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24. März 2014

Bänzli reloaded

Noch etwas trümmlig wie stets am Morgen hantiere ich in der Küche, stelle im Pyjama die Frühstückssachen derer in den Spültrog, die früh aus dem Haus mussten, räume den Geschirrspüler leer und … es passiert: Weil ich wieder mal drei Henkeltassen aufs Mal in den Schrank stellen will, streife ich eine Flasche voller Resistenztropfen, die zu äusserst auf dem Tablar steht, und zwar kein Fläschchen, nein, eine Flasche, gefüllt mit 200 Millilitern und fast 400 Gramm schwer. Sie fällt zu Boden und …

Ich streife eine Flasche, die zuäusserst auf dem Tablar steht …

Inhalt von Bänz Friedlis Küchenschrank
«Ich streife eine Flasche, die zuäusserst auf dem Tablar steht …»

Nicht auszudenken, welch Sauerei das gegeben hätte. Die dunkle Tinktur überall verspritzt, alles voller Splitter … Ganz abgesehen vom Verlust, denn solch eine Flasche Echinaforce kostet 50 Franken. Aber sie ist eben nicht zu Boden gefallen, ich habe sie mit dem nackten Fuss aufgefangen, ihren Sturzflug abgefedert und sie dann sanft auf den Küchenboden gleiten lassen, alles binnen Sekundenbruchteilen. Die Flasche blieb heil, und mir fällt Santiago Canizares ein, damals Goalie des spanischen Nationalteams. Der arme Kerl verpasste, Opfer der eigenen Reaktionsschnelligkeit, im Jahr 2002 die Fussball-WM: Ihm war kurz vor Turnierbeginn im Hotelbadezimmer eine Parfümflasche entglitten, er fing sie – ganz Torhüter! – mit dem Spann seines Fusses auf, doch die Flasche zersplitterte, eine Scherbe durchtrennte eine Sehne. Aus der Traum von der Weltmeisterschaft! Ich habe Glück, komme mit einem blauen Fleck davon. Und mit dem Trost: Immerhin, die fussballerischen Reflexe sind noch da. Ich darf die Freiluftsaison, meine sechzehnte im Verein, getrost in Angriff nehmen. Noch bin ich als Teamältester nicht gar so alt.

Trost, den spendete auch Frau Bandi, als ich letzthin meine Mutter besuchen ging, deren Nachbarin sie ist. Ich schlendere das Strässchen entlang, auf dem wir einst «Himmel und Höll» spielten – wobei wir die Felder mit einem Stein auf den Asphalt ritzten –, später Völkerball und Rollhockey, das Strässchen, das mein Schulweg war, denke mir noch, wie klein alles geworden ist, schon grüsst sie hinterm Gartenzaun: «Tschou Bänzli!» Hält inne. Merkt, dass etwas nicht stimmt. Läuft rot an und korrigiert sich: «Eh, nei, ’tschuldigung: Grüessech, Bänzli!» Hat sie also von der Du-Form aufs Siezen gewechselt, die gute Frau Bandi. Den Bänzli aber liess sie stehen. Und für Augenblicke habe ich mich mit meinen bald 49 Jahren sehr jung gefühlt.

Gross war sie, die kleine Welt, die damals meine einzige war. Und wurde in der Erinnerung noch grösser. Jetzt aber fällt mir beim Gang durchs Dorf meiner Kindheit auf, wie niedrig Schädelis Scheune, wie kurz der Gehweg von der Postautostation nach Hause ist, wie klein das Futtersilo, das ich für turmhoch hielt. Und selbst der Garten meines Elternhauses, Schauplatz unendlicher Streifzüge, übersät mit Canyons, in denen wir Indianer und Cowboys spielten, gespickt mit Schleichwegen und Verstecken, wo wir Schätze horteten, selbst dieser einst so riesige Garten ist nun niedlich klein und überschaubar, geschrumpft auf Normalgrösse.

Nicht nur Erinnerung lässt Dinge grösser erscheinen, auch Imagination, genährt aus 100 Filmen. Die klingende «Route 66» hatte ich mir tausendmal ausgemalt – und fand mich dann auf einer schäbigen Landstrasse wieder. Wirkliche Grösse findet man in Amerika, wo man sie nicht erwartet hat: am stillen Moosehead Lake droben in Maine, in den traumhaften Sümpfen des Südens. Ich kann nur vermuten, dass die grossen Momente von Anna Lunas USA-Aufenthalt kleine Erlebnisse sein werden. Die «Bikini challenge», zum Beispiel: wenn sie und ihre Gastschwester sich im Bikini in den Schnee legen. Ein Ausritt hoch zu Ross. Oder eine unverhoffte Begegnung. Sie wird es uns erzählen. Ich freue mich darauf.

ANNA LUNA GOES WEST

Bänz Friedlis Tochter Anna Luna berichtet während ihres Austauschsemesters in den USA, wie es ihr ergeht. Ihr Bruder Hans antwortet aus Schweizer Sicht. Erfahren Sie, was die beiden auf dem Schulweg erleben. Zum Blog

Bänz Friedli live: 25. 3. Basel, «Thalia»: CD-Vernissage. 26. 3. Boll-Utzigen BE.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli