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11. Mai 2015

Knochenharter Traumjob

Wer als Arbeitsuniform eine Badehose trägt, gilt entweder als Faulenzer oder als Sexsymbol. Dabei haben Bademeister meist viel Arbeit, eine grosse Verantwortung und sind eher eine Mischung aus Kindermädchen, Putzfrau und Krankenschwester.

Bademeister
Bademeister

Den ganzen Tag am Pool sitzen und den schönen Mädchen nachblicken: So stellen sich Un­bedarfte den Job als Bademeister vor. Die Realität sieht anders aus.

Mit welchen Herausforderungen Bademeister täglich konfrontiert sind, lässt beispielsweise die Stellenausschreibung der Gemeinde Neuhausen SH erahnen. Dort wird neben den diversen obligatorischen Brevets und Ausweisen auch «Verständnis für die Jugend», «gute Umgangsformen», «Belastbarkeit und Selbständigkeit» sowie «technische Kenntnisse für die Bedienung von Maschinen und Apparaten» gefordert.

Zudem beginnt das Schuften meist lange, bevor die ersten Gäste kommen: Damit er seine Badi am vergangenen Samstag rechtzeitig zum Saisonbeginn eröffnen konnte, hat Fritz Oertli, Chefbademeister des Strandbads Nidau BE, seine Arbeit bereits Mitte März aufgenommen: «In der Vorbereitungsphase gibt es jeweils viele Unterhaltsarbeiten zu erledigen. Putzen, Malen, Reparieren.» In diesem Jahr habe er zudem mit dem Hochwasser gekämpft, das in den vergangenen Wochen die Schwimmbecken geflutet habe.

In der Hochsaison arbeitet Bademeister Oertli oft mehr als 14 Stunden am Tag. Klagen über seinen Job will er aber trotzdem nicht: «Ich bin fest angestellt und kompensiere meine Überzeit im Winter.» Die freien Tage in der kühlen Jahreszeit verbringt er ­entgegen des Klischees nicht etwa mit den zahlreichen weiblichen Bekanntschaften von der Liegewiese, sondern mit der Frau von der Kasse – seiner Lebenspartnerin.

EXPERTENINTERVIEW

«Ich bin immer für einen Spruch zu haben. Aber Flirten würde ich das nicht nennen»

Fritz Oertli, Sie verbringen den ­ganzen Sommer im Strandbad. ­Haben Sie einen Traumjob?

Das ist relativ. Nach 20 Jahren im Strassenbau habe ich versucht, mein Hobby zum Beruf zu machen. Ich war lange aktiv im Pikettdienst der Seerettung in Biel, darum habe ich die Stelle auch bekommen.

Ein Schoggijob: Als Bademeister sitzen Sie vor allem unter dem Sonnenschirm und schauen den Gästen beim Planschen zu.

Das ist ein Klischee und war vielleicht früher mal so. Das höre ich oft: «Du Chaib, du häsch es locker. Dä ganz Dag i dr Sunne dä Froue am Nocheluege.»

Dem ist nicht so?

Mein Arbeitstag beginnt um 6 Uhr morgens mit der Wasseraufbereitung. Das ist eine ständige Herausforderung. Das Badewasser kommt heute direkt hinter dem Trinkwasser. Da lässt mir der Kantonschemiker wenig Spielraum. Überhaupt die Sauberkeit der Anlage: Abfall einsammeln, Rasen mähen, Gartenwege pflegen, Sanitäranlagen reinigen. Die Toiletten kontrollieren wir jede Stunde.

Aber zu Ihrem Job gehört auch die Aufsicht: Das ist doch locker!

Auch da kann man nicht einfach vor sich hin träumen. Es geht schliesslich um die Sicherheit der Gäste. Zudem sind wir bloss vier Bademeister und müssen im Hochsommer rund 5000 Besucher pro Tag beaufsichtigen.

In welchen Situationen müssen Sie eingreifen?

Etwa bei Kleinkindern, die mit Schwimmflügeli im See sind. Auf­blasbare Schwimmhilfen sind keine Sicherheit und gehören darum nicht ins tiefe Wasser. Auch die Rutschbahn im Nichtschwimmer­becken ist eine heikle Stelle. Sind die Eltern nicht aufmerksam, kann es sein, dass sich so ein kleiner Pfupf allein zur Rutsche aufmacht und dann weder schwimmen noch im Wasser stehen kann. Es gibt leider immer mehr Eltern, die das Strandbad als Kinderhort betrachten.

Sie sind also nicht nur Putzfrau, sondern auch Kindermädchen?

Wir sind für den Notfall da, wenn wirklich etwas passiert. Aber wir sind kein Kinderhütedienst. Die Verantwortung liegt in erster Linie bei den Eltern. Würde ein Kind im Vorschulalter ertrinken – was bei uns zum Glück noch nie passiert ist –, wäre das «Vernachlässigung der elterlichen Aufsichtspflicht».

Mit welchen Verletzungen sind Sie am häufigsten konfrontiert?

Die meisten, die mich als Sanitäter brauchen, kommen wegen Schürfungen. Da gibts dann ein Pflaster. Bienenstiche gibt es bei uns relativ selten, weil wir den Rasen frei von Blumen halten.

Müssen Sie auch Polizist spielen, etwa bei frechen Kindern?

Es gibt sie schon, die schwierigen Jungs. Aber inzwischen weiss ich, wie ich sie nehmen muss. Und man kennt sich ja in der Regel noch von der letzten Saison. Sie sind dann einfach ein Jahr älter und im Idealfall etwas schlauer.

Was ist Ihr Geheimtipp im Umgang mit den schwierigen Gästen?

Das Prinzip ist eigentlich ganz einfach: So, wie man in den Wald ruft, so tönt es auch zurück. Darum bleibe ich immer freundlich. Ich gehe einfach hin und sage: So geht es nicht – und erkläre dann auch, warum.

Aber jetzt mal ganz ehrlich: Zum Flirten kommen Sie schon hin und wieder?

Ich bin immer für einen Spruch zu haben. Aber Flirten würde ich das nicht nennen. Schliesslich bin ich in festen Händen. Und überhaupt: Meine Lebenspartnerin würde mitbekommen, wenn ich meine Position als Bademeister missbrauchen würde – sie sitzt an der Kasse.

Autor: Andrea Freiermuth