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07. April 2014

Barney, der Mutterer

Ich hatte Hausaufgaben. Gegen 23 Uhr mailte Anna Luna einen Fragebogen ihrer Schule, von den Eltern gefälligst bis zum nächsten Morgen auszufüllen: «Wie sähe der ideale Ehepartner für Ihr Kind aus?», «Welchen Job soll er haben?», «Wie viele Enkel wünschen Sie sich?», und so weiter. «Nothing at all», trug ich bei «Wie viel sollen Eltern zur Partnerwahl ihrer Kinder zu sagen haben?» ein, dasselbe zu Religion und Herkunft. «Unsere Tochter soll selber entscheiden, welchen Mann/welche Frau sie heiratet», schrieb ich, «falls sie überhaupt heiratet.» Danach hatte ich eine unruhige Nacht. Keine Ahnung, mit welchem Monster ich im Traum kämpfte! Ich muss gekratzt, gebissen und um mich geschlagen haben, jedenfalls hat mein Kissenanzug einen Riesenschranz. Und wer weiss als einziges Familienmitglied mit der Nähmaschine umzugehen? Der Hans! «Ha-a-ns! Könntest du …?» Schon hat er die alte Elna hervorgeholt, die er vom Grosi geerbt hat, und flickt meinen zerschlissenen Bezug. Als ich «Hey, danke!» sage, heissts: «Nein, wart! Jetzt müssen wir noch die Fäden vernähen … Wenn wir etwas machen, dann richtig.» Ich bewundere ihn. Dafür, dass er das kann. Und dass es ihn einen Dreck kümmert, ob es sich für einen Jungen seines Alters geziemt …

Alte Elna Nähmaschine von Hans
«Ha-a-ans! Könntest Du…?»

Haben Sie es gelesen? Er und sein Ehemann, sagte der schwule Schauspieler Neil Patrick Harris im «Migros-Magazin», versuchten, ihre Kinder möglichst geschlechtsuntypisch zu erziehen. Und doch müssten sie feststellen: «Gideon ist halt wie ein kleiner Junge und Harper wie ein kleines Mädchen. Er rennt mit einem Plastikhammer herum, sie trägt gern ein Prinzessinnenkleid.» Ich musste mit der Zeit ja auch einsehen, dass unser Bub zuweilen ein «typischer Bub» und Anna Luna «typisch Mädchen» ist. Aber ich mag es, wenn sie sich Ausnahmen leisten; wenn zum Beispiel Hans ein begnadeter Näher ist. Auch Harris freut sich diebisch, wenn seine Kinder vom Klischee abweichen: «Er mag die Farbe Pink, sie mag Spinnen und Schlangen!» Wie hat er – der ja so ein bisschen beides ist, Vaterin und Mutterer – mir aus dem Herzen gesprochen!

Ha-a-ans! Könntest Du…?

Man hat halt Freude, wenn es gelungen ist, den Kindern zu vermitteln: Du darfst tun, wonach dir der Sinn steht. Egal, ob das gesellschaftlich «vorgesehen» ist oder nicht. Und weil besagter Neil Patrick Harris der Barney aus Anna Lunas geliebter TV-Serie «How I Met Your Mother» ist (und im Film ironischerweise ein unverbesserlicher Frauenheld), musste ich das Interview herausreissen und nach Kentucky schicken. Es wird sie interessieren, wie der Titelheld nach neun Jahren endlich die Mutter seiner künftigen Kinder trifft. Anschauen muss sie sich das dann zu Hause, drüben steht die freizügige Serie nicht auf dem TV-Menü, weil pro Episode etwa zwei Dutzend Mal das in Anna Lunas Gastfamilie strengstens untersagte Wort f**ck ausgesprochen wird.

Kaum habe ich das Couvert zur Post gebracht, whatsappt Anna Luna ein Bild, auf dem sie mit einer Schrotflinte rumballert. Scheints zum Training für die anstehende Truthahnjagd … Meine Tochter mit einer Knarre! Ist das nun, ähm … ein willkommener Verstoss gegen Geschlechterstereotypen? Anderntags liegt ein Umschlag vom Amt für Militär und Zivilschutz im Kasten, adressiert an «Frau Anna Luna». Er enthält Broschüren, in denen schampar aufgestellte junge Menschen Schweizer-Kreuz-T-Shirts tragen, und lädt unsere Tochter zu einem militärischen Ausbildungs- und Ferienlager im Oktober ein. Dann wäre sie zwar wieder hier. Aber dieser Brief landet im Altpapier. Oder habe ich je gesagt, unsere Tochter solle selber entscheiden?

Bänz Friedli live: 9. 4. Birrhard AG, 10. 4. Lausen BL, 12. 4. Münchenbuchsee BE.

ANNA LUNA GOES WEST

Bänz Friedlis Tochter Anna Luna berichtet während ihres Austauschsemesters in den USA, wie es ihr ergeht. Ihr Bruder Hans antwortet aus Schweizer Sicht. Erfahren Sie, welche TV-Serien Anna Luna in Amerika schauen darf: zum Blog

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Autor: Bänz Friedli

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