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08. Juli 2013

Ballettschüler Flavien Mingot: Langer und harter Weg nach oben

Schmerzen hat er fast jeden Tag irgendwo. Trotzdem kann sich der Schweizer Ballettschüler Flavien Mingot nichts Schöneres vorstellen, als zu tanzen. An der renommierten John-Cranko- Schule in Stuttgart gehört er zu den vielversprechendsten Talenten.

Flavien Mingot macht eine Tanzfigur
Die Freude an 
der Bewegung hat 
Flavien Mingot zum Tanz gebracht. Vor acht Jahren begann er zu trainieren.

Mit kritischem Auge verfolgt Dimitri Magitov die Bewegungen seiner sechs Schüler. Freundlich, aber bestimmt greift der 39-jährige Ballettlehrer aus der Ukraine ein, wenn er Unvollkommenheiten in der Haltung entdeckt, korrigiert einen zu wenig stark gehobenen Arm, ein falsch gebeugtes Knie, ermuntert und spornt an. Dabei wechselt er ständig zwischen Englisch und Deutsch, denn seine jungen Eleven kommen aus der ganzen Welt — einer davon aus der Schweiz.

Flavien Mingot (18) nimmt bereits seit vier Jahren Ballettunterricht an der John-Cranko-Schule in Stuttgart. Und wer es schafft, hier aufgenommen zu werden, der hat realistische Chancen auf eine Karriere, gehört die Akademie doch zu den besten der Welt. Der junge Tänzer steht konzentriert am Geländer vor der Spiegelwand und biegt seinen Oberkörper im Rhythmus der Pianomusik nach hinten. Magitov korrigiert ihn selten, und später, als die sechs Jungs ganze Tanzmotive üben, erhält Mingot gar ein «sehr schön» von ihm, was er mit einem zufriedenen Lächeln quittiert.

Ein beliebter Tanzfilm. Dirty Dancing (Bild: Vestron Pictures); Great American Films).

DIE BESTEN TANZFILME
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«Flavien ist diszipliniert, klug und sehr fleissig», sagt sein Ballettlehrer nach der zweistündigen Übungslektion, während die verschwitzten Schüler sich erschöpft umziehen. «Er gehört zu den Leadern in seiner Klasse und motiviert auch die anderen zu Bestleistungen.» Man merke, dass er wirklich etwas erreichen wolle. «Er geht immer und gerne an seine Grenzen.» Mingot und seine Mitstreiter starten nach der Sommerpause ins letzte Jahr ihrer Ausbildung; woran sie vor allem noch arbeiten müssen, ist der künstlerische Ausdruck. «Oft sind sie so sehr auf den Tanz konzentriert, dass sie ihr Publikum völlig vergessen. Der Fokus auf die Rolle, die sie spielen, ist aber mindestens ebenso wichtig», sagt Magitov, der selbst bis vor zwei Jahren im Ensemble des Stuttgarter Balletts getanzt hat.

In der Primarschule wurde ich ziemlich oft runtergemacht.

Immer wieder mahnt Magitov während seiner Lektion: «Und lächeln!» Das fällt nicht allen gleich leicht. Wohl auch deshalb nicht, weil fast allen gerade irgendetwas wehtut. Auch Mingot. «Mein rechter Fuss ist ein bisschen verletzt, den spüre ich jetzt natürlich dauernd. Und das linke Knie macht auch Probleme.» Das sei aber ziemlich normal. «Wenn du morgens aufwachst und dir nichts wehtut, bist du tot», zitiert er grinsend einen Spruch, den man normalerweise eher unter Rentnern hört.

Bisher hatte Mingot Glück, er hatte noch nie eine schlimmere Verletzung, brauchte im Gegensatz zu anderen auch noch keine Operation. «Und die Schmerzen verschwinden auch immer wieder, sie tauchen dann einfach woanders wieder auf.» Ballett ist Spitzensport, die Belastung für den Körper enorm. Entsprechend athletisch und gestählt sehen die jungen Tänzer auch aus.

Genauer Lehrmeister: Ballettlehrer Dimitri Magitov korrigiert die Haltung seiner Eleven.
Genauer Lehrmeister: Ballettlehrer Dimitri Magitov korrigiert die Haltung seiner Eleven.

Die Lust an der Bewegung war es, die Flavien Mingot zum Tanz gebracht hat. «Ich habe mich schon immer gerne verausgabt, habe früher Volleyball gespielt, Aikido gemacht. Und so mit zehn zum ersten Mal getanzt.» Seine Eltern unterstützten ihn vollumfänglich, was auch daran lag, dass sein Vater früher selbst davon geträumt hatte, zum Ballett zu gehen. Doch am Ende fehlte ihm der Mut dazu, so was machte man als Junge damals schlicht nicht.

Auch Flavien Mingot musste sich diesbezüglich einiges anhören. «Ich wurde von den Kollegen in der Primarschule ziemlich oft runtergemacht. So unter dem Motto ‹Wäh, Ballett, das ist doch nur was für Schwuchteln!› und ähnliche Sprüche.» An der Kunst- und Sportsekundarschule Neumünster musste er sich vormittags im Unterricht durchbeissen, nachmittags ging er umso motivierter ins Zürcher Kinderballett-Theater am Limmatplatz sowie an die Tanz Akademie Zürich zum klassischen Balletttraining.

Mingots Programm ist hart, auch samstags wird trainiert

2009 wurde er von der John-Cranko-Schule aufgenommen, er war 14. «Ich habe die Aufnahmeprüfungen für die John-Cranko- in Stuttgart und für die John-Neumeier-Schule in Hamburg bestanden, entschied mich jedoch für Stuttgart, weil die Ausbildung hier klassischer ist.» Während der ersten drei Ausbildungsjahre wohnte er im Internat der Schule und reiste fast jedes Wochenende nach Zürich — nach Hause zu den Eltern und zum jüngeren Bruder. Seit diesem Schuljahr teilt er sich nun eine Wohnung mit einem amerikanischen Ballettkollegen und bleibt auch am Wochenende meist in Stuttgart. Nicht zuletzt, weil sein Programm so dicht ist: Auch samstags wird trainiert, einzig der Sonntag ist wirklich frei. Dank der WG haben sich auch seine Kochkünste verbessert. «Jeder von uns hat eine Woche lang Küchendienst, und mein Mitbewohner kocht super, da versuche ich natürlich mitzuhalten.» Er könne im Übrigen essen, was und so viel er wolle, das sei überhaupt kein Thema.

Das Klischee von der geopferten Kindheit nervt.

Genauso wenig habe er für seine Ballettleidenschaft seine Kindheit oder Jugend geopfert. «Das ist ein Klischee, das mich wirklich nervt. Obwohl ich während dreier Jahre neben dem Ballettunterricht gleichzeitig auch das zweisprachige deutsch-französische Wagenburg-Gymnasium besuchte, habe ich immer genügend Zeit für mich und meine Freunde gefunden.»

Hingegen realisierte er an der Schule ziemlich rasch, dass ein anderes Klischee wohl doch gar nicht so falsch ist. «Ich bin einer der wenigen Heteros hier», sagt er und lacht. «Es ist also genau umgekehrt wie ansonsten auf dieser Welt: Hier sind wir die Minderheit und müssen schauen, wie wir klarkommen.»

Am Anfang habe er sich von den Schwulen eher ein bisschen ferngehalten und vor allem mit den anderen Heteros Freundschaften geknüpft, inzwischen sei er aber recht entspannt und offen. «Klar hat früher der eine oder andere versucht, mit mir anzubändeln, aber sobald ich klargemacht habe, dass ich hetero bin, war das kein Problem mehr.»

Seit sich Flavien in eine Balettschülerin aus Rio de Janeiro und gleichzeitig in ihre Sprache verliebt hat, spricht er neben deutsch, französisch und englisch auch noch fliessend portugiesisch. Das kann er auch mit einem seiner schwulen Klassenkollegen aus Brasilien regelmässig trainieren, mit dem er mittlerweile richtig eng befreundet ist. «Wir sind wie Brüder und erzählen uns alles.»

Neben dem Talent brauchen die jungen Tänzer auch Glück

Es läuft also bestens für den fröhlichen jungen Mann. Und dann hat er erst noch gute Aussichten auf eine blendende Zukunft, denn wer es an die Akademie der John-Cranko-Schule schafft, der bekommt fast immer einen Job. Und auch Tadeusz Matacz, Direktor der Schule und Flavien Mingots Hauptballettlehrer, räumt dem Schweizer intakte Chancen ein. «Er ist auf guten Wegen, seinen Traum als Solotänzer zu erfüllen», sagt der 55-jährige Pole, der «John Cranko» seit 1999 leitet (siehe Box zum Film «First Position» oben rechts). «Es braucht aber immer auch eine Portion Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort auf die richtigen Choreografen zu treffen, die das Potenzial sehen und mit einem Tänzer arbeiten wollen.»

Flavien Mingot versichert, dass er auch als Gruppentänzer glücklich werden könnte. Aber am liebsten sind ihm schon Auftritte mit kleinen Solorollen, wie er sie in diversen Stücken der Ballettschule auch schon getanzt hat. Solopräsentationen sind oft auch Bestandteil von Tanzwettbewerben, wie zum Beispiel beim Studienpreis Tanz des Migros-Kulturprozents, den Flavien schon drei Mal gewonnen hat. Dank dieses Erfolgs bekommt er seit drei Jahren einen Zustupf von 1200 Franken pro Monat an seine Ausbildung. Den Rest finanzieren die Eltern.

Mingot hofft, dass er nach dem Diplom eine Anstellung beim Stuttgarter Ballett erhält. «Aber ich werde sicher versuchen, verschiedene Auditions zu bestreiten; ich finde dann schon etwas Passendes.» Ihm ist auch durchaus bewusst, dass er den Job als Balletttänzer nur für eine begrenzte Zeit ausüben kann. Wie bei jedem Spitzensport wird es ab 30 langsam schwierig. Was danach kommen könnte, weiss er noch nicht so recht. «Ich liebe Sprachen und Reisen, und mit meiner Fachhochschulreife könnte ich auch studieren.» Er zuckt mit den Schultern. «Aber ganz ehrlich: Was soll ich darüber nachdenken, was in 20 Jahren ist? Das werden wir dann sehen.» Sagts und eilt davon zu seinem nächsten Training.

Am 13. Juli tritt Flavien Mingot bei der Ballett-Matinée im Opernhaus Stuttgart auf.

Fotograf: Cira Moro