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10. September 2012

Balanceakt

Der Berner Kletterer Bernhard Witz liebt es, den Boden unter den Füssen zu verlieren. Er spaziert in schwindelerregender Höhe von Berg zu Berg. Nicht nur das Balancieren, auch das Einrichten des Hochseils ist jedes Mal eine Reise an die Abgründe der Angst. In der obigen Online-Galerie finden Sie die Bilder vom Fotoshooting in den Alpsteiner Kreuzbergen.

Bernhard Witz in den Kreuzbergen
Bernhard Witz auf einem präparierten Highline-Seil in den Kreuzbergen. (Alle Bilder: Thomas Stöckli)

Steil ragen die kalkigen Felsen der Sankt Galler Kreuzberge in die Höhe. Der Nebel hängt dicht. Links und rechts fallen die Felswände ins weisse Nirgendwo. Der Berner Bernhard Witz (30) und seine Kollegen Moritz, Alexis, Simon, Claudio und Salvatore bewegen sich flink wie Gämsen über die schmalen Grate.

Im Morgengrauen aufgebrochen, sind sie nun seit vier Stunden dran, vom Südrippli des dritten Kreuzbergs auf die beiden benachbarten Grate zweieinhalb Zentimeter breite Bänder zu spannen, sogenannte Highlines, über die sie danach balancieren wollen.

Im Nebel werden die Bänder am feuchten Fels befestigt

Sie mussten zuerst die geeignete Stelle für ihre Balanceakte finden, haben nach Ritzen und Spalten gesucht, Klemmkeile gesetzt, die fest im Fels verankert sein müssen, Sicherungsseile und Bänder befestigt. Alles bei Nebel, Feuchtigkeit und glitschigem Fels.

Es dauert Stunden, die Highline aufzubauen.
Erst die Arbeit, dann das
Vergnügen: Es dauert Stunden, die Highline aufzubauen. (Bild: Simon Egger)

«Jede Highline ist eine Expedition ein unvorhersehbares Abenteuer», sagt Bernhard Witz. «Wir wissen nie genau, was wir am Berg antreffen. Doch genau das macht den Reiz aus.» Der Berner schmunzelt. Er liebt die Herausforderung, das Ungewisse, das Klettern. Der ausgebildete Designer und Gebirgsspezialist kraxelte schon als Teenager in der Freizeit am liebsten an steilen Gebirgswänden herum. Aufgewachsen am Bielersee, waren die vielen Kletterparadiese des Juras bloss einen Katzensprung von zu Hause entfernt.

Mit 24 entdeckte er das «Slacklinen». Ein Freund hatte in der Bieler Altstadt eines dieser elastischen Bänder gespannt. Bernhard probierte es aus. «Zuerst dachte ich, das schaffe ich nie», erinnert er sich. Sein Ehrgeiz war geweckt, er übte täglich. Schon nach einer Woche lief er die erste Line, ohne runterzufallen. Er übte Sprünge, Absitzen, Aufstehen, Drehungen.

Ein Jahr später wagte er sich in Ponte Brolla, dem Schweizer Treffpunkt der Slackliner, erstmals über eine Schlucht. Von da an wollte er die Slackline dort spannen, wo sie Highline heisst und der Abgrund unter den Füssen mehrere hundert Meter tief ist. Heute gehört Bernhard zu den besten Highlinern der Welt.

Es ist fünf Uhr, die Highlines in den Kreuzbergen sind fast fertig aufgebaut. Salvatore taucht aus dem Nebel auf. An seinem Klettergstältli baumeln Karabiner, Klemmkeile, Seilklemme, Abseilgerät und eine Flöte. Die hat er immer dabei — und spielt auch schon mal auf der Highline, wenn er trittsicher genug ist. «Wir müssen nur noch tapen», sagt er. Das heisst: Das Sicherungsseil mit dem elastischen Band verkleben. Salvatore macht das gerne: «So gewöhne ich mich an die Höhe.» Und meint: «Ich fürchte mich auch beim Klettern immer wieder vor dem Abgrund, das ist normal.»

Unverbaute Aussicht inklusive: Highliner Bernhard Witz an der Eiger Nordwand.
Unverbaute Aussicht inklusive: Highliner Bernhard Witz an der Eigernordwand. (Bild: Henning Maier-Jantzen)

Halb sechs — endlich. Alexis läuft als Erster. Er geht barfuss. Seine Bergschuhe hat er auf einem klitzekleinen Felsvorsprung ausgezogen. Als er auf der anderen Seite ankommt, reisst er die Arme in die Höhe, juchzt. Seine Freunde klatschen. Nun bindet Bernhard sich in den Sicherungsring ein, rutscht sitzend gut einen Meter aufs Band hinaus. Dann das Schwierigste: auf dem Band aufstehen. Doch der Berner steht im Nu, das Seil wackelt nur wenig, er balanciert auf die andere Seite, die Arme weit von sich gestreckt, ein Lachen auf den Lippen. Wieder gibt es Applaus, Jubelrufe.

Bald fällt der Erste ins Seil, es rattert und knallt. Claudio hängt drin, er ist erst das dritte Mal auf einer Highline. Es dauert lange, bis er sich mitten über dem Abgrund wieder hinaufgekämpft hat. Atemlos schauen alle zu. Die mentale Herausforderung ist riesig, trotz doppelter Sicherung. «Da oben kämpfst du mit der Todesangst. Der Körper sagt dir: Hier gehörst du nicht hin», erklärt Alexis.

Die Jungs sind kaum mehr vom Berg zu kriegen. Bis zuletzt nutzen sie das Tageslicht aus. Es ist stockfinster, als sie in der Hütte eintreffen. Ihre Wangen sind gerötet, die Freude über die heutige Expedition steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Sie zeigen einander Fotos vom Berg, Futter für Facebook und Blogs.

Stefan spendiert eine Runde Bier, der Hüttenwart tischt Spaghetti auf. Die Gespräche drehen sich um Slackline-Festivals, um die Cracks der Szene, die Verrückten und Vorbilder, die aussergewöhnlichsten Slackline-Kulissen der Welt. Bernhard erzählt vom einwöchigen Ausflug nach Norwegen: 24 Stunden Fahrt, ein Tag Aufbau, ein Tag Highlinen, danach Abbau wegen schlechtem Wetter und zwei volle Tage Rückfahrt.

1500 Meter freie Sicht in den Talboden hinab

Der Aufwand lohnt sich — immer. Denn Misserfolge gibt es für Bernhard und seine Kletterkollegen nicht. Klappt eine Expedition nicht, versucht man es einfach nochmals. Wie das Abenteuer zum Mönchsbüffel im Lauterbrunnental. Eine Woche war Bernhard mit fünf Kollegen dran, eine Highline aufzubauen: Sie schliefen im Biwak unterhalb der Wand, der Zu- und Abstieg dauerte sechs Stunden, das Wetter war miserabel.

Nach fünf Tagen war die Highline gespannt. Mit Balancieren wurde jedoch nichts: «Das Band war 53 Meter lang, sehr exponiert, und es windete stark», erinnert sich Bernhard Witz. «Das war schlicht zu schwierig.» Ein Jahr später versuchten sie es zum zweiten Mal — die Expedition glückte.

Bernhard Witz überquert die Highline über der Eigernordwand.
Zwischen Jubel und Todesangst: Bernhard Witz überquert die Highline über der Eigernordwand. (Bild: Henning Maier-Jantzen)

Witz hat schon viele spektakuläre Highline-Plätze erobert. Er lief als erster Schweizer die legendäre «Lost Arrow Spire-Highline» im kalifornischen Yosemite-Nationalpark, dem Geburtsort des Slacklinens. Vor drei Jahren spannte er am «Pilz» in der Eigernordwand ein Band und lief es ungesichert. Das hat vor ihm noch keiner gewagt. Letztes Jahr installierte er in Norwegen die weltweit höchste Line in der Trollwand, der grössten Steilwand Europas. Er hatte 1500 Meter freie Sicht in den Talboden hinab.

Wenn Bernhard Witz nicht gerade in den Bergen ist, pflegt er das Slacklinen in Pärken, zwischen Häusern, über dem Wasser oder zu Hause auf seiner «Homeline». Fast kein Tag vergeht, an dem er oder seine Kollegen sich nicht fragen: Könnte man hier eine Line spannen?

«Das Highlinen verändert deine Sicht auf die Welt massiv», sagt Alexis. «Du hältst immer nach möglichen Stellen Ausschau, egal, wo du bist. In der Stadt, am See, im Gebirge.» Vor einem Jahr hat er angefangen, er gehört schon zum harten Kern und hilft bei der Organisation von Anlässen wie dem Berner Slackline-Festival mit, das jeweils im August auf dem Berner Campingplatz Eichholz stattfindet.

So cool diese Festivals auch sind, Höhepunkte aller «Slacktivitäten» sind für Bernhard Witz und seine Kollegen die Expeditionen in die Berge. Denn das ­Gefühl dort oben ist einmalig. Es kann süchtig machen. Und so stört es die jungen Männer auch nicht, dass es am nächsten Morgen in Strömen regnet und die Wolken tief in den Gipfeln hängen. Sie schultern ihre Rucksäcke, ziehen die Kapuzen tief ins Gesicht. Ihr Ziel: eine dritte Highline in den Kreuzbergen spannen.

Autor: Claudia Langenegger