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20. Februar 2017

Baby da, Freude weg

An postpartaler Depression erkrankt hierzulande jede siebte Frau. Statt Mutterglück beherrschen Trauer, Leere und Todessehnsucht das Leben der Betroffenen. In schweren Fällen wird eine Behandlung nötig. Zwei Patientinnen berichten, und die Psychologin erklärt die Gründe («Wöchnerinnen am Limit»).

Andrea Borzatta litt an einer postpartalen Depression.
Die Depression passte so gar nicht zu ihr: Andrea Borzatta mit ihren beiden Buben.

Es war ein Wunschkind», sagt Andrea Borzatta (37). Die Frau mit den filigranen Gesichtszügen wohnt mit ihrem Mann und den beiden Buben Alessio (5), und Ennio (2) in Thalwil ZH. Von ihrem weitläufigen Wohnzimmer hat sie Sicht auf den See. Borzatta ist gut ausgebildet, finanziell weich gebettet, lebt in einer zufriedenen Beziehung mit ihrem Mann und hat einen schönen Freundeskreis. Auf den ersten Blick kein Risikofaktor für eine postpartale Depression. Doch die Ökonomin musste ganz tief abtauchen, bevor sie unbeschwertes Mutterglück empfinden konnte.

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Euphorie, Stress, gar Depression: Wie haben Sie die Zeit nach der Schwangerschaft erlebt?


Ihre erste Schwangerschaft endete einen Monat vor dem Termin mit einer Schwangerschaftsvergiftung – einer Präeklampsie. Andrea Borzatta musste notfallmässig ­entbinden, ihr Kleiner kam im Kinderspital Zürich an die Beatmungsmaschine. Erst am vierten Tag konnte sie Alessio besuchen und in die Arme nehmen.

«Ich spürte viel Liebe und Gefühle», erinnert sie sich. Gleichzeitig kamen auch die Sorgen. Er war klein, leicht und zu schwach fürs Stillen. Sie musste alle drei Stunden Milch abpumpen und ihn regelmässig wägen. Wieder zu Hause, war die Mutter panisch, wenn er wenig trank, hatte Angst, dass er stirbt. Konstante Unruhe machte sich breit. Sie fühlte sich getrieben. Irgendwann konnte sie nicht mehr schlafen. «Ich war gefangen in meiner Angst und Sorge um ihn.» Andrea Borzatta getraute sich nicht einmal mehr, einkaufen zu gehen. Was, wenn er unterwegs Hunger hat? Allein der Gedanke daran versetzte sie in Panik.

Sie liebte ihren Alessio, die Situation war aber belastend und oft einfach zum Heulen. Manchmal wusste sie nicht, wie sie den Tag überstehen sollte. «Ich spürte keine Freude und war nicht stolz auf mein Kind. Nur die Angst, dass ich es nicht schaffe, dass ich versage», erinnert sie sich. Abgesehen von ihrem Mann, ertrug sie keine Menschen mehr. «Soziale Aktivitäten waren riesige Kraftakte, wenn wir wieder allein waren, brach ich jeweils total zusammen.»

Antriebslos, ängstlich, überfordert

Ihr Ehemann zeigte viel Verständnis und unterstützte sie stark. Wenn er aufmunternd meinte: «Nimms mal easy», fühlte sie sich verletzt. Denn sie konnte es nicht leicht nehmen. Und wenn ihre Mutter sagte: «Das ist schon etwas Schönes, so ein Kind!», empfand sie dies als stillen Vorwurf.

Die postpartale Depression tritt jeweils im ersten Jahr nach der Geburt auf, oft in den ersten Wochen. «Sie zeichnet sich durch Gefühle der inneren Leere, die Unmöglichkeit, sich über das Baby zu freuen, chronische Erschöpfung, Antriebslosigkeit, das Erleben von starker Überforderung und starke Gefühle von Angst, Schuld und Wertlosigkeit aus.
Zudem tauchen oft Appetit- und Schlafveränderungen auf», erklärt Helen Hürlimann Welstead (63), Psychotherapeutin und Vorstandsmitglied des Vereins Postnatale Depression Schweiz. «Die Symptome unterscheiden sich nicht grundsätzlich von anderen Depressionen», sagt sie. «Es gibt aber Besonderheiten: Die Inhalte des depressiven Grübelns und der Schuldgefühle beziehen sich meist auf das Kind und das Muttersein.»

Andrea Borzattas Symptome waren eindeutig, aber: «Ich dachte, ich sei einfach nur schwach», sagt sie. Ein paar Monate später wurde sie in der Mütterberatung gefragt, ob Antidepressiva ein Thema wären. Da ging ihr nur durch den Kopf: «Ich bin doch kein Psycho!» Die Frage der Beraterin rüttelte sie aber auf: «Mir wurde endlich bewusst, dass mein Zustand alles andere als normal ist und ich Hilfe brauchte.»

Sie liess sich Medikamente verschreiben und nahm Kontakt mit dem Verein Postnatale Depression auf. Der Besuch der Selbsthilfegruppe war für Andrea Borzatta wie eine Erlösung: «Eine Frau schilderte ihre Erlebnisse. Das war, als gäbe sie meine Geschichte wieder. Ich weinte und war gleichzeitig glücklich, dass jemand diese Gefühle kannte.»

Ihr Zustand verbesserte sich stetig. Nach einem Jahr setzte sie die Medikamente wieder ab. Als sie mit dem zweiten Kind schwanger war, glaubte sie, nun sei sie gegen Depressionen gefeit. Doch sechs Wochen nach der Geburt, die nun problemlos verlaufen war, wollte ihr Ennio nicht mehr trinken. Es kam zum Milchstau. «Da brach alles wie eine Lawine über mich herein. Ich wollte nur noch im Bett unter der Decke bleiben.»

Sie stillte ab, doch damit wurde es noch schlimmer: «Ich habe mir dann unendlich Vorwürfe gemacht, dass ich Ennio die Milch vorenthielt.» Wieder hatte sie das Gefühl, versagt zu haben. Wieder begannen irrationale Ängste sie zu beherrschen.

Von einer unternehmungslustigen, ambitionierten Frau mit einer tadellosen Karriere war Andrea Borzatta zu einem Menschen geworden, den sie nicht mehr wiedererkannte. Sie wusste oft nicht, wie sie die Tage überstehen sollte, brach wegen Kleinigkeiten in Panik aus und schrie ihr Kleinkind manchmal grundlos an. Es musste etwas geschehen: Der Aufenthalt in einer Klinik half fürs Erste. Sie lernte, in Ruhe durchzuatmen. Danach begann der Heilungsprozess: Verhaltenstherapie, Medikamente, Austausch in der Selbsthilfegruppe und tägliches Üben, nicht so streng zu sich zu sein, sich selbst mehr zu lieben.

Andrea Borzatta
Andrea Borzatta

Heute fühlt sich Andrea Borzatta nicht mehr wie im falschen Film.

All das war nur möglich, weil ihr Mann und ihre Eltern sie unterstützten. «Ohne meinen Mann hätte ich das alles nie geschafft.» Sie ist enorm dankbar: «Im Nachhinein denke ich manchmal, es ist ein Wunder, dass er bei mir blieb.»

Heute sind Panikattacken oder Herzrasen selten. Wenn sie trotzdem auftauchen, weiss sie wie reagieren. Und endlich kann die junge Mutter auch gelassen sein und die Zeit mit ihren Buben geniessen. Mittlerweile kann sie auch wieder Freunde treffen und freudig an Familienfeiern gehen. Dabei fühlt sie sich wohl und nicht mehr wie im falschen Film.

In der Schweiz erkrankt jede siebte Frau nach der Geburt ihres Kindes an postpartaler Depression. Die Prognose ist in den allermeisten Fällen gut, fast alle Frauen genesen wieder. Doch nur bei leichten bis mittleren Depressionen hilft die Unterstützung durch Familie und Umfeld. In schweren Fällen muss professionelle Hilfe hinzugezogen werden.

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Vera Hartmann