Archiv
28. November 2016

Bei «3+» hat der Zuschauer immer Recht

Dominik Kaiser hat mit «Bauer, ledig, sucht …» und «Der Bachelor» bei vielen Schweizern einen Nerv getroffen. Der «3+»-Gründer über das 10-Jahr-Jubiläum des Senders, Unterhaltung als Service public und sein Privatleben als Stubenhocker.

«3+»-Gründer Dominik Kaiser
Dominik Kaiser: «Unterhalten heisst, Emotionen zu kommunizieren.»

Dominik Kaiser, Ihr TV-Sender feiert das 10-Jahr-Jubiläum: Was hat man verpasst, wenn man bislang kein «3+» schaute?

Wenn Sie sich gern von Emotionen mitreissen lassen, haben Sie viel verpasst. Sonst: vermutlich nichts. Wir haben viele herzliche, herzzerreissende und lustige Schweizer Geschichten erzählt. Aber vor allem haben wir unterhalten. Unterhalten heisst, Emotionen zu kommunizieren.

Was war denn Ihre persönliche Unterhaltungssternstunde der letzten Jahre?

Für mich als TV-Macher war sicherlich 2008 eine Sternstunde, als eine Folge der ersten Staffel von «Bauer, ledig, sucht …» zum ersten Mal einen Marktanteil von knapp 20 Prozent erreichte. Damals sahen wir: Wenn wir mit Schweizer Unterhaltung den Nerv treffen, können wir hohe Zuschauerzahlen erreichen.

Worin besteht das Geheimnis einer ­Sendung wie «Bauer, ledig, sucht …»?

Die Sendung ist liebevoll und herzlich gemacht und kommt bei allen an: jung, alt, gut oder weniger gut gebildet. Dazu kommt: Die Liebesgeschichten sind echt. Durch die Sendung haben sich unzählige Paare gefunden, 15 von ihnen haben geheiratet, 20 Kinder kamen auf die Welt.

Ist es für Sie eine Genugtuung, teilweise mehr Zuschauer als SRF zu haben? Als Sie 2006 starteten, wurden Sie belächelt.

Genugtuung? Ich weiss nicht. Meine Freunde sagen, ich soll doch stolz sein auf alles, was ich bisher erreicht habe. Ich bin aber eher der Typ, der sagt: Super, aber was machen wir als nächstes? Ich sah das Potenzial für Unterhaltung. Es war allerdings nicht klar, ob wir als kleiner Sender dieses tatsächlich ausschöpfen können. Doch schon nach drei Jahren schrieben wir schwarze Zahlen.

Wie ist Ihnen das gelungen?

Wir rechnen knallhart: Was nicht läuft, fliegt raus. Was dagegen gut ankommt, wird ausgebaut. Unser oberstes Credo lautet: Der Zuschauer hat immer Recht.

Mit «Bachelor» lernt man unsere Multi-Kulti-Schweiz kennen. Das ist Service public.

Ihr Kerngeschäft besteht darin, ausländische Hitformate einzuschweizern. Wie geht das?

Als wir die Lizenz für «Bachelor» kauften, wussten wir, das Grundschema kommt weltweit an: Ein Mann dated 20 Frauen und verteilt an seine Favoritinnen Rosen. Doch wie erzählen wir die Geschichten? Ernst, vielleicht sogar etwas bieder? Wir haben uns für eine humorvolle Variante entschieden: modernes Schweizer Multikulti-Daten mit einem Augenzwinkern.

Wie finden Sie einen Bachelor?

Im Gegensatz zu anderen Formaten, für die man sich als Kandidat oder Kandidatin bewerben kann, suchen wir den Bachelor selbst. Wir schicken Caster los, die in Fitnesscenter und Clubs gehen. Oder wir gehen auf Männer zu, von denen man uns berichtet.

Wie viel kostet eine Folge von «Bachelor»?

Rund eine Viertelmillion Franken.

Das ist viel Geld.

Ja, Geld, das wir allein durch Werbung nicht wieder hereinholen.

Wieso produzieren Sie denn das Format?

Wir machen eine Mischrechnung. Die Sendung ist extrem beliebt. Bei jungen Frauen haben wir einen Marktanteil von 60 Prozent. Und die Sendung wird regelmässig in den Boulevardmedien besprochen. Das bringt uns längerfristig mehr Zuschauer auf den Sender und somit mehr Werbegelder.

Was sagt das über uns aus, dass eine eher witzige Umsetzung von «Bachelor» in der Schweiz so erfolgreich ist?

Dass wir viel mehr Humor haben, als man uns zugesteht. Aber vielleicht noch wichtiger: Die Schweiz ist im Gegensatz zu vielen anderen Ländern Europas sehr multikulturell, vor allem die Jungen. Sie sprechen zwar alle Schweizerdeutsch, aber wenn sie sich daten, prallen oft Welten aufeinander. Das birgt richtig viel Comedy-Potenzial. Und damit arbeiten wir, indem wir ein wenig provozieren und dann zeigen, was passiert. Mit «Bachelor» lernt man unsere Multi-Kulti-Schweiz kennen. Das ist Service public.

Hätten Sie dafür gern Gebührengelder?

Nein, wir wollen kein Geld vom Staat. Was ich mir aber von Politikern wünsche, ist Anerkennung dafür, dass auch die Privatsender die Eigenheiten der Schweiz abbilden, zeigen, wie gesprochen, gekocht, geflirtet und gelebt wird.

«3+»-Gründer Dominik Kaiser
«3+»-Gründer Dominik Kaiser

Dominik Kaiser will keine Gebührengelder, aber Anerkennung für das, was sein TV-Sender an Swissness transportiert.

Sie sind in der Kontroverse über die Zukunft der SRG und den Service public ein gefragter Mann.

Ich hatte zweimal die Gelegenheit, vor der Nationalratskommission unsere Sicht der Dinge darzustellen. Wie die Zukunft der SRG ausschaut, ist dann allerdings eine politische Entscheidung. Wenn die Mehrheit will, dass die SRG das viele Geld bekommt, ohne dass definiert ist, was sie damit genau macht, soll das so bleiben. So funktioniert Demokratie.

Was müsste man genauer definieren?

Für mich ist klar: Es braucht eine SRG, vor allem braucht es ihre Nachrichten- und Hintergrundsendungen. Denn Newssendungen in so hoher Qualität lassen sich nicht mit Werbung refinanzieren. Schaut man auf die Zahlen, hat SRF eine riesige Glaubwürdigkeit. Die «Tagesschau» hat regelmässig 50 Prozent Marktanteil. Das ist eine super Leistung. Information ist die grosse Stärke von SRF. Bei der Unterhaltung sieht es anders aus. Die Frage steht immer wieder im Raum: Soll SRF überhaupt Unterhaltung bieten?

Ja oder Nein?

Ich finde ja, aber nur Unterhaltung mit einem klaren Bezug zur Schweiz. SRF soll sich aufs Produzieren und Ausstrahlen von Schweizer Filmen, Serien, Unterhaltungsshows und Sport konzentrieren und die Gebührengelder nicht für US-Spielfilme oder -Serien verwenden. Und bitte in den Kernbereichen des Service Public den Privaten auch ein bisschen Raum lassen und nicht gleich mit unbeschränkt zur Verfügung stehenden Gebührengeldern den Markt aushebeln wie etwa bei den Länderspielen der Schweizer Fussball-Nati.

Kann man klassisches Fernsehen künftig noch mit Werbung finanzieren? Sie leben zu über 95 Prozent von Werbeeinnahmen.

Die Frage ist: Werden wir in zehn Jahren noch immer so viele Zuschauer haben?

Aber gerade die Jungen schauen bereits heute kein Fernsehen mehr.

Das stimmt nicht. Auch die Jungen konsumieren noch immer weitaus am meisten Bewegtbildinhalte am Fernsehen. Insgesamt werden viel mehr Bewegtbildinhalte konsumiert als noch vor ein paar Jahren. Der Konsum der werberelevanten Zuschauer ist mehr oder weniger stabil. Zusätzlich wird noch im Netz gesurft. Hier gucken sich die Jungen lustige Best-of- und andere TV-Produktionen an.

SRG-Direktor Roger de Weck befürchtet, dass die Werbung immer mehr zu den Internetgiganten abwandert. Deshalb hat die SRG zusammen mit Swisscom und Ringier die Werbevermarktungsfirma Admeira gegründet. Kann der Kampf gegen schwindende Werbegelder so gewonnen werden?

Ich bin kreativ und kann Geschichten erzählen. Und was ich auch habe: Ein super Gespür für den Massengeschmack.

Sie sagen, beim TV-Machen könnten Sie alle Ihre Talente einsetzen. Welche denn?

Ich bin neugierig und zahlenaffin. Wer Fernsehen macht, muss Zahlen analysieren und daraus die richtigen Schlüsse ziehen können. Ich bin kreativ und kann Geschichten erzählen. Und was ich auch habe: Ein super Gespür für den Massengeschmack.

Wo hat Sie Ihr Gespür getäuscht?

Es gab einige Flops. «Wer wird Millionär?» war vermutlich der grösste. Das Format war gut produziert, aber sehr teuer. Die Zuschauerzahlen waren für eine Eigenproduktion zu gering, um die hohen Kosten zu rechtfertigen.

Sie könnten selbst ein reicher Mann sein, vielleicht sogar mehrfacher Millionär.

Wieso?

Man hört, Sie hätten schon mehrere Angebote gehabt, den Sender zu verkaufen.

Was soll ich dann machen? Ich hätte den Job nicht mehr, der mir viel Spass macht. Kurzfristige Gewinnmaximierung ist nicht mein Ziel.

Was möchten Sie noch erreichen?

Wir testen, wie wir günstig, aber dennoch mit hoher Qualität eigene Serien und vielleicht sogar Filme produzieren können. Es wäre toll, wenn wir mit selbstgemachter Fiktion genauso viel Erfolg hätten wie mit den Doku-Soaps.

Sie sind Single. Wären Sie selbst ein guter Bachelor?

Um Himmels Willen! Ich bin introvertiert, führe ein ruhiges Leben und gehe selten in den Ausgang. Eine Homestory über mich wäre langweilig. Bei mir zu Hause gibt es nur Bücher. Bei «3+» stehen die Stars im Vordergrund, die Bachelorette und der Bachelor, Marco Fritsche und die ledigen Bauern und Daniel Bumann, der Restauranttester. Ich bleibe im Hintergrund, dort ists mir wohl.

Autor: Erika Burri, Reto E. Wild

Fotograf: Jorma Müller