Archiv
08. Dezember 2014

Bänz Friedli gewinnt Salzburger Stier

Migros-Magazin-Kolumnist Bänz Friedli erhält den begehrten Kleinkunstpreis «Salzburger Stier». Der Hausmann im Gespräch mit «Mamma mia!»-Autorin Bettina Leinenbach.

Bänz Friedli wohnt in Zürich
«Ich war zunächst sprachlos – das ist eine Riesenehre», sagt Bänz Friedli.

Bänz Friedli, du erhältst den bedeutendsten Kleinkunstpreis im deutschsprachigen Raum. Was ging dir durch den Kopf, als du erfahren hast, dass du den «Salzburger Stier» gewinnst?

Ich war zunächst mal sprachlos. Ganz platt. Ich meine, das ist eine Riesenehre, plötzlich in einer Reihe mit früheren Preisträgern wie Emil, Franz Hohler, ­Michel Gammenthaler und Ursus & ­Nadeschkin genannt zu werden.

Die Leserinnen und Leser kennen dich vor ­allem als den «Hausmann». Wie wird aus ­einem Kolumnisten ein Kabarettist?

Geplant war das nicht, aber es ist ein Geschenk, dass es sich so ergeben hat. Ich begann schon früh, meine Kolumnen vor Publikum zu lesen, mittlerweile sind es schon über 500 Auftritte. Die Bühne, die Interaktion mit den Leuten, das Spon­tane, das liegt mir. Ich habe zunehmend mehr improvisiert und zuletzt gar nicht mehr vorgelesen. 2013 wagte ich dann erstmals ein abendfüllendes Kabarettprogramm in Mundart, und es schlug unglaublich schnell ein.

Gibt es jemanden, der dir auf die Finger guckt?

Erst hinterher. Die wertvollste Kritikerin ist meine Frau, weil sie so präzise und gescheit ist. Leider war sie ausgerechnet bei der Premiere von «Gömmer Starbucks?» beruflich unterwegs. Schade, denn bei ihr weiss ich, dass sie immer ehrlich ist.

Wie wichtig ist die Familie?

Absolut zentral. Meine Frau und die Kinder, das macht mich aus. Ich lerne jeden Tag von ihnen. Gerade war ich an einem Konzert von Stromae, dem belgischen Rapper. Ich wäre nicht dorthin gegangen, hätte die Tochter uns nicht mitgeschleppt. Ich unterhielt mich mal mit ­einem älteren Künstler; der meinte, eine Familie würde einen nur ablenken, man brauche Freiheit, um in der Kunst voranzukommen. Quatsch. Für mich ist das Gegenteil der Fall.

Durch deine Kolumnen meinen die Leser nicht nur dich, sondern auch Anna Luna, Hans und deine Frau zu kennen …

Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl, dass die Leute Woche für Woche unseren Alltag verfolgen, fast so, als wären wir das englische Königshaus. Unlängst sass ich mit meiner Tochter im Tram. Da sagte eine ältere Dame zu uns: «Und du bist in dem Fall die Anna Luna! Ich weiss alles über dich.»

Wie hat deine Tochter reagiert?

Erstaunlich abgeklärt. Sie lächelte höflich. Später meinte sie trocken: «Sie weiss gar nichts.» Und sie hat recht.

Wie viel Bänz Friedli kennt die Leserin?

Vielleicht 30, 40 Prozent. Dass ich immer wieder mit dem Zopfteig und den Fixleintüchern hadere, dass ich YB- und Elvis-Fan bin, stimmt zwar alles, aber …

Was bleibt unausgesprochen?

Es gibt intime und heilige Familien­momente, die ich nie preisgeben würde. Zu Familienfotos haben wir all die Jahre stets Nein gesagt. Und meine Frau soll nicht «die Frau des Hausmanns» sein, wenn sie als Filmerin fürs Schweizer Fernsehen irgendwohin kommt. Sie ist eine eigenständige Persönlichkeit.

Ist der Hausmann eine Kunstfigur?

Definitiv nicht. Ich schreibe zwar nicht alles. Aber alles, was ich schreibe, ist wahr. Ich war vor der «Hausmann»-­Kolumne Hausmann, bin es und werde es bleiben. In der Kolumne habe ich von Anfang an versucht, in der kleinen Welt die grosse zu spiegeln. Der Hausfrauenalltag ist nämlich nicht banal. Wir treffen dauernd politische Entscheide. ­Kaufe ich Spargeln aus Südamerika oder nicht, kaufe ich «bio» oder «aus der Region»? Wer Kinder aufzieht, gestaltet die Welt von morgen. Wenn das gesellschaftlich nicht relevant ist, was dann?

Bist du ein politischer Mensch?

O ja. In der Kolumne greife ich politische Themen allerdings nur auf, wenn sie für den Familienalltag von Bedeutung sind.

Wie kommt das an?

Sehr unterschiedlich. Als ich 47 war, echauffierte sich ein Leser: «Jetzt fängt dieser Friedli auch noch an zu politi­sieren!» Ich musste schmunzeln, denn damit fing ich mit 20 an, ich war damals der jüngste Gemeinderat der Schweiz.

Ein schräges Bild: Bänz bügelt ein Hemd – und politisiert dabei.

Du ahnst gar nicht, wie nahe diese ­Dinge bei mir beisammen liegen. Mein Büro befindet sich im Keller, neben der Waschküche. Während ich am Laptop arbeite, kann ich rasch mal nebenan einen Fleck vorbehandeln. Sehr praktisch.

Verrate etwas aus deinem Schreiballtag!

Oje! Ich kreise die Arbeit stets ein, mache zunächst alles Unwichtige, bis ich mich endlich aufraffe, mit dem Schreiben anzufangen. Ich bin unkonzentriert, lasse mich von allem und jedem ablenken. Das hat unser Hans von mir.

Du machst jede Woche eine Kolumne für das Migros-Magazin, schreibst für das Radio, arbeitest an neuen Bühnenprogrammen. Wie schafft das ein Unkonzentrierter wie du?

Die Redaktion verlangt seit neuneinhalb Jahren eine Reservekolumne von mir, für den Notfall … Unter uns: Es gibt keine. Ich kann einfach nicht auf Vorrat schreiben. Vielleicht brauche ich diesen Kick.

Hast du eigentlich Lampenfieber?

Immer. Das ist ein Muss. Wenn das flaue Gefühl vor einem Auftritt fehlt, dann geht er bestimmt in die Hose.

Autor: Bettina Leinenbach

Fotograf: Vera Hartmann