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22. Juni 2015

Bao Li

Planschbecken Belastungstest ausgesetzt
Wenn das Planschbecken einem Belastungstest ausgesetzt wird ... (Bild: Keystone)

Ich habe Herrn Wu noch nie getroffen. Keine Ahnung, ob der Fabrikant seine Waren im Norden oder im Süden Chinas herstellt. Ich weiss nichts über diesen Menschen. Merkwürdigerweise gibt es dennoch eine Verbindung zwischen mir und dem Herrn aus dem Fernen Osten. Unsere gemeinsame Geschichte beginnt im heissen Sommer 2009. Ida, damals ein Jahr alt, sehnte sich nach einer Erfrischung. Ich kaufte zum ersten Mal ein Produkt aus dem Sortiment des Chinesen, ein sogenanntes «Bao Li», auf Schweizerdeutsch «Bädli» oder auf Deutsch Planschbecken.
Es war ein Modell mit Fliegenpilz-Baldachin, ideal für Kleinkinder, wie mir die nette Verkäuferin im Sportfachmarkt erklärte. Daheim packte ich das stinkende Gummigebilde aus, suchte das Ventil und begann, unser erstes Bao Li aufzublasen. Nach einer halben Stunde lag ich hyperventilierend in der Ecke. Das kleine Becken stand. Noch schnell Wasser einfüllen, und der Badeplausch konnte beginnen. Ida hatte den Babypool zum Fressen gern. Deswegen nagte sie noch am ersten Abend mit ihrem einzigen Zahn an der Gummihaut. Irgendwann machte es pfffff, und das Bao Li war ein Fall für den Werkstoffhof. (Herr Wu im fernen China lächelte.)

«Wir brauchen unbedingt einen Ersatz», mahnte meine Gatte an und fuhr schon bald los, um ein neues Bao Li zu besorgen. Modell Nummer 2 war etwas grösser, ohne Dach, dafür aus drei ringförmigen Kammern aufgebaut, die man separat aufblasen musste. Das, so rechnete er mir vor, sei dann doch zu viel für ein Baby mit nur einem Zahn. Ausserdem brachte Herr Leinenbach gleich noch eine praktische Luftpumpe mit (Made in China, Sie ahnen schon, von wem …) Unser zweites Bao Li hielt bis zu dem Nachmittag, an dem unsere beiden Nachbarsbuben auf einen Schwumm vorbeikamen. Sie begutachteten das Planschbecken und beschlossen, mehrere Belastungstests durchzuführen. Erstens auf dem Rand herumhoppeln und dabei wiehern, zweitens mit Anlauf über den Rand springen (und die Breite desselben voll unterschätzen). Am Schluss lag das Bädli mausetot am Boden.

Obwohl Herr Wu bereits ein weiteres Modell in die Schweiz ausgeliefert hatte, beschlossen wir, bis zum nächsten Jahr zu warten. 2010 verhakte sich Bao Li 3 in den Dornen einer Rose, 2011 fiel ein weiteres Becken den Krallen der Nachbarskatze zum Opfer. Ich schämte mich jeweils ein bisschen, wenn ich wieder Mal kiloweise Gummihäute und Ventilkappen zum Entsorgen brachte. (Herr Wu hatte diesbezüglich keine Bedenken.)

Tja, und so ging das dann weiter. Glauben Sie nicht, wir hätten nicht um unsere Bao Lis gekämpft! Haben wir doch. Ich kenne mich mittlerweile super mit Veloflickzeug aus. Und mit Paketband.

Vielleicht müssen wir aufhören, Herrn Wus Einsteigermodelle zu kaufen, schlug der Vater meiner Kinder letztes Jahr vor. Ich nickte (und Herr Wu jauchzte vor Freude). Das «Bao Li Lu Su» (=Luxus-Planschbecken) kostete ungefähr so viel wie eine Woche auf Mallorca. Egal, dachte ich, und brachte die Beute heim. Wir wollten erst mit der Luftpumpe ran, stellten dann aber fest, dass wir nun auch eine Lu-Su-Pumpe brauchten, glücklicherweise hatte Herr Wu die auch im Sortiment …

Ich schätze, ich kann hier aufhören, oder? Sie haben verstanden, auf was ich hinauswill. Nur noch so viel: Bao Li Lu Su hat die erste Saison überlebt. 2015 stellten wir es nach einem langen Winter erneut auf. Bald wäre es ein Jahr alt geworden. Doch gestern Abend machte es leise pffffff. Ein Wurstring ist nun platt, der Anfang vom Ende. Herr Wu muss ein glücklicher Mann sein.

Autor: Bettina Leinenbach