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31. August 2016

Leser-Beiträge: Babys richtig ernähren

Wann sind Babys bereit für Beikost? Da gehen die Meinungen auseinander. Auf einen Artikel des Migros-Magazins haben sich zahlreiche Mütter gemeldet und das Thema untereinander diskutiert. Stellvertretend schreiben hier Stillberaterin Evelin Camponovo und Doris Feusi von der Mütter- und Väterberatung Aargau.

Der Artikel «Jetzt ist Zeit fürs Breili» hat auf der Facebook-Seite des Migros-Magazins zu Diskussionen geführt. Zum kontroversen Thema nehmen zwei Leserinnen ausführlich Stellung:

«Alle Babys sind individuell»

Das (gesunde) Baby ist bereit für Beikost, wenn es:

  1. mit wenig oder ohne Hilfe sitzen kann
  2. gezielt nach Dingen greifen und sie zum Mund führen kann
  3. Kaubewegungen macht
  4. der Zungenstreckreflex abgeschwächt ist (das Baby keine Nahrung mehr rausschiebt)
  5. selbständig essen kann

Nächtliches Aufwachen, langsamere Gewichtszunahme, häufigeres Stillen tags und nachts, das Beobachten der Eltern beim Essen und Schmatzen sind keine Zeichen der Beikost-Reife. Das Alter, in dem ein Baby reif ist für Beikost, ist sehr individuell. Manche Kinder sind es mit fünf Monaten, andere erst drei Monate später, weitere wollen noch länger ausschliesslich Milch zu sich nehmen. Niemals sollte ein Baby zum Essen gedrängt werden.

Beikost ist die Nahrung, die das Baby zusätzlich zum Stillen isst. Milch ist im ersten Lebensjahr – bis auf einige Ausnahmen – die Hauptnahrung. Das Baby erhält seine Milch (Muttermilch oder Anfangsmilch ohne Stärke oder Zucker, ausser Laktose), so ist es nicht zu hungrig und kann mit dem Essen experimentieren. Danach kann es nochmals Milch haben, je nach Bedürfnis des Babys. Die Milch zur Beikost lässt das Baby die neue Kost besser verdauen, es gibt weniger Bauchschmerzen und Verstopfung und der Körper kann sich leichter an die neue Nahrung gewöhnen. Keine Sorge: Milch enthält enorm viele Kilokalorien und Nährstoffe, das Baby wird somit nicht zu wenig Nahrung aufnehmen, ausserdem enthält Milch genügend Fett, um die Vitamine gut aufzunehmen (Öl ist somit unnötig). Es muss nichts gewogen werden, das Baby bestimmt, was und wie viel es isst.

Mit Beikost kann zu jeder Mahlzeit gestartet werden, am Morgen etwas Obst, am Mittag etwas vom Gemüse, am Abend ein Stück Brot, das Kind darf essen, was es mag.

Beikost kann Brei (zerdrücktes Familienessen oder gekauft) sein oder auch Fingerfood. Das ist sehr individuell und je nach Baby auch kombinierbar. Wichtig ist: Seien Sie dabei, wenn Ihr Kind selbständig Brei oder Fingerfood isst.

Ein grosser Vorteil: Die Eltern können selbst essen, während ihr Baby isst.

Die Wahl der Lebensmittel ist familiär und kulturell sehr verschieden. Wieso sollte eine Familie, die niemals Rübli oder Kartoffeln isst, diese ihrem Baby geben? Es ist einfach, mit wenig oder ohne Salz zu kochen, dem Baby weiche Stückchen anzubieten/etwas mit der Gabel zu zerdrücken und für sich selbst am Tisch nachzuwürzen. Das Baby ist zufrieden, wenn es dieselbe Nahrung haben darf. Ungeeignete Speisen rückt man am besten ausser Reichweite (Quark, gesalzene Lebensmittel, Honig, Softdrinks usw.).

Für die stillende Mutter geschieht auf diese Weise das Abstillen sehr sanft, keine Mahlzeit wird ersetzt, die Milchmenge wird langsam reduziert.

Quellen: Carlos Gonzalez: «Mein Kind will nicht essen» ,
Babyfreundlich.org: «Beikost, Empfehlung»

«Mütterberaterinnen sind produktneutral»

Es ist fahrlässig, sämtliche Ärzte und Mütterberaterinnen als von Nestlé und Co. geschult abzustempeln.

Ja, die Hersteller kommen jeweils bei mir vorbei. Ich schreibe bewusst «zu mir», da es keine Teamschulung mit den Herstellern gibt. Bei diesen Treffen informieren mich die Hersteller über die Inhaltsstoffe, die Änderungen der Produktenamen und wo ihre Produkte zu kaufen sind. Schliesslich müssen wir als Fachpersonal den Eltern detailliert Auskunft geben können.

Wir als Mütterberaterinnen sind aber bewusst produkteneutral, sodass wir die Eltern bestens beraten können. Weil es jedoch unterschiedliche Sichtweisen gibt, halten wir uns an die Richtlinien des Schweizerischen Pädiaterverbands und der WHO. Den Eltern davon abzuraten, sich beim Fachpersonal zu melden, finde ich fahrlässig.

Es wird immer gute und schlechte Beraterinnen und Berater geben. Trotzdem sollte den Eltern von keiner der Anlaufstellen abgeraten werden.

Den Artikel des Migros-Magazins unterstützen wir voll und ganz. Wir nehmen Rücksicht auf die Entwicklung des Kindes, auch bei der Ernährung. Uns ist bewusst,  dass die Entwicklung der Kinder nicht nach Schema verläuft. Auch drängen wir niemanden weg von der Muttermilch. Im Gegenteil!

Was der Artikel leider auslässt, sind Mütter, die nicht stillen können oder wegen Arbeitsbeginn und Problemen mit dem Arbeitgeber (obwohl gesetzlich verankert immer noch sehr oft der Fall) die Zeit zum Pumpen oder stillen nicht erhalten .

Stellungnahme des Migros-Magazins

Unser Artikel zu den Beikostprodukten beruht auf den Empfehlungen der Ernährungskommission der European Society for Paediatric Gastroenterology, Hepatology and Nutrition (ESPGHAN) und der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie (SGP). Auch die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE) vertritt diese so. Selbstverständlich ist es aber genau so wichtig, dass Eltern die Bedürfnisse ihrer Kinder erkennen und sowohl das Stillen wie auch die Gewöhnung an andere Nahrung als Muttermilch individuell gestalten. Falls einzelne Aussagen im Text dies infrage gestellt haben sollten oder unvollständig waren, bitten wir dafür um Entschuldigung.

Detaillierte Informationen finden sich auch im aktuellsten Bericht der Eidgenössischen Ernährungskommission (EEK) mit dem Titel «Ernährung in den ersten 1000 Lebenstagen» .