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08. Dezember 2014

Auswendig lernen nicht vergessen

Natürlich können wir Informationen heute im Internet abrufen. Doch Auswendiglernen erleichtert uns den Alltag, und es ist keine Hexerei.

Mädchen sagt Gedicht auf
Grosser Auftritt vor Publikum: Wenn jetzt bloss nicht die Erinnerung versagt. (Bild: Getty Images)

Wer kennt Goethes Gedicht «Erlkönig»? Damals in der Schule auswendig gelernt, hat ­Susanne (47) die Zeilen heute noch im Kopf. «Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind», sagt Gottibub Tim (12). Er hat den Text schnell auf seinem Handy im Internet rausgesucht. Dabei ist Auswendiglernen auch im Onlinezeitalter wichtig: Vertrauliches, Passwörter oder Kontonummern hält man besser nicht schriftlich, sondern im Kopf fest. Manchmal ist das leichter gesagt als getan. Auswendig lernen bereitet uns insbesondere deshalb Mühe, weil es eine extreme Form des Lernens ist. Klaus Oberauer, Professor für Allgemeine Psychologie: «Unser Gedächtnis ist darauf programmiert, sich das Relevante und vor allem die Kernbedeutung zu merken.» Details wie einzelne Wörter oder genaue Formulierungen werden bald einmal gelöscht.

Was nicht wiederholt wird, ist für das Hirn unwichtig

Mit ein paar Tricks fällt uns das Auswendiglernen jedoch leichter. Zu Beginn lesen wir den Text und merken uns grundsätzlich die relevantesten Zusammenhänge. «Es ist hilfreich, Sinn­zusammenhänge herzustellen und zu verstehen», erklärt Klaus Oberauer. So erhalten wir einen Überblick, und der Text wird uns vertraut.

Unser Gedächtnis arbeitet stark mit Verknüpfungen. Zum Beispiel sind Bilder hilfreich als Ergänzung zu Wörtern und Texten. «So wird die sprachliche Information durch eine zusätzliche nichtsprachliche Information erweitert, und wir können Zusammenhänge im Text visualisieren», erklärt der Professor. Je verrückter die bildhaften Gedankenspiele sind, desto leichter lassen sie sich auswendig lernen. Besonders wichtig beim Lernen sind Wiederholungen und Pausen. «Am besten liest man den Text ein, zwei Mal und macht dann eine Pause. Diese kann fünf Minuten oder einen Tag dauern. Dann liest man den Text ein drittes und ­viertes Mal», rät der Experte. Hilfreich ist auch, den Text abzudecken und laut für sich aufzusagen. Das verbessert die Erinnerung.

Leider bleiben auch einmal gelernte Vokabeln einer Fremdsprache nicht für immer im Kopf. Auch hier ist Wiederholung zwingend, wobei die Pausen zwischen den Wiederholungen immer länger werden: von einer Woche über einen Monat bis zu einem halben Jahr. «So signalisieren wir unserem Gedächtnis, dass die Information relevant ist und nicht gelöscht werden darf», sagt Klaus Oberauer.

Autor: Priska Plump