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25. November 2013

Ausrufezeichen!

Ist ja klar, dass es nicht gut kommt, wenn so einer Kinder hat! «So einer» war in diesem Fall ich, und meinen Kindern mangle es bestimmt an Geborgenheit, befand eine Frau Klein aus Oberlindach, nachdem ich hier unlängst eine Jugendsünde gebeichtet hatte. Einer, der vor 31 Jahren mal einen dummen Spruch an eine Betonmauer gesprayt habe, könne kein guter Vater sein, folgerte sie offenbar. Und traf mich an einer empfindlichen Stelle. Sie hätte meinetwegen unterstellen können, unsere Kinder hätten ein zu rüdes Vokabular, sie benähmen sich im Bus unflätig, tränken zu viel Eistee, sähen zu oft fern … Aber Geborgenheit? Die ist mir heilig. Und ich glaube, wir bieten sie ihnen, meine Frau und ich.

Man muss Kindern Grenzen nehmen.

Aber, hoppla, besagte Schreiberin wusste über uns besser Bescheid als wir selber. Unsere Kindererziehung lasse zu wünschen übrig, war sie sich sicher, weil sie mich für ein schlechtes Vorbild hält. Man dürfe grenzenlose Toleranz nicht mit Erziehung verwechseln, führte sie aus, nannte mich «verantwortungslos» und ermahnte mich: Man müsse Kindern Grenzen setzen. Ausrufezeichen! Aber ja doch, liebe Frau Klein, gewiss muss man Kindern Grenzen setzen. Ich höre und lese es allenthalben. Öde TV-Sendungen mit inszenierten Familiendramen wiederholen den Ratschlag hundertfach; ganze Ratgeberbücher sind voll mit dem einen Satz, tausendmal variiert: Man! muss! Kindern! Grenzen! setzen! Ja, und? Klar, muss man. Das ist der banalste aller Grundsätze in der Erziehung. «Du bist um 23 Uhr zu Hause», «Du hast jetzt genug Schoggi gegessen», «‹Hirnamputiertä› will ich daheim nicht mehr hören» und so weiter. Das ist Courant normal, kaum der Rede wert. Natürlich muss man Grenzen setzen.

Graffitti an der Hauswand mti der Aufschrift "Lebeneben".
«Man muss Kindern Grenzen nehmen.»

Viel wichtiger scheint es mir freilich, Kindern Grenzen zu nehmen. Sie zu ermuntern, sich in dem zu entfalten, was sie gerne tun, das zu leben, was sie glücklich macht. Und sie darin zu begleiten. Da gibt es ganz viele durch Konventionen und Rollenbilder gesetzte Grenzen, die zu missachten ich meine Kinder noch so gerne ansporne. Das fängt doch schon mit «Mädchen spielen nicht Fussball» an, «Buben zeichnen keine Zauberschlösser» und «Jungen lesen ab zwölf keine Bücher mehr», geht über «Technische Berufe sind nichts für Frauen», «Tänzer ist kein Beruf» und «Männer interessieren sich nicht fürs Kochen» bis hin zu all den «Es gehört sich nicht …» und all den «Es ist nicht üblich, dass …», die einem verbieten, Ungewohntes anzupacken und Verrücktes zu wagen. Ich finde es wertvoll, die Kinder in ihren Träumen und Wünschen zu fördern, sie zu bestärken in dem Gefühl: Die Welt ist grenzenlos, und sie gehört mir. Dass dem nicht so ist, lernen sie dann noch früh genug.

Eines sollte ich vielleicht: ihnen die Möglichkeit geben, sich abzugrenzen. Wenn auf ihrem rasanten Jugendradio ein Rap von Eminem läuft, muss ich ihnen ja nicht auf die Nase binden, dass ich dessen «Marshall Mathers LP2» für die verdammte fucking Platte des Jahres halte, und ich muss nicht unbedingt pseudojugendlich in Röhrlijeans — «skinny» heisst das glaubs heute — und mit Kapuzenpulli an den Schulbesuchstag. Tue ich es doch, nimmt Anna Luna mich spätestens in der grossen Pause zur Seite und flüstert mir eindringlich zu: «Vati! Sooo piiiinlech! Du kommst mir nie mehr so in die Schule!» Sie versteht es halt, mir Grenzen zu setzen.

Bänz Friedli: 28. 11. Urtenen BE, 29. und 30. 11. Zürich (mit Tinu Heiniger).

Bänz Friedli (48) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli