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01. Juli 2013

Ausprobiert: Apple iOS 7

Apple veröffentlicht im Herbst sein nächstes Betriebssystem für iPhone und iPad. Die Testversion macht leider nicht wirklich «gluschtig» auf das fertige Produkt. Ein Fazit nach zwei Wochen iOS 7.

iOS 6 und iOS7
Apples aktuelles Betriebssystem iOS 6 (links) und der Nachfolger, der ab Herbst offiziell verfügbar sein wird.

Vor zwei Wochen installierte der Schreibende eine Testversion von Apples neustem Handy- und Tabletbetriebssystem iOS 7 auf dem iPhone 5. Das Update liess sich problemlos einspielen. Alle wichtigen Daten wie Kontakte, Fotos, Kalendereinträge etc. blieben erhalten. Bereits sieben Tage später lieferte Apple ein erstes Update dafür aus, dessen Installation ebenfalls reibungslos verlief.

Nach dem Update auf iOS 7 wirkt die zuvor verkrustet und leicht angegraut wirkende Oberfläche von Apples Handybetriebssystem frischer und moderner. Augenscheinlich ist das zum Beispiel beim den Apps des Kalenders oder der Kamera, die weniger altbacken daherkommen. Einen neuen Anstrich erhält ausserdem der Homescreen, bei dem der Schieberegler ersatzlos wegfällt und die Uhr zeitgemässer aussieht. Darüber hinaus wird die Empfangsqualität in Punkten statt Strichen dargestellt. Mehr ändert sich auf den ersten Blick nicht. Für die angekündigte (und zwingend notwendige) Designrevolution sind es insgesamt zu wenige optische Veränderungen.

Darauf können Sie sich freuen

Praktisches Kontrollzentrum neu unter iOS 7
Praktisches Kontrollzentrum neu unter iOS 7

Dafür bringt das Update funktionell Spannendes: Die Suchfunktion lässt sich beispielsweise nicht mehr nur von einer Bildschirmseite, sondern von allen Seiten aus öffnen (Display antippen und leicht nach unten ziehen). Wer vom unteren Bildschirmrand zur Mitte streicht, sieht im sogenannten Kontrollzentrum neu die wichtigsten Einstellungen auf einen Blick (siehe Bild links): Dazu zählen unter anderem Flugmodus, WiFi, Musikspieler, Bildschirmhelligkeit, Wecker und Kamera. Dieselbe Geste aus der anderen Richtung führt unter iOS 7 zu den drei Registerkarten «Heute», «Alle» und «Verpasst», die den Blick auf anstehende Termine, aktualisierte Apps oder ungelesene Nachrichten freigeben. Direkt vom Sperrbildschirm greifen Anwender zudem direkt auf eingetroffene SMS, aktuelle Kalendereinträge, neue Tweets, Facebookmeldungen etc. zu – praktisch!

Das verdirbt derzeit die Lust

Damit ist es leider vorbei mit der Herrlichkeit. Die guten Ideen werden durch einige störende Mängel zur Nebensache. Klar, iOS 7 ist eine Testversion, und es bleiben noch drei bis vier Monate bis zum offiziellen Start im Herbst. Aber dennoch zeigen sich im Test einige doch sehr ärgerliche Fehler. Am schlimmsten ist die Akkulaufzeit: Bei sehr intensivem Gebrauch dürstet es das iPhone bereits nach zwei bis drei Stunden nach einer Steckdose. Bleibt es über Nacht sieben Stunden unberührt liegen, ist die halbe Batterie leer – ein absolutes No-Go. Das eingangs erwähnte Update hat ein Problem der ersten Version bereits behoben: Aktualisierungen für installierte Apps lassen sich mittlerweile auch über das Mobilfunknetz, und nicht nur via WiFi, laden.

Problematische Apps

Zeigt in der Monatsansicht keine Termine: Kalender in iOS 7
Zeigt in der Monatsansicht keine Termine: Kalender in iOS 7

Das nährt die Hoffnung, dass Apple das Akkuproblem bis zum offiziellen Start ebenfalls in den Griff bekommt. Kaum noch etwas ändern wird sich hingegen an den Standardapps wie Kalender, Fotos, Safari oder Kamera. Besonders Ersteres ist ein grosses Ärgernis: Termine werden mit dem Exchangeserver nicht richtig synchronisiert, die Monatsanzeige zeigt keine Einträge (siehe Bild rechts) und eine Wochenübersicht fehlt komplett. Während der Browser mit einer intelligenten Suchfunktion und einer modernen Favoritenverwaltung punktet und die Kamera neue Fotoeffekte bietet, ist die neue Sortierung der Bilder innerhalb der Fotos-App völlig impraktikabel. Gegliedert nach «Momenten», «Sammlungen» und «Jahren» findet sich ein gesuchtes Bild mit Sicherheit schlechter als nach dem alten System via Landkarte.

Für die letzte Problematik kann Apple nichts, erwähnt werden muss sie trotzdem: Einige Applikationen laufen derzeit unter iOS 7 gar nicht, andere sind fehlerhaft. Wie schon öfter erwähnt bleibt die Chance auf Updates bis zum offiziellen Start des Betriebssystems bestehen, aber erfahrungsgemäss sind nur wenige App-Anbieter termingerecht bereit. Leider zählt ausgerechnet das beliebte Chatprogramm «WhatsApp» zu den fehlerhaften Kandidaten: Zwischenzeitlich verschwinden das Eingabefeld und der Senden-Befehl hinter der Tastatur und lassen sich nur durch einen Neustart der App wieder hervorholen. Hier zeigt sich die letzte, wichtige Neuerung von iOS 7: Ein Doppelklick auf die Hometaste zeigt alle geöffneten Apps, die sich durch eine simple Wischbewegung über den Bildschirm schliessen lassen. Immerhin etwas.

Fazit: Derzeit eine Enttäuschung

Apple bezeichnet iOS 7 als das bedeutendste Update seit dem ersten iPhone. Das ist es tatsächlich. Aber genau weil der Konzern die Latte so hoch legt, enttäuscht die Testversion umso mehr. Die moderate Designauffrischung gefällt optisch zwar, ist aber mehr Evolution statt Revolution. Standardapps wie der Kalender sind eine Zumutung, die Akkulaufzeit verringert sich um Stunden und das Betriebssystem als solches bleibt so statisch, wie es seit jeher ist. Apple muss die verbleibende Zeit bis zum offiziellen Start nützen und wichtige Verbesserungen vornehmen. Aber selbst dann schafft es das Betriebssystem nicht, an den innovativeren (Windows Phone) und offeneren (Android) Plattformen vorbeizuziehen. Einziges Steckenpferd bleibt die riesige Anzahl Apps, die über vieles hinwegtrösten. Gerade deshalb empfiehlt sich auch nach der offiziellen Veröffentlichung mit dem Update noch zu warten, bis die Lieblingsapps auch unter iOS 7 fehlerfrei funktionieren.

Autor: Reto Vogt