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04. Juli 2016

Auslaufmodell Waschsalon? Im Gegenteil

Schmutzige Wäsche waschen die Schweizer in der Regel in den eigenen vier Wänden. Doch es gibt sie noch, die öffentlichen Waschsalons, auch wenn sie langsam am Aussterben sind. Wer hierherkommt, hat meist einen guten Grund – ein paar verraten ihn im Video.

Esther Mugglin steckt viel Herzblut in ihren Waschsalon Jetwash in Bern. Riesige Maschinen waschen hier die Wäsche.
Esther Mugglin steckt viel Herzblut in ihren Waschsalon Jetwash in Bern. Riesige Maschinen waschen hier die Wäsche.

Esther Mugglin hat schon viele Dinge in ihren Waschmaschinen gefunden. Einen Schraubenzieher, zum Beispiel. Schraubenmuttern. Münzen und natürlich eine Menge Socken. «Waschmaschinen sind sockenfressende Monster», sagt sie. Die 49-Jährige ist die Betreiberin des Self-Service-Waschsalons Jetwash in Bern. Hier, gleich neben dem Café Kairo, stehen fünf Tumbler und sieben riesige amerikanische und polnische Waschmaschinen aus poliertem Edelstahl, die mit ihrem Fassungsvermögen von bis zu 11 Kilogramm jede gewöhnliche Waschmaschine zu Hause in den Schatten stellen.

Für 50 Rappen gibt es Waschpulversäckchen am Automaten
Für 50 Rappen gibt es Waschpulversäckchen am Automaten

Für 50 Rappen gibt es Waschpulversäckchen am Automaten zu kaufen.

Es ist Samstag, 10 Uhr morgens, im Salon von Esther Mugglin ist noch nicht viel los. «Man weiss nie, wer und ob überhaupt jemand kommt», sagt Mugglin, die regelmässig im Salon nach dem Rechten sieht, um etwa Waschpulver im Automaten nachzufüllen. Ähnlich wie bei einem Selecta-Automaten kann der Wäschekunde portionierte Waschpulverbeutelchen gegen Münz beziehen. Die sehen auf den ersten Blick mit ihrem schneeweissen Pulver in den unbeschrifteten Plastiktütchen wie Kokainpäckchen aus, kosten aber nur 50 Rappen. Mugglin hat diese Säckchen zu Hause selber von Hand abgefüllt und sie in den Automaten gepackt.

Die Betreiberin steckt seit gut zehn Jahren viel Herzblut in ihren Salon. Das muss sie auch. Davon leben kann sie nämlich nicht. «Das ist für mich ein kleiner Nebenjob. Fast schon ein Hobby.»

Respekt vor fremder Wäsche

Kurz vor Mittag suchen die ersten zwei Herren um die 50 den Waschsalon auf. Der eine muss seine Wäsche wegen eines Rohrbruchs zu Hause im Jetwash waschen. Der andere lebt seit seiner Scheidung in einem Wohnwagen in Bern. Beide wollen lieber anonym bleiben und auch keine Fotos für die Reportage machen lassen. Sie bleiben nicht die Einzigen, die ihre Wäsche lieber ohne publizistische Begleitung erledigen möchten. Waschen scheint eben doch etwas sehr Intimes zu sein – auch in einem öffentlichen Salon. «Die Leute fassen meistens auch fremde Wäsche nicht an, wenn der Waschgang zu Ende und der Besitzer nicht gleich zugegen ist. Obwohl es extra einen Behälter dafür gibt, in den man sie hineinlegen kann», sagt Mugglin.

Velokurier Ruben Fritze
Velokurier Ruben Fritze nutzt die Wartezeit

Velokurier Ruben Fritze nutzt die Wartezeit auf die Wäsche an der Sonne.

Während des ganzen Tages kommen in den Waschsalon fast ausschliesslich Männer – allein. Sie füllen wortlos die grosse Maschine für 12 Franken pro Waschgang oder die kleine für einen Fünfliber. Warum kaum Frauen den Salon nutzen, kann auch Mugglin nicht so genau erklären. Aber nicht wenige ihrer Kunden kommen in den Jetwash, weil sie Ärger mit dem Waschplan zu Hause haben. «Manche können nur alle zwei Wochen waschen, das ist für sie zu wenig.» Auch wegen der Grösse seien ihre Maschinen beliebt. «Wo kann man schon die gesamte Bettwäsche in eine 11-Kilogramm-Maschine packen? Braucht man zu Hause für seine Wäsche einen halben Tag, ist sie hier in einer Stunde erledigt.»

Waschen als Meditation

Diesen Komfort schätzt auch der Berner Ruben Fritze. Mittlerweile ist es Nachmittag, Fritze, eingekleidet in Velokuriermontur, ist mit seinem Velo vor dem Jetwash vorgefahren. In seinem Gepäck hat er 25 Kilogramm Frotteewäsche und Rucksackträger des gesamten Velokurier-Bern-Teams. Fritze kommt jeden Samstag. «Der Waschsalon ist noch ziemlich chillig. Man grüsst sich zwar, aber er ist schon sehr anonym. Es sind auch nicht immer die gleichen Leute da», sagt er. An manchen Tagen sei der Salon richtig voll und es gebe sogar Wartezeiten. «Ich sitze dann aber nicht vor den Waschmaschinen und schaue der Wäsche beim Drehen zu», sagt Fritze. Andere, erzählt Betreiberin Mugglin, tun ­jedoch genau das – als Meditation. «Diese gleichmässigen Drehungen der Trommel, das Geräusch des Wassers. Das sei beruhigend, sagen sie.»

der Engländer Stephen Metcalfe
Ausländer wie der Engländer Stephen Metcalfe nutzen den Jetwash

Ausländer wie der Engländer Stephen Metcalfe nutzen den Jetwash. Er hat zu Hause keine Waschmaschine.

Neben Einheimischen kommen auch viele Ausländer in den Waschsalon. Entweder sind es Touristen, die die hohen Waschservicepreise in ihren Hotels nicht zahlen wollen, wie ein Amerikaner im Jetwash zu Protokoll gibt. Oder weil sie wie Stephen Metcalfe keine eigene Waschmaschine zu Hause haben. Metcalfe, ursprünglich aus Newcastle GB, lebt seit acht Monaten in Bern und arbeitet am Mathematischen Institut. «Ich lebe in einem ziemlich alten Haus», sagt er. Alle zwei Wochen suche er den Jetwash auf. «Der Preis ist fair, die Wäsche wird sauber.» Zudem sei die Lage optimal. So gönnt sich der 28-Jährige einen Kaffee im «Kairo», während sein Wäsche nebenan geschleudert wird.

Zwei Bänke, neun Waschmaschinen

Ortswechsel. In der ganzen Stadt Zürich gibt es gerade mal noch zwei Waschsalons. Einer von ihnen ist Lea’s Waschhaus beim ­Lochergut. Neun Waschmaschinen und vier Tumbler stehen hier für die Schmutzwäsche bereit. Es ist der perfekte Waschtag an diesem Samstagmorgen. Draussen regnet es in Strömen, drinnen plätschert die erste Waschtrommel in die Stille. Lea’s Waschhaus ist spartanisch eingerichtet. Zwei Sitzbänke gibt es sowie einen Automaten fürs Waschpulver. Das ist alles. Wer hierherkommt und bleibt, beschäftigt sich selber. Oder er verlässt den Salon gleich wieder, nachdem er die Waschmaschine angestellt hat, und holt die Wäsche später ab.

Waschmittel am Automaten
Wer kein Waschmittel mitbringt, kann es sich am Automaten besorgen.

Wer kein Waschmittel mitbringt, kann sich am Automaten welches besorgen.

Lea’s Waschhaus gibt es schon seit mehr als 30 Jahren. Wer «Lea» ist oder war, liegt im Dunkeln. Der heutige Betreiber übernahm das Geschäft vor zwei Jahren von seinem Vorgänger, der den Salon 22 Jahre lang betrieb und danach ausgewandert ist. «Wir haben danach einiges investiert», sagt der neue Geschäftsführer, der den Salon als Nebenerwerb betreibt und seinen Namen nicht nennen will.

«Wer einen Waschsalon in der Schweiz rentabel führen will, der muss von A bis Z alles selber machen – auch die Reparaturen an der Maschine», sagt er. Zu ihm kämen viele Sozialfälle, Saisonarbeiter oder Touristen. «Vom Waschsalon allein kann man nicht leben. Am Schluss bleibt finanziell schon etwas hängen, aber viel ist es nicht.»

in Lea’s Waschsalon in Zürich
in Lea’s Waschsalon in Zürich

15 bis 20 Franken lässt Markus Meyer pro Waschbesuch in Lea’s Waschsalon in Zürich liegen.

Markus Meyer ist seit zwei Monaten ­regelmässig Kunde in Lea’s Waschhaus. Pro Waschtag lässt er hier zwischen 15 und 20 Franken liegen. Für sechs Kilo Wäsche zahlt er Fr. 6.60 bei 40 Grad, Fr. 7.80 bei 90. Zu tumblen kosten 10 Minuten 3 Franken. Heute ist Meyer kurz nach dem Mittag in den Waschsalon gekommen, um sechs Kilo Wäsche zu waschen: Sportkleider, Hosen, Unterwäsche. «Ich lebe mit drei Mitbewohnern in einer WG. Wir können pro Woche nur an anderthalb Tagen waschen. Das reicht hinten und vorne nicht», sagt der 30-Jährige. Etwa alle zwei Wochen kommt er hierher und füllt eine Maschine. «Manchmal nehme ich meinen Laptop mit und erledige Geschäftliches», sagt der Geschäftsführer. Meistens kommt er nachmittags und bleibt etwa zwei Stunden. «Hier ist in der Regel nicht viel los.»

Ideal für Touristen, die knapp bei Kasse sind

die irischen Backpacker Martin Tierney und Shaunna McEvilly
die irischen Backpacker Martin Tierney und Shaunna McEvilly

Hätten ohne Waschsalons doppelt so viele Kleider mitnehmen müssen: die irischen Backpacker Martin Tierney und Shaunna McEvilly.

In einer Grossstadt wie Zürich ist der Waschsalon nicht nur für Einheimische, sondern insbesondere für Backpacker wichtig, wie sich etwas später zeigt. Shaunna McEvilly (24) und ihr Freund Martin Tierney (28) aus Irland haben am Anfang noch etwas Mühe, die Waschmaschine zu starten, da ihnen das passende Kleingeld fehlt. «An die Schweizer Preise haben wir uns ja schon langsam ­gewöhnt. Aber selbst der Waschsalon ist sehr teuer», sagt Tierney.

Die beiden sind auf einer Europarundreise und kommen gerade aus Mailand. «Ohne Waschsalons hätten wir das Doppelte an Kleidern mitnehmen müssen», sagt McEvilly. Zum Glück gebe es in fast jeder europäischen Stadt welche. «In Barcelona war der Waschsalon sehr trendy und wie eine Disco eingerichtet», erzählt McEvilly, während Tierney seine Wäsche in die Maschine stopft. Damit die Reise sauber weitergehen kann – bis zum nächsten Waschsalon.

Waschsalsons in Film und Musik

2009 nahm die australische Singer/Songwriterin Lisa Mitchell den Song «Coin Laundry» auf. (Quelle: YouTube)

Der britische Spielfilm «My Beautiful Laundrette» aus dem Jahr 1985. (Quelle: YouTube)

Autor: Andreas Bättig

Fotograf: Daniel Winkler