Archiv
12. Januar 2015

Babysimulator: Crashkurs für Eltern

Mit einem computergestützten Babysimulator erleben Jugendliche Stress und Freuden mit einem Kleinkind hautnah.

Babysimulator Crashkurs für Eltern
Lernen, was später auf einen zukommt: Jugendliche im Unterricht mit dem Babysimulator (Bild: Susanne Esser).

Mitten in der Mathestunde schreit ein Baby, ein weiteres bekommt gerade sein Fläschchen. Die anderen Winzlinge sind am Dösen. Dazwischen hängen Schüler übernächtigt in ihren Stühlen und probieren, sich zu konzentrieren. Was nach einer Szene aus einem absurden Film klingt, ist Konzept. Es heisst «Storch+» und ist ein Projekt des Heilpädagogischen Instituts der Universität Freiburg. Federführend ist Dagmar Orthmann Bless (49). Die Wissenschaftlerin hat damit 2013 eine Erziehungsidee in die Schweiz geholt und weiterentwickelt, die in Deutschland seit 2000 normaler Alltag ist und in den USA sogar eine noch längere Tradition hat.

Auch das Fläschchen muss gegeben werden
Auch das Fläschchen muss gegeben werden (Bild: Susanne Esser).

Und darum gehts: Jugendliche sollen fortan nicht nur Rechnen, Lesen, Kochen und mit 18 Autofahren lernen, damit sie fit sind fürs Leben. Dazu gehören laut Orthmann Bless auch die Auseinandersetzung mit dem Thema Elternschaft und der Umgang mit einem Baby: «Früher haben wir in Grossfamilien gelernt, wie man mit Kleinkindern umgeht, heute bekommen wir das nicht mehr mit. Da fehlt etwas.»

Dafür werden die Jugendlichen während vier Tagen und drei Nächten Eltern eines computergestützten Babysimulators, um den sie sich kümmern müssen. Rund um die Uhr. Er verhält sich ganz lebensecht – schreit, weint, schläft, braucht Fläschchen und frische Windeln, will herumgetragen werden. Er zeichnet alles auf, was während des Experiments geschieht. Ein Chip am Handgelenk der Übungseltern stellt zudem sicher, dass die Jugendlichen ihre Aufgaben wirklich selbst wahrnehmen.

Jugendliche finden es hart, erleben aber auch Stolz

Dass man den Umgang mit Babys per Computer nur bedingt lernen kann, ist Dagmar Orthmann Bless bewusst: «Es sind natürlich Simulatoren, was auch Vorteile hat. Denn einerseits haben wir gesehen, dass die Jugendlichen ihre Aufgabe sehr ernst nehmen. Die Simulatoren funktionieren also wirklich. Andererseits haben sie eben doch immer im Hinterkopf, dass es kein echtes Kind ist und dass Fehler nicht gravierend sind. Das entlastet.»

Die Kritik, dass man nach vier Tagen mit einem Babysimulator noch nicht familientauglich sei, nimmt Orthmann Bless ernst: «Das ist wahr. Aber die Erfahrungen mit den Jugendlichen sind sehr gut. Sie kommen zwar an ihre Grenzen und finden es härter als erwartet. Gleichzeitig sind sie aber meist immens stolz darauf, es geschafft zu haben.»

Üben mit dem Computerbaby: Die Puppe braucht ihr Fläschchen und muss gewickelt werden.
Üben mit dem Computerbaby: Die Puppe braucht ihr Fläschchen und muss gewickelt werden (Bild: Susanne Esser).

Anders als in den USA, wo die Simulatoren entwickelt wurden, um Teenagerschwangerschaften zu verhindern, möchte Orthmann Bless den Jugendlichen damit eine Möglichkeit geben, sich mit dem Elternsein in allen Entwicklungsstufen des Kindes zu befassen. Die Schüler setzen sich mit sich selbst und ihrer Lebensplanung auseinander.

Das Baby soll bald zum normalen Unterricht gehören

Dazu gehören auch Fragen wie: Was braucht das Baby, wenn es ein älteres Kind ist? Wie ist es, einen rebellischen Teenager zu erziehen? Damit landen die Jugendlichen quasi auf der anderen Seite des Spiegels, da sie ja selbst Teenager sind, die Eltern haben.

«Es geht nicht darum, den Moralfinger zu heben und zu sagen: verhütet! Es geht um Schlüsselkompetenzen für die eigene Lebensbewältigung insgesamt», betont Dagmar Orthmann Bless.Daher wird der praktische Teil mit dem Simulator ergänzt durch einfach aufgebaute Unterrichtsmodule. Anders als bisherige Programme für Jugendliche sind sie strukturierter und handlungsorientierter. Orthmann Bless hofft, dass das Training schon bald zum normalen Unterricht gehört, wie in weiten Teilen Deutschlands: «Das Interesse von Schulen und Vereinen ist auf jeden Fall da und wächst ständig.»

Übrigens: Lehrpersonen, die ihre Mathestunden auch während der Projekttage doch lieber ohne Babygeschrei abhalten möchten, haben die Möglichkeit, die Simulatoren für bestimmte Zeiträume auf «Schlummern» zu programmieren.

Autor: Andrea Fischer-Schulthess