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10. Juni 2013

Baby Marke Eigenbau

Marina Wieser macht Babypuppen, die fast schon beängstigend echt aussehen. Ihre sogenannten Reborns aus Silikon oder Vinyl haben eine grosse Fangemeinde. Doch viele der Käufer möchten lieber anonym bleiben. Aus Angst vor schrägen Blicken.

Reborns
Samtene Haut, schrumpeliges Gesicht, Windeln: Reborns haben alles, was echte Babys haben. Sogar ein Identifikationsband am Handgelenk.

Maurice ist grade mal einen Monat alt, er wiegt 2240 Gramm und ist 46 Zentimeter lang. Jolanda Moser (46) nimmt ihr Baby auf den Arm und sagt: «Er sieht nicht wie mein Sohn aus, überhaupt nicht.» Aber das träumende Gesicht sei schon süss. «Genau so wollte ich ihn haben», sagt Moser, «deshalb habe ich den Bausatz entsprechend ausgewählt.» Aus sieben Einzelteilen hat sie Maurice zusammengesetzt, ihn mit Granulat gefüllt und seine Vinylhaut etwa zehn Mal bepinselt, bis sie den richtigen Farbton hatte. Die Haare aus Alpakawolle setzte sie in mühevoller Feinarbeit praktisch einzeln ein.

Jolanda Moser (46) mit ihrem Maurice, den sie in stundenlanger Feinarbeit in einem Workshop hergestellt hat.
Jolanda Moser (46) mit ihrem Maurice, den sie in stundenlanger Feinarbeit in einem Workshop hergestellt hat.

Maurice ist ein Reborn. So nennt man die Puppen, die auf den ersten Blick wie echte Säuglinge aussehen und auf den zweiten Blick immer noch. Manche erkennt man erst als Kunstprodukte, wenn man sie anfasst — und auch dann nicht immer, denn bei einigen der täuschend echten Puppen ist sogar eine Heizung eingebaut, welche die zarte Haut erwärmt. Maurice hat das nicht. Seine Schöpferin, Jolanda Moser aus Ennetbürgen NW, hat einen Sohn von 23 und eine Tochter von 25 Jahren und wünschte sich keinen Kindesersatz. Ihr Zugang zu den Reborns ist verspielt und vom Wunsch geprägt, sich kreativ zu betätigen. Fake Babies gesehen hat Moser erstmals vor ein paar Jahren in einer TV-Reportage aus den USA. So eines wollte sie auch machen.

IN ZEHN SCHRITTEN ZUM DESIGN-BABY
Ausserdem zum Thema: Backen oder trocknen? Wolle oder echtes Haar? Weisse Haut oder dunkler Teint? So bastle ich mir mein Designbaby in zehn Schritten. Zum Artikel

Bei ihrer Suche nach Rebornmaterial stiess Moser auf Marina Wieser (23), die den ersten Schweizer Onlineshop für Reborns führt. Im Dachzimmer ihrer Maisonettewohnung in Frick AG hat sich Wieser ein Atelier eingerichtet. Dort fertigt sie seit vier Jahren Puppen auf Bestellung an, unterweist in Workshops Frauen in deren Herstellung und stellt die Pakete zusammen, die alles enthalten für die Produktion des Babys Marke Eigenbau und die sie täglich an Kunden verschickt. Fein säuberlich sind die Bauelemente in Behältern sortiert: Augen, Haarbüschel, Edelstahl-, Glas- oder Gummigranulat, viele Töpfchen mit Farbe, Nuggis, Babykleider. An einem hölzernen Gestell hängen Köpfe, Rümpfe, Beine, Arme, mit Vinyl oder Silikon überzogen. Alles sehr ordentlich und sauber.

Verschiedene Farben, Materialien, Gesichtsausdrücke und Grössen: Für Marina Wieser sind Reborns hauptsächlich ein künstlerisches Betätigungsfeld.
Verschiedene Farben, Materialien, Gesichtsausdrücke und Grössen: Für Marina Wieser sind Reborns hauptsächlich ein künstlerisches Betätigungsfeld.
Verschiedene Farben, Materialien, Gesichtsausdrücke und Grössen: Für Marina Wieser sind Reborns hauptsächlich ein künstlerisches Betätigungsfeld.
Verschiedene Farben, Materialien, Gesichtsausdrücke und Grössen: Für Marina Wieser sind Reborns hauptsächlich ein künstlerisches Betätigungsfeld.

Am grossen Arbeitstisch fertigte auch Jolanda Moser ihren Maurice an. Nachdem er fertig war, stopfte sie ihn für den Heimweg in einen Plastiksack. «Ich wollte nicht, dass die Leute ihn sehen und denken, ich sei gaga», sagt Moser. Sie weiss, dass ein lebensecht aussehendes Baby allerlei Reaktionen auslösen kann, und versichert: «Maurice sitzt zu Hause auf einer Kommode und ist nicht in einen Kinderwagen gebettet.» Wofür Kinderlose eine solche Puppe brauchen, darüber möchte sie lieber nicht nachdenken.

Puppeneltern erhalten sogar eine Geburtsurkunde

Betrachtet man einschlägige Internetseiten, entsteht tatsächlich schnell der Eindruck: Hier werden eigentlich echte Babys gesucht. Einige Foreneinträge erinnern stark an Geburtsanzeigen. «Linus ist bei uns angekommen», steht da etwa in dem Gästebuch einer deutschen Website. Eine andere listet Fake Babies unter dem Titel «Adoptionen» auf. Keine Puppe ist ohne Namen, Grösse, Gewicht und Geburtsdatum erwähnt. Nicht Eingeweihte überkommt beim Lesen schon mal ein Unbehagen, das wissen die Rebornanhänger. Einer schreibt: «Leider kommt es oft vor, dass Rebornfans missverstanden und als skurril angesehen werden.»

Gewisse Kunden möchten auch lieber nicht, dass bekannt wird, dass sie einen Reborn kaufen, bestätigt Puppenmutter Wieser. «Bestellungen laufen bei mir denn auch fast anonym ab, per Mail und Post», sagt sie. Oder man bestellt direkt per Formular über Wiesers Homepage Rebornshop.ch. Die meisten Kunden sind weiblich, allerdings erinnert sich Wieser an die Bestellung eines Mannes: Für ihn und seine Frau sollte sie ein verstorbenes Baby rebornen. «Das geht mir dann schon nah», sagt sie. Sie sei froh, meist nicht allzu viel über die Hintergründe zu wissen. Manchmal möchten Eltern das Fake Baby auch einfach als Erinnerung an das Kind, das allzu schnell aus dem Schlüttli rausgewachsen ist, und einige von ihnen senden Fotos ein, mit der Bitte um eine genaue Kopie des Wesens aus Fleisch und Blut. Die meisten von ihnen machen sich viele Gedanken über den Namen. Der steht dann auch im Geburtszertifikat, das mitgeschickt wird.

Auf Wunsch hat das Kunstbaby ein pochendes Herz

Mädchen — die den Haaransatz etwas weiter vorne verpasst bekommen als Jungen — werden gerade öfter gewünscht als Buben, Neugeborene häufiger als grössere Babys, und blaue Augen sind am beliebtesten. Ansonsten ist jedes Baby ein Unikat. Auf Wunsch polstert Wieser es mit einer Extraportion Babyspeck aus, malt ihm feine Äderchen auf den Alabasterteint oder Storchenbisse in den Nacken und versieht es mit all den Schönheitsmerkmalen, die man nur an Babys süss findet: schütteres Haar, Wurstfingerchen, zahnloses Lächeln. Manchmal muss Wieser ein batteriebetriebenes Plastikherz einbauen, dessen Pochen von aussen spürbar ist.

Dass sie eine nüchterne Beziehung zu Reborns hat, kommt Wieser entgegen. Sie geht bewusst auf Distanz und sieht sich selber als Dienstleisterin mit künstlerischen Ambitionen. Ihr erstes selbst gefertigtes Baby lagert irgendwo in einer Kiste, das zweite hat sie verschenkt. Bis vor anderthalb Jahren arbeitete Wieser als Betreuerin in einem Behindertenheim, Reborns waren ein Hobby. Heute kann Wieser nicht nur davon leben, sondern beschäftigt ab Juli eine Angestellte, weil sie die Nachfrage nicht mehr allein bewältigen kann. 50 bis 80 Stunden investiert sie in eine Puppe. Besonders zeitaufwendig ist das Microrooting, das Einsetzen der Haare. Zwischen 700 und 900 Franken kostet ein Bestellbaby, für Sammelobjekte werden auch mal 10 000 Franken hingeblättert. «Dass man das zahlt, versteh ich auch nicht mehr», gesteht Wieser.

Inzwischen fertigt auch Jolanda Moser in der Innerschweiz hie und da Reborns auf Bestellung an. Kürzlich bekam sie den Auftrag für eine Puppe mit Stimmmodul für eine Hundeschule. Ausserdem hat sie zurzeit den blonden kleinen Bennett für sich selber in Arbeit. Auch bei Marina Wieser ist ein Baby in Entstehung, das sie nicht weggeben wird: Im September erwarten sie und ihr Mann das erste Kind. Das mit der emotionalen Distanz dürfte diesmal schwierig werden.

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Anita Affentranger