat er für die Hundedamen an seinem freien Mittwoch, wenn er neben dem obligaten Hundespaziergang Verdi, Puccini, Chopin oder die Beatles hört.

Zurzeit tüftelt er an einer neuen Idee, dem «AquaSan» – von ihm gesegnetes Wasser. Es soll vor «Überforderungen, Stress, Depressionen, Sinnleere und Lieblosigkeit» schützen, wie das Etikett auf der Pet-Flasche verspricht. Es sei kostenlos erhältlich «in allen Filialen der katholischen Kirche». Der Wirkstoff bestehe aus «Gnade und Zuwendung Gottes». Simone Stadler und Thomas Malnati schmunzeln, wenn sie ihren Traupfarrer von seinen Ideen erzählen hören.

www.kath-buelach.ch

Autor: Reto Wild