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01. Dezember 2014

Bart, aber herzlich

Zehn bis zwölf Besuche absolviert ein Samichlaus pro Abend. Ohne Hilfe vom Schmutzli schafft er das nicht. Was so ein Gehilfe alles können muss, erfährt Thomas Fetz bei seiner Bewerbung Ende 2014. Ein Jahr später begleiten wir ihn auf seiner Tour mit dem Samichlaus (rechts: «Schmutzli, verzweifelt gesucht»).

Schmutzli Thomas Fetz
Kostümprobe: Schon optisch hat Thomas Fetz das Zeug zum Schmutzli.

Die Hosenbeine dürfen nie unter der Kutte hervorlugen. Ein Fläschli Leim muss immer im Stoffbeutel mitgetragen werden – für den Fall, dass der Bart des Samichlaus nicht hält. Keinen Alkohol im Dienst. Nicht vergessen, sich für die Sprüchli zu bedanken und – sehr wichtig – nie ein Kind blossstellen. Niemals!
Das Regelwerk eines Schmutzlis ist ganz schön umfangreich, wie Thomas Fetz gerade feststellt. Es ist Freitagabend, 19 Uhr, und der 50-Jährige sitzt im weihnachtlich geschmückten Schulungsraum der St. Nikolausgesellschaft der Stadt Zürich. Hier hat der Speditionskaufmann aus Dielsdorf ZH heute eine Art Vorstellungsgespräch, denn er möchte Schmutzli werden. «Eine Kollegin meinte, ich sei direkt dazu geboren», sagt er. Und als er hörte, dass man in Zürich Leute wie ihn suche, entschloss er sich zur Bewerbung.

Dölf HItz (links) und Hansernst Weber sind Samichläuse mit Leib und Seele.

Nun lauscht er aufmerksam den Worten des Präsidenten Dölf Hitz (72) und des Schulungschefs Hansernst Weber (57), beides langjährige Samichläuse. Per Beamer präsentieren Hitz und Weber ihre Gesellschaft auf einer Leinwand. Traktandiert sind unter anderem das Anforderungsprofil für einen Schmutzli, Infos und Tipps zu den Einsätzen mit dem Samichlaus und eine Vorstellungsrunde – wobei diese kurz ausfällt, denn Fetz ist der einzige Kandidat. Drei waren angemeldet, einer meldete sich ab, und einer tauchte erst gar nicht auf.

Die Stadtzürcher Chläuse machen rund 1000 Besuche pro Jahr

Die Stadtzürcher Chläuse gehen die Rekrutierung ihres Personals genauso professionell an wie die Einsätze bei Familien, in Altersheimen oder bei Firmen. Anders gehts auch gar nicht: Jährlich organisiert die Gesellschaft 1000 Besuche und schickt dafür innert weniger Tage etwa 32 Chläuse, 50 Schmutzli und 50 Fahrer in die Stadt und die angrenzenden Gemeinden hinaus. Als Einsatzzentrale dienen die Katakomben einer ehemaligen Zivilschutzanlage in Zürich. Dort meldet sich jeder Chlaus und jeder Schmutzli zum Einsatz, stärkt sich mit Essen und Getränken und fasst sein Kostüm sowie den Marschbefehl. 1200 Mahlzeiten werden während der Adventszeit angeliefert und verdrückt.

Im Kostümraum werden die braunen Kutten und roten Mäntel aufbewahrt sowie Bärte, Schnäuze und Perücken gepflegt
Im Kostümraum werden die braunen Kutten und roten Mäntel aufbewahrt sowie Bärte, Schnäuze und Perücken gepflegt.

Im Lager, wo die braunen Kutten und roten Mäntel fein säuberlich aufgereiht hängen, pflegen Helferinnen die Bärte und Schnäuze und drehen die Perücken jeden Abend neu auf Lockenwickler. Weitere helfende Hände füllen an den langen Tischen jedes Jahr 1500 Chlaussäckli mit Mandarinli, Nüssen und Süssigkeiten. Insgesamt 280 Frauen und Männer stehen wochenlang ehrenamtlich im Einsatz. Etwa 15 von ihnen, darunter Präsident Hitz, sind vom 3. November bis zum 12. Dezember jeden Tag in der Zentrale anzutreffen, wo sie unter anderem Einsatzpläne schreiben, die in ihrer Komplexität jenen eines mittleren Speditionsunternehmens entsprechen.

Samichläuse und Schmutzli fehlen vielerorts

Und doch reicht es nicht, um alle Aufträge zu bewältigen. «Jedes Jahr müssen wir etwa 150 Anfragen abschmettern», sagt Dölf Hitz und zuckt bedauernd die Schultern. Vielen anderen Samichlausgesellschaften in der Schweiz gehts nicht besser. «Es ist Jahr für Jahr eine Lotterie», sagt Maurizio Peloso, Präsident der Samichlaus-Gesellschaft Wald ZH, «interessierte Männer zu finden, ist nicht einfach.» Die Chlausgruppe St. Martin in St. Gallen hatte vor zwei Jahren noch einen grossen Mitgliedermangel zu beklagen. Dann hat man potenzielle Chläuse aktiv angesprochen, und innert kürzester Zeit über zehn neue Mitglieder gewonnen. Nur braucht es jetzt vier neue Gewänder, und dafür rund 18 000 Franken. Also sucht man in St. Gallen zurzeit zwar keine Chläuse, dafür Sponsoren. Die Gründe für die Chlausknappheit vermutet man einerseits bei zugewanderten Familien, die gerade den alten Brauch neu entdecken, und anderseits bei einer weit verbreiteten gesellschaftlichen Tendenz: Niemand will sich mehr so richtig verbindlich in einem Verein engagieren. Früher sei es klar gewesen, dass man sich die nötigen Tage reservierte, sagt Thomas Betschart von der St.  Niklausgesellschaft St.  Michael/St. Johannes in Zug. Oft überzeugt dann der Hinweis darauf, dass man als Chlaus hilft, eine geliebte Tradition aufrechtzuerhalten. Und dass die meisten Chlausgesellschaften ihre Einnahmen für wohltätige Zwecke verwenden.

Die St. Nikolausgesellschaft der Stadt Zürich ist in labyrinthähnlichen Räumlichkeiten zu Hause.
Hier ist das ganze Jahr Advent: Das Zuhause der Stadtzürcher Samichläuse

Auch in Bern hat es immer zu wenig «Chlöise und Schmutzli», wie ein «Samichlous» von der Samichlouszunft Bärn berichtet. Immerhin: Dort melden sich immer wieder Interessierte, die gern als Samichlausgehilfe einsteigen würden. Nach einer bestimmten Zeit des Schmutzlidaseins können sie zum Samichlaus aufsteigen. Auch Thomas Fetz hätte in Zürich nach zwei Jahren die Chance, zum Chlaus befördert zu werden. Er weiss aber noch nicht, ob er dieses Fernziel anstrebt. «Zuerst mach ich jetzt mal den Hilfssheriff», sagt er und kichert, während er sich über ein paar Papierbogen beugt. Es ist jetzt 21 Uhr, und er hat eine Führung durch die labyrinthähnlichen Räumlichkeiten der Nikolausgesellschaft hinter sich sowie erstmals ein Schmutzligewand anprobiert – eine schweisstreibende Angelegenheit.

Dann kommt der Schmutzli in spe zu den Fallbeispielen, er muss Fragen beantworten, wie: Warum soll ein Samichlaus nicht rauchen? Genau, weil er sonst vielleicht den Bart abfackelt. Was kann er gegen olfaktorische Unannehmlichkeiten aller Art tun? Ersatzkleider, Kaugummi mitnehmen. Darf ein Schmutzli vor den Kunden mit dem Samichlaus streiten? Natürlich nicht. Als Abschluss bekommt Fetz zum Üben ein paar von Eltern ausgefüllte Bögen mit dem Titel «Samichlaus Info» – früher auch «Sündenliste» genannt. Darauf haben die Eltern alles notiert, was Samichlaus und Schmutzli für ihren Besuch wissen müssen: Wie heisst das Kind, wie alt ist es, welches ist in der Schule sein Lieblingsfach? Und dann die wichtigsten Fragen: Was hat der Bub oder das Mädchen seit dem letzten Chlausbesuch besser gemacht, und wo gibt es noch Handlungsbedarf? «Nicht klauen am Kiosk», steht dazu auf einem der Zettel. Thomas Fetz, selber Vater eines Sohns und einer Tochter, beweist das nötige Feingefühl und findet: «Das würde ich als Schmutzli nicht thematisieren.»

Einen künstlichen Schnauz ankleben? Nicht Fetz’ Problem

Thomas Fetz muss Fragen beantworten, um seine Schmutzlitauglichkeit unter Beweis zu stellen.
Thomas Fetz muss eine Vielzahl an Fragen beantworten, um seine Schmutzlitauglichkeit unter Beweis zu stellen.

Kurz nach 22 Uhr ist die Bewerbung abgeschlossen. Schulungschef Weber bescheinigt Thomas Fetz Schmutzlitauglichkeit und begrüsst ihn als neues Mitglied bei den Stadtzürcher Chläusen. Dann gibt er ein paar Anekdoten aus dem Chlausleben zum Besten und schliesst mit der Bemerkung: «Das ewige Ablösen und Aufkleben des künstlichen Schnauzes tut irgendwann mehr weh, als wenn man ihn gleich am Anfang anbostichen würde.» Über das Problem kann Thomas Fetz nur lächeln.

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Samuel Trümpy