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25. August 2014

Autopilot

Nach der Pflege ist immer noch genügend Zeit, sich zu sorgen
Nach der Pflege ist immer noch genügend Zeit, sich zu sorgen (Bild: Getty Images).

Ich bin mitschuldig. Zumindest sagt mir das mein Gewissen. Es meldet sich seit einigen Tagen im Minutentakt und nagt an meiner Seele. Warum nur bin ich am vergangenen Freitag weitergelaufen? Warum bin ich nicht bei meiner Sechsjährigen geblieben, als sie unbedingt in der Kinderabteilung des schwedischen Einrichtungshauses spielen wollte? Hätte ich nicht einen Moment auf sie warten können, statt den Pfeilen auf dem Boden zu folgen?

Die Geräuschkulisse von damals hat sich in mein Bewusstsein eingebrannt: Neben mir streitet sich ein Pärchen, während ihr Baby im Maxicosi vor sich hin gluckst. Einkaufswagen holpern über die Gänge. Geschirrklappern aus dem nahen Restaurant, Lachen aus der Kinderabteilung in meinem Rücken. Jemand weint. Nein, das ist kein Weinen, dieses Geräusch hier ist anders. Es klingt vollkommen verzweifelt, überfordert, schmerzerfüllt. Meine Füsse reagieren schneller als mein Gehirn. Noch bevor ich realisiere, dass Ida in Not ist, starte ich durch. Kaum biege ich um die Ecke, sehe ich Blut. Sehr viel Blut. Es tropft aus ihrem Mund, von ihrem Kinn, auf das blaue Eulen-Shirt, das ich ihr genäht habe. Meine Kleine sieht aus wie ein Vampir, sie ist kreidebleich. Auf dem grauen Fussboden hat sich bereits eine rote Pfütze gebildet. Die Leute um uns herum bleiben stehen und machen diese Gesichter, die man kaum ertragen kann, weil man genau weiss, was sie denken: Gott sei Dank, ist das nicht mein Kind! Ich drücke meiner Tochter Feuchttücher auf den Mund und halte sie ganz fest, flüstere ihr beruhigende Worte zu. Ida ist wacklig auf den Beinen. Ihre Augen sind weit aufgerissen, das Blut fliesst und fliesst und fliesst. Schon bald sind die Tücher rosarot. Muss jemand die Ambulanz rufen? Oder einen Arzt? Ich weiss es nicht genau. Es spielt in dem Moment keine Rolle, ich habe auf Autopilot umgeschaltet. Mir wird nicht übel, ich fange nicht an zu weinen, ich funktioniere. Ich hebe die Sechsjährige hoch und trage sie durch das ganze Einrichtungshaus zum Ausgang. Den Einkaufswagen, die Blutpfütze, die entsetzten Menschen: wir lassen alles zurück. Ich schiebe das Ticket in den Automaten, zahle die Parkgebühr. Ida wimmert. Mein Shirt ist nun nicht mehr blau, sondern bräunlich verfärbt. Meine Hände sind ebenfalls verschmiert. Das ist alles egal. Wichtig ist nur, dass das Kind Hilfe bekommt. Während ich Ida anschnalle, fummle ich das Handy hervor und informiere meinen Mann. Glücklicherweise ist Eva bei ihm. Eine Sorge weniger. Er ruft bei unserer Kinderzahnärztin an. Wir dürfen sofort kommen. Ich habe keine Ahnung, was in der Ikea-Kinderabteilung passiert ist. Dort, wo man schaukeln und wippen, klettern und hüpfen kann, kann man sich auch verletzen. Ganz fürchterlich verletzen. Was ich aber weiss, ist, dass mindestens zwei von Idas Milchschneidezähnen einen halben Zentimeter weit nach hinten Richtung Gaumen geschoben sind. Und ich weiss, dass in ihrer Unterlippe tiefe Bissspuren sind. Der Autopilot fliegt uns kontrolliert zum Kinderzahnarzt. Ich trage meine Tochter die ganze Treppe hoch, öffne die Tür zur Praxis. Wir werden schon erwartet. Ich setze mich auf den Behandlungsstuhl und halte Ida in meinen Armen. Wir sehen aus, als wären wir von einem Horrorfilmset geflüchtet. Möglicherweise hat das Kind noch viel schlimmere Verletzungen. Wie konnte ich nur auf eigene Faust losfahren? Meine Gedanken drehen sich im Kreis. Ich drücke Ida ganz fest an mich und lasse sie nicht mehr los. Die Zahnärztin arbeitet ruhig und effizient. Meine Kleine lässt alles mit sich geschehen. Vielleicht hat sie resigniert. Röntgenaufnahme (Ist der Kiefer angebrochen?), Untersuchung des Kiefergelenks (sicher ist sicher), Schwindel, Kopfweh, Erbrechen? Dann noch Fotos vom Kiefer und der Lippe (für die Versicherung).

«Ich bin ehrlich zu Ihnen», sagt die Fachfrau. «Die Zähne sind massiv verschoben, ich fürchte, wir müssen einen, wenn nicht sogar zwei oder drei ziehen.» Nun wird es mir schlecht. Ida kuschelt sich an mich, und ich zwinge mich, normal zu atmen. Ich darf nicht verdächtig schlucken, obwohl mir die Tränen die Wangen hinablaufen. Autopilot, wo bist du?

Die Assistentin reicht mir ein Glas Wasser. Dann geht alles ganz schnell. Ida erhält über eine Maske Lachgas. Die Betäubungsspritze bemerkt sie nicht, es klappert, das Untersuchungslicht blendet mich. «Wir helfen deinem Zähnli jetzt raus», sagt die Zahnärztin und lächelt Ida zu. Meiner Tochter ist gerade alles egal. Ein Hoch auf die Lachgasanästhesie! Als ich den Zahn sehe, verliere ich erneut die Fassung. Die gute Nachricht, dass die anderen Beisserchen vorerst bleiben dürfen, höre ich kaum. Dieser wunderbare kleine Zahn musste vor seiner Zeit gehen, seine Wurzel ist noch sehr lang. Es bleibt kaum Zeit zum Trauern, denn wir müssen weiter ins Spital. Die Lippe gefällt der Zahnärztin überhaupt nicht. Vielleicht muss sie genäht werden. «Ist dir immer noch nicht übel, Kleines?» Nein, Ida ist erschöpft, Ida ist durstig, aber abgesehen davon fühlt sie sich wieder einigermassen gut. Im Spital haben wir dann auch Glück. Alles so weit in Ordnung, Nähen ist nicht notwendig. «Hast du Kopfweh, Ida?»

Wäre ich neulich, als ich mit meiner Tochter allein beim Einkaufen war, ganz dicht bei ihr geblieben, statt um die Ecke zu biegen, wäre das vermutlich alles nicht passiert. Dann hätte ich nämlich gesehen, wie Ida Kopf voran in eines der ausgestellten Spielzelte geklettert wäre. Ich hätte vielleicht sogar gelacht, wenn sie mit dem Ding auf dem Kopf durch die Kinderabteilung gelaufen wäre. Kurz bevor sie dann aber gestolpert wäre, hätte ich sie aufgefangen. Dann wäre sie mit ihrem kleinen Gesicht nämlich nicht auf die Kante eines Sundvik-Kinderstuhls gefallen. Dann hätte sie noch alle Milchzähne und das Ausstellungsspielzelt wäre sauber geblieben.

Autor: Bettina Leinenbach