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14. April 2014

Ausnahmezustand

Krankenhausaufenthalt
Für Kleinkinder bereits bei vorbildlichem Verhalten von Ärzten und Personal oft traumatisch: Krankenhausaufenthalt. (Bild Fotolia)

Das Wartezimmer auf der Kindernotfallstation war gerammelt voll. Zwischen den hustenden, fiebernden, würgenden Kindern sassen die dazugehörigen Mamas und Papas und bemühten sich redlich, gelassen zu bleiben. Kein einfacher Job. Die Zwerge, die noch spielen konnten, malträtierten die alten Holzautos und warfen abgegriffene Legos durch die Gegend. Die Luft war stickig, überall schwirrten Viren und Bazillen durch die Gegend – ich hätte mein Bronchitis-Kind am liebsten gepackt und wäre schreiend davongelaufen.

Als wir endlich an der Reihe waren, lagen meine Nerven blank. Das merkte auch Ida und japste noch mehr als zuvor nach Luft. Das beeindruckte die Schwester. Schnell war ein Sauerstoffmessgerät zur Hand. Die Sättigung war schlecht. Nächster Schritt: Blutuntersuchung. Die Angestellte wandte sich direkt an mein Kind und sagte: «Achtung, jetzt kommt ein Piks, tut fast nicht weh.» Ida hörte natürlich nur «Piks» (wie «Amputation») und «weh» (wie «unerträglicher Schmerz»). Sie zappelte wie ein Fisch an Land, ich hielt sie noch fester, denn es war ja alles nur zu ihrem Besten, oder? Meine Kleine drehte durch, ihre Lippen wurden noch blauer. Die Krankenschwester blieb auf Kurs und rammte die Lanzette in das kleine Fingerchen. So tief, dass ein Schlitz klaffte. Das Blut schoss aus der Fingerkuppe. Idas Kleider, meine Kleider, der Boden – alles versaut. Mein Kind hatte den Kampf aufgegeben und wimmerte nur noch vor sich hin, mir liefen die Tränen die Wangen hinunter. Ein absoluter Ausnahmezustand. So entstehen übrigens Traumata.

«Haben Sie nicht diese kleinen Geräte, die Diabetiker benützen? Die sind doch viel weniger invasiv, da die Stichtiefe eingestellt werden kann.»
«Wir nehmen hier lieber Lanzetten», liess mich die Angestellte wissen und rauschte mit ihrer Beute, dem Blut meines Kindes, davon.
Ich weiss, an dieser Stelle reklamieren jetzt die Krankenschwestern, dass die Kollegin es doch sicher nur gut gemeint habe. Aber: Reicht das? Genügt es, wenn man sich einen lustigen Button ans Revers hängt und bunte Crocs anzieht? Ich finde: Nein. Wer auf einer Kinderstation arbeitet, sollte mehr draufhaben. Im Spital ist es aber so wie überall: Es gibt solche, die machen den Job mit Leib und Seele. Andere machen den Job. Irgendwie.

Wenn alles gut läuft, dann beziehen die Spitalleute die Kleinen ein, erklären ihnen, was passiert, und stehen ihnen bei. Ideal wäre, wenn Mama und Papa ebenso Teil des Behandlungskonzepts wären. Damals, als Ida so schlecht Luft bekam, musste sie stationär aufgenommen werden. Das war ein Schock für uns alle. Ich wollte natürlich bei meinem Kind bleiben. «Ja, Sie können hier übernachten … aber nur auf dem Feldbett, das sie spätestens um 6.30 Uhr zusammenklappen müssen.» Okay, kein Problem, Hauptsache, Ida und Mama werden nicht getrennt. Meine Kleine sollte in einem blauen Metallgitterbett schlafen. So wie das andere Kleinkind, mit dem sie sich ein Zimmer teilte.

Als die Nacht kam, bauten wir Mamis die Feldbetten auf. Das andere Mädchen erbrach sich noch ein wenig – und meine Tochter wollte nicht im Gitterbett liegen. Sie wollte zu mir auf die Pritsche. Das, so erklärte mir eine andere Angestellte, sei nicht vorgesehen. Da wurde ich wild. Ich verstehe, dass es Situationen gibt, in denen die Ärzte schnell zum Kind müssen. Aber wie soll denn so ein kleiner Mensch gesund werden, wenn man ihm die Sicherheit und den Trost entzieht? Am Schluss durften wir dann doch gemeinsam kuscheln. Aber natürlich nur bis 6.30 Uhr …

Mein Erlebnis deckt sich übrigens mit denen vieler anderer Eltern. Es kommt dabei gar nicht so sehr darauf an, ob die Kleinen in Aarau, Luzern, Zürich, Winterthur oder Basel behandelt wurden. Ich halte fest: Kinderstationen sind selten kindgerecht. Wenn alles nach Plan läuft, dann entsteht in den nächsten Jahren in Zürich ein kompletter Kinderspital-Neubau. Laut Pressemitteilung soll dort ein möglichst kinderfreundlicher Ort entstehen. Ich als Mami verstehe darunter aber vermutlich etwas anderes als ein kinderloser Stararchitekt.
Deswegen habe ich mir erlaubt, eine Liste zusammenzustellen. Halten Sie mich ruhig für weltfremd, Träumen ist erlaubt.

1. Richtet die Warte-, Behandlungs- und Krankenzimmer hell und freundlich ein! (Aber bitte nicht in Eigenregie mal schnell ein bisschen bunte Farbe an die Wand schmieren oder irgendein Disney-Bild abpinseln. Das geht garantiert in die Hose. Für so etwas braucht man ein Farbkonzept vom Profi.)

2. Hängt sämtliche Wandbilder gefälligst auf Kinderhöhe auf und denkt darüber nach, auch die Türgriffe und Liftschalter weiter unten anzubringen!

3. Schluss mit der Metzgerei-Ausleuchtung! Schraubt alle Leuchtröhren von der Decke und installiert Lichtquellen, welche die Räume warmweiss ausleuchten.

4. Möbliert sämtliche Räume kindgerecht! In ein Wartezimmer gehören nicht nur Erwachsenenstühle. Und wie wäre es, wenn die Kleinen in den Untersuchungszimmern über ein Treppchen auf die Pritsche klettern könnten?

5. Werft endlich diese angekauten, zerflederten Bilderbücher weg, die die Wartezimmer verstopfen! Und entsorgt bei der Gelegenheit auch bitte die kaputten Spielsachen. Die Kleinen sind doch nicht doof. Sie wissen sehr wohl, ob die Spielwaren up to date sind und mit Liebe ausgesucht wurden oder ob es sich um «milde Spenden» handelt (= Gerümpel, das die früheren Eigentümer nicht kostenpflichtig entsorgen wollten.)

6. Kranke Kinder brauchen Ruhe. Deswegen sollte es vor allem Einzelzimmer geben. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Kleinen die Viren des Bettnachbarn auflesen, ist so auch geringer. Und kommen Sie mir jetzt nicht mit fehlenden sozialen Kontakten!

7. Die Eltern sollten rund um die Uhr die Möglichkeit haben, bei ihrem Kind zu sein. Deswegen stünde im Kinderspital meiner Träume in jedem Zimmer ein vollwertiges Erwachsenenbett, das im Bedarfsfall an das Kinderbettchen gekoppelt werden kann. Und selbstverständlich müssten die Mütter und Väter nicht nachts durch den Bau irren, um eine Gästetoilette zu finden.

Autor: Bettina Leinenbach