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07. Mai 2012

Baby da – Vater schafft

Die Familiensituation hat sich in den letzten 20 Jahren stark verändert. Doch während der Mutterschaftsurlaub gesetzlich bestimmt ist, kennt die Schweiz keine allgemeine Regelung für die Absenz frisch gebackener Väter.

Mehr Zeit mit ihren Kindern: Das wünschen sich viele Väter.

14 Wochen Ferien bei Lohnfortzahlung von 80%: So ist der Mutterschaftsurlaub seit 2005 in der Schweiz geregelt. Grössere Unternehmen sowie öffentliche Verwaltungen übertreffen das gesetzliche Minimum häufig mit 16 Wochen Ferien bei einem Lohn von 100 Prozent. In Anbetracht der Tatsache, dass immer mehr Eltern ihre Kinder gemeinsam betreuen, werden jedoch auch die Forderungen nach einem gesetzlich verankerten Vaterschaftsurlaub lauter.

Vater zu sein ist schwer

Dunkle Augenringe, bleierne Müdigkeit und zu Hause das grosse Chaos: Ein Grossteil der jährlich rund 75'000 frisch gebackener Väter müssen den Arbeitsplatz bereits einen bis drei Tage nach der Geburt ihres Kindes wieder aufsuchen. Denn obwohl auch die gemeinsame Zeit mit dem Vater für ein Baby wichtig ist, sind die Mehrkosten längerer Absenzen für viele nicht tragbar: Eine bezahlter Urlaub von drei Wochen für alle werdenden Väter würde den Bund jährlich grob geschätzt 200 Millionen Franken kosten. Und den Erwerbsausfall zu 100% selbst zu berappen, überfordert manches Familienbudget.

Doch die Gesellschaft und damit auch die Familiensituation haben sich in den letzten 20 Jahren stark verändert. Aus persönlichen Wünschen oder finanzieller Notwendigkeit: Rund 80 Prozent aller Mütter gehen heute einer beruflichen Tätigkeit ausserhalb des eigenen Haushalts nach. Und immer mehr Väter wünschen sich, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Daher bietet eine wachsende Anzahl Unternehmen, kantonale und städtische Verwaltungen ihren männlichen Arbeitskräften freiwillig von einer bis zu vier Wochen bezahlten Vaterschaftsurlaub.

Einen Einblick in die Elternurlaubs-Bestimmungen für kantonale und städtische Angestellte (Stand Februar 2011) finden Sie unter: www.travailsuisse.ch

Gesetzliche Verankerung: Pro und Contra

Laut dem Arbeitnehmerdachverband Travail.Suisse haben die individuellen Regelungen zur Folge, dass Unternehmen, die längere Elternabsenzen bezahlen können, auf dem Arbeitsmarkt als attraktivere Arbeitgeber angesehen würden. Meistens können sich dies nur grössere Unternehmen leisten. Den Mitarbeitern von kleineren oder mittleren Betrieben bleibe oft nur die Möglichkeit, unbezahlten Urlaub zu beantragen, um mehr Zeit mit ihrem Baby verbringen zu können. Die gesetzliche Verankerung eines Vaterschafts- oder Elternurlaubes könnte diesem Missstand Abhilfe schaffen.

In Anbetracht der anfallenden Mehrkosten argumentieren die Gegner damit, dass es sich beim Mutterschaftsurlaub im eigentlichen Sinn um ein Beschäftigungsverbot handle, das der körperlichen Erholung der Frau von Schwangerschaft und Geburt diene. Die Zeit mit dem Baby sowie die Organisation der Familie stünden dabei erst an zweiter Stelle.

Familienzulagen

Im Gegensatz zum bezahlten Vaterschaftsurlaub gibt es auf Familienzulagen einen gesetzlichen Anspruch. Das seit Januar 2009 in Kraft getretene Bundesgesetz über die Familienzulagen (FamZG) besagt, dass allen arbeitnehmenden Eltern* sowie nichterwerbstätigen Eltern mit bescheidenem Einkommen ein Ausgleich zusteht. Die Mindestansätze sind wie folgt bestimmt:

  • Kinderzulage: 200.- Fr. im Monat für jedes Kind bis zum vollendeten 16. Altersjahr (bzw. 20. Altersjahr für Kinder, die aufgrund von Krankheit oder Behinderung erwerbsunfähig sind)
  • Ausbildungszulage: 250.- Fr. im Monat für jedes Kind nach dem 16. Altersjahr bis zum Abschluss seiner Ausbildung, längstens jedoch bis zum vollendeten 25. Altersjahr

Eine allfällige Erhöhung dieser Mindestbeiträge bleibt den einzelnen Kantonen überlassen. Einen Überblick über die kantonalen Ansätze finden Sie unter:
http://www.ahv-iv.info *Je nach Kanton haben auch selbständig Erwerbende Anspruch auf Familienzulagen.

Autor: Nicole Demarmels

Fotograf: Tina Steinauer