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09. Februar 2015

Austauschprogramm für Lernende

Wenn Lehrlinge fremdgehen: Noch während der Lehre Berufserfahrung in anderen Betrieben zu sammeln, ist wertvoll. Und ganz einfach – sogar im Ausland. Wir stellen verschiedene Austauschprogramme vor.

Eine grosse Ehre widerfährt zurzeit dem Schweizer Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann, hofieren ihn doch US-Handelsministerin Penny Pritzker ebenso wie US-Arbeitsminister Thomas Perez oder Jeffrey Zients, höchster Wirtschaftsberater von Präsident Barack Obama. Die USA wollen von der Schweiz lernen, wie das duale Schweizer Berufsbildungsmodell funktioniert. «Die Schweiz und die USA streben ein Abkommen zur Zusammenarbeit bei der Berufsbildung an», sagt Bundesrat Schneider-Ammann. Als Möglichkeit dieser Zusammenarbeit sieht der Magistrat zum Beispiel den Austausch von Lernenden.

Viele würden gern Erfahrung in einem anderen Betrieb sammeln

Denn was bei Studenten oder auch bei Gymnasiasten alltäglich ist – sprich ein Austauschjahr in einer anderen Gegend der Welt –, ist für Absolventen einer Berufslehre noch die grosse Ausnahme. Und dies, obwohl es seit Jahren etliche Programme gibt, die den Austausch mit einem anderen Betrieb arrangieren. «Es fehlt schon am Wissen, dass solche Programme überhaupt existieren», erklärt Marianne Dobler-Müller (55), Initiantin und Organisatorin des Programms Visite – Lernende besuchen Lernende.

Viele wissen gar nicht, dass sie während der Lehre praktische Einblicke in einen fremden Betrieb im In- oder Ausland gewinnen könnten. Das bestätigt eine aktuelle Studie des Kaufmännischen Verbands Schweiz (KFMV) in Zusammenarbeit mit der ch-Stiftung für eidgenössische Zusammenarbeit. Dazu befragten sie knapp 3000 Lehrabgänger, die im Sommer 2014 die KV-Lehre abgeschlossen haben. Das Ergebnis ist ernüchternd: 70 Prozent der Lernenden hätten gern Praxiserfahrung im Ausland oder in einer anderen Sprachregion der Schweiz gesammelt. Realisiert haben dieses Vorhaben aber nur rund drei Prozent der KV-Stifte.

Nur gut ein Prozent aller Stifte absolviert einen Austausch

Über alle Berufe betrachtet, sieht das Resultat noch schlechter aus: «Nur gerade 300 bis maximal 1200 Austausche finden pro Jahr statt», erklärt Daniel Arber, Leiter Bereich Dienstleistungen bei der ch-Stiftung. Das sind gerade mal gut ein Prozent der Schweizer Stifte, die das Angebot nutzen – obwohl fast die Hälfte der Lehrbetriebe einen solchen temporären Arbeitsplatzwechsel befürwortet und auch Hand dazu bietet.

Das geht dem KFMV zu wenig weit. Dazu Michael Kraft, zuständig für Jugendpolitik und -beratung: «Der Verband will in diesem Zusammenhang insbesondere den Informationsfluss zu den Lernenden und auch den Lehrbetrieben verbessern.» Im Vorteil sind in dieser Beziehung Absolventen einer Berufsmittelschule. Ihnen wird das Programm oftmals von der Schule aus nahegelegt.

Eine, die 2014 einen Austausch realisiert hat, ist die Architekturzeichnerin Larissa Schläpfer (19) aus Brüttisellen ZH. Sie verbrachte vier Wochen in einem Berliner Architekturbüro. «Das war so etwas wie eine Belohnung für gute Leistungen», erzählt sie, die momentan im vierten Lehrjahr ist. Denn das war bei ihrem Lehrbetrieb die Voraussetzung für den Austausch: Die Leistungen im Betrieb sowie in der Schule mussten stimmen. «Viele von meiner Berufsschule waren neidisch, weil sie diese Möglichkeit nicht hatten.»

Der Arbeitsplatztausch hat sie selbständiger gemacht

Schläpfer empfiehlt jedem Lernenden, einen Arbeitsplatztausch zu machen, wenn es sich ergibt: «Ich konnte sehr viele Erfahrungen sammeln und wurde in der kurzen Zeit deutlich selbständiger», bilanziert sie. «Auch ist es sicher nicht schlecht für die Bewerbungsmappe.» Etwas, das auch Alain Neher, Programmleiter des Austauschprogramms «Leonardo da Vinci» der ch-Stiftung, so sieht: «In vielen Gesprächen mit Firmen und Organisationen hat sich gezeigt, dass die Mehrsprachigkeit eine der wichtigsten Voraussetzungen im globalisierten Arbeitsumfeld darstellt. Lehrabsolventen mit guten Fremdsprachenkenntnissen haben einen Vorteil auf dem Arbeitsmarkt.»

Dieser Ansicht ist auch der 19-jährige Sandro Tiago Carlao aus Orselina TI. Der Informatiker absolvierte deshalb während seiner Lehrzeit gleich zwei Austausche; den letzten 2014 bei der ETH in Zürich: «Für mich als Tessiner ist es wichtig, mit meinem Deutsch auf der Höhe zu sein und auch Berufskontakte in einem anderen Landesteil zu haben.» Sein Ziel ist es, an der Berner Fachhochschule zu studieren «und vielleicht sogar etwas davon zu verstehen», meint er lachend.

«Ich musste mich sprachlich organisieren»

Shana Todisco arbeitete vier Wochen in einer Arztpraxis in Rüti
Ein Spickzettel für die Blutabnahme: Die Tessinerin Shana Todisco arbeitete vier Wochen in einer Arztpraxis in Rüti ZH.

«Ich habe viele neue berufliche Einblicke erhalten», sagt Shana Todisco (20) aus Agno TI. Die angehende medizinische Praxisassistentin (MPA) arbeitete während des zweiten Lehrjahrs im Rahmen eines Visite-Austauschs vier Wochen in einer Arztpraxis in Rüti ZH.

Ein Hindernis waren die deutschen Fachausdrücke. «Ich fertigte mir eine Liste mit Wörtern und Redewendungen an. Die hatte ich stets bei mir. So konnte ich spicken, was ich zum Beispiel einem Patienten bei der Blutabnahme sagen muss.»

Der Gastarzt habe jeweils in mehreren Sprachen gesprochen, um sowohl von ihr als auch vom Patienten verstanden zu werden. «Doch das erzeugte ein sprachliches Durcheinander in meinem Kopf.» Vermutlich habe es deshalb teilweise länger gedauert, bis die anvertraute Arbeit erledigt war.

«Ich lernte die kulturellen Unterschiede kennen und konnte dadurch meine Sozialkompetenz verbessern», so Shana Todisco. Und durch den Austausch entstanden auch Freundschaften: «Ich habe regelmässig mit einer Mitarbeiterin aus Rüti Kontakt. Wir helfen uns gegenseitig und geben uns Tipps.»

«Es hat mega Spass gemacht»

Polymechanikerin Andrea Bombasei aus Gossau
War drei Wochen zu Besuch in einem Westschweizer Betrieb: Polymechanikerin Andrea Bombasei aus Gossau ZH.

«Ich könnte mir heute vorstellen, in der Westschweiz zu arbeiten», sagt Andrea Bombasei (19) aus dem zürcherischen Gossau. «Das hätte ich vor dem Austausch nie in Betracht gezogen.» Die Polymechanikerin im dritten Lehrjahr hat drei Wochen in einer Spritzgussfirma in Domdidier FR verbracht. Wochen, die ihren Horizont so erweitert haben, dass sie sich überlegt, nach der Lehre zu der Firma zurückzukehren.

«Es hat mir mega Spass gemacht», schwärmt sie. Dabei spricht sie sowohl das Arbeiten mit anderen Menschen, mit anderen Mentalitäten und in einem anderen Umfeld an. «In der Westschweiz ist alles etwas legerer», lacht sie. Auch würden die Welschen offener auf andere Menschen zugehen.

Auch wenn Andrea Bombasei in einem klassischen Männerberuf tätig und bereits mit einer guten Portion Selbstbewusstsein gesegnet ist, wurde sie durch den Austausch dennoch selbständiger. «Man muss sich durchsetzen – und das unter Umständen in einer fremden Sprache.» Sprachbarrieren habe es aber keine gegeben ‒ auch wenn die erste Woche mehr ein Zuhören war.

«Ich habe italienisch gelernt»

Rahel Zehnder
Rahel Zehnder (23)

«Gerade wenn man noch sehr jung ist und sich noch nicht so getraut, für längere Zeit weit von zu Hause fortzugehen, bekommt man mit einem Austausch einen ersten realen Eindruck von der grossen weiten Welt. Ich bin dankbar, dass ich dadurch Sicherheit in den italienischen Fachausdrücken gewonnen habe und jetzt besser mit unseren italienisch sprechenden Patienten kommunizieren kann.»
Rahel Zehnder (23), Oberflachs AG, im 3. Lehrjahr als Medizinische Praxisassistentin, als Austausch im Regionalspital Lugano TI

«Ich kann jetzt rationell arbeiten»

Sina Rötheli
Sina Rötheli (18)

«Ich bin froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe. Ich kann einen Austausch allen empfehlen. Mir persönlich hat es einen Eindruck in die rationelle Arbeitsweise verschafft. Ich konnte vieles begreifen, weil ich es mit eigenen Augen gesehen habe und deshalb nun auch verstehe, wie etwas gemacht werden muss.»
Sina Rötheli (18), Horgen ZH, im 3. Lehrjahr als Bekleidungsgestalterin, als Austausch bei Schöffel Sportbekleidung in Deutschland

«Fühle mich auch unter Fremden wohl»

Patrick Flückiger
Patrick Flückiger (19)

«Beruflich habe ich viel über die Montage auswärts gelernt und auch über die Unterschiede zwischen meinem und dem Beruf der Metallbauer. Persönlich hat es mein Selbstbewusstsein gestärkt, sodass ich mich jetzt auch wohler fühle unter Fremden.»
Patrick Flückiger (19), Wermatswil ZH, im 4. Lehrjahr als Polymechaniker, als Austausch bei Metallbau Carsten Weigt in Ostdeutschland

Autor: Thomas Vogel

Fotograf: René Ruis