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31. Dezember 2012

Basteleien des Grauens

Basteleien des Grauens
Ein gutes Beispiel für die Basteleien des Grauens.

Ich träume von einem grossen Plastiksack. Er ist blau, dickwandig und fasst mindestens 60 Liter, eher noch mehr. Ich stelle mir vor, wie ich mit der Riesentüte durch unsere Wohnung laufe und all jene fürchterlichen Basteleien darin versenke. Zum Beispiel den getöpferten Kuhfladen, den Ida vor ungefähr einem Jahr hergestellt hat. Oder die Pappmachémaske, auf die sich die zweijährige Eva neulich gesetzt hat. Weg müsste auch der monströs hohe Hexenhut aus gerolltem Karton, der auf keinen Kopf passt. Ganz zu schweigen von den vielen Kritzelkunstwerken, die sich bei uns türmen. Stichwort: Papierpresse.

Bleiben Sie locker! Sie müssen mir jetzt nicht die Elternpolizei auf den Hals hetzen. Wie schon gesagt, das ist ein Traum. Ich werde die Nummer mit dem Plastiksack nicht durchziehen. Noch nicht. Mein Leidensdruck ist noch zu niedrig. Obwohl – wenn ich an die beiden Kartonfiguren denke, die seit der Adventszeit bei uns herumlungern, könnte ich mich vergessen... (Es bliebe ja unter uns, oder?). Ich nenne die Jungs Gritti und Bänz. In einem früheren Leben arbeiteten die Männer im Sanitärbereich. Mittlerweile haben sie aber den Job gewechselt und machen auf Weihnachtsmänner. So hat es mir jedenfalls meine Vierjährige erklärt, die die beiden in der Kinderkrippe gebastelt hat.

Sparen Sie sich Ihre «Jööh!»-Heucheleien! Sie wissen es, und ich weiss es auch: Diese Pappkameraden sind einfach nur hässlich. Fürchterlich hässlich. Das ist nichts, was ich verwahren möchte, um es meinen Töchtern am Vorabend ihrer Hochzeiten zu überreichen. Gritti und Bänz gehören ganz klar in die Kategorie «Basteleien des Grauens». Die Frage ist jetzt nur, wie ich die Chläuse unauffällig loswerde? Gar nicht so einfach, denn Ida hat die beiden im Blick. Oder soll ich schreiben, sie hat mich im Blick? Als sie mir die roten Wichtel überreichte, liess sie mich wissen, sie dulde es nicht, dass die Samichläuse in der Karton- und Papierabfuhr landen. Tja, ertappt. Dort wurde schon einiges aus dem Atelier Leinenbach verklappt. Zum Beispiel die wunderbare Computertastatur aus Eierkarton, die am Schluss nur noch aus eingedrückten Höckern bestand. Und natürlich die Abermillionen Schnipsel (Ida nennt sie tatsächlich Konfetti), die im Kinderzimmer produziert wurden.

Es scheint so, als würden Gritti und Bänz diesem Schicksal entgehen. Diese Mama ist nämlich doch nicht ganz so herzlos wie vermutet. Einen Teil der Abscheulichkeiten hebe ich tatsächlich auf. Zum Beispiel das Windlicht, das mir meine Grosse zu unserem ersten gemeinsamen Muttertag überreicht hat. Das Kind konnte damals zwar noch nicht laufen, aber ein Hipp-Gläsli mit Fingerfarbe beschmieren, das ging tadellos. Das Ergebnis steht heute noch in meiner Hochglanzküche – und wird sogar regelmässig benutzt.

Trotzdem: Vielleicht ist es gar nicht so gut, wenn wir Erwachsenen immer so tun, als sei das eigene Kind ein Picasso und jeder Furz eine Skulptur. Diese Gedanken möchte ich allen Eltern, Grosseltern und Gotten beziehungsweise Göttis mit auf den Weg geben, die ebenfalls knietief in Basteleien des Grauens stehen.

Autor: Bettina Leinenbach

Fotograf: Bettina Leinenbach