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13. Juli 2015

Bedrängte Jungs

Bänz Friedli liebt die Frauen-Fussball-Nati aus den USA.
Bänz Friedli liebt die Frauen-Fussball-Nati aus den USA.

Mag sein, dass ich ein bisschen unausgeschlafen war, letzten Montag. Ich hatte die halbe Nacht vor dem Fernseher gefiebert und mich riesig über den Sieg «meiner» Amerikanerinnen an der Fussball-WM gefreut. Bei den Männern gab es seit 1982 keinen nur annähernd so berauschenden Final. Die US-Frauen, zum dritten Mal Weltmeisterinnen, schrieben Sportgeschichte.

Müde und dennoch aufgekratzt, wie ich war, mochte ich es kaum glauben, als mir gegen Abend eine Zeitung unter die Augen kam: Der Redaktion war nichts eingefallen, als ein uraltes Nacktbild der Torhüterin Hope Solo einzurücken und deren angeblich skandalöse Vita breitzuwalzen. Meinem Ärger darüber, Spitzensportlerinnen auf ihr Äusseres reduziert zu sehen, gab ich auf Facebook Ausdruck. Zu meiner Überraschung teilten viele diesen Ärger, sehr viele. Freilich meldeten sich auch einzelne Männer, die mit Frauenfussball nichts anzufangen wissen. Statt eine blutte Torfrau abzubilden, hatte ich kritisiert, hätte man Carli Lloyds drei Tore würdigen müssen, eines davon ein Jahrhundertgoal von der Mittellinie aus. Ein Ruedi aus Bern hielt dagegen, diesen Schuss hätte «jeder Fünftligagoalie» pariert. Ein Pascal befand, selbst siebenjährige Knaben spielten besser Fussball als Frauen. Ein Jüngling im Bayern-Shirt behauptete, Frauenfussball interessiere niemanden, und entblödete sich nicht, den Spruch zu posten: «Frauenfussball ist wie Pferderennen mit Eseln.» Natürlich ist das alles nur sexistisch und dumm. In den USA verfolgten 31 Millionen Menschen das Endspiel, das Schweizer Fernsehen verzeichnete trotz nächtlicher Anspielzeiten bis zu 400 000 Zuschauende, das ist nicht «niemand».

Weshalb aber wird der alberne Vergleich nur im Fussball gemacht? Keiner redet Leichtathletinnen klein, weil sie naturgegeben etwas weniger hoch springen als Männer. Beim Fussball hingegen überbeissen grosse Buben, als nähme man ihnen etwas weg. Vielleicht, weil es die letzte Bastion war, wo Männer sich noch unter sich wähnten – nun, da sie sogar im WK Frauen dulden müssen? Ich weiss nur, dass der Fussballfinal der Frauen das schönste Spiel war, das ich je sah. Und das Schweizer Fernsehen hat nun ein Problem: Seine Expertinnen waren top. Nora Häuptle, neu Trainerin unserer U-19-Equipe, die ehemaligen Nationaltorhüterinnen Marisa Brunner und Kathrin Lehmann, die frühere Trainerin Béatrice von Siebenthal – sie alle analysierten Taktik und Spielzüge so beredt und kompetent, wie es kaum einem der männ­lichen Experten im TV-Studio je gelingt. Die setzen mit Vorliebe ihre Frisuren in Szene. Aber eigentlich muss das für unser TV gar kein Problem sein. Es ist eine Chance.

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Autor: Bänz Friedli