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26. Januar 2015

Auseinandersetzungen austragen

Wie baut man eine Beziehung zum Kind auf, damit es Verantwortung lernt und sich später selbständig in der Gesellschaft bewegt? Rezept gibt es zwar keines, fünf zentrale Ansätze helfen jedoch.

Jugend mit Erwartungshaltung
Erwarten, dass man sich auf sie einstellt: Jugendpsychiater Michael Winterhoff über die Jugend von heute. (Bild: Getty Images)

Fachleute wie der Jugendpsychologe Michael Winterhoff (im Interview: Eltern wollen geliebt werden ) zweifeln zunehmend an der Arbeits- und Beziehungsfähigkeit der jungen Generation. Auch wenn sein Fazit für die Schweizer Jugend (noch) nicht so gravierend ausfällt wie für die deutsche, legen auch Stellungnahmen und Bücher von Schweizer Fachleuten nahe, dass bei der Erziehung Handlungsbedarf besteht.

Migrosmagazin.ch stellt fünf Grundideen vor, die mithelfen, Kinder und Jugendliche als eigenständig wahrzunehmen und zu behandeln. Denn für das grösste Übel halten auf Heranwachsende spezialisierte Psychologen, dass Eltern sich zu radikal mit dem Nachwuchs identifizieren, dessen Leben mitbestimmen, ja gar mitleben wollen. Ihm auch sämtliche Hindernisse und Probleme aus dem Weg räumen möchten. Das kann auf Dauer nicht gut gehen, da die junge Generation so emotional abhängig bleibt und wichtiger Entwicklungsschritte in die Selbständigkeit beraubt wird.
Stark vereinfacht gilt es für Eltern, ihre Schützlinge zu begleiten, sie aber als eigene Personen anzuerkennen, Grenzen zu setzen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen.
A. Sich abgrenzen
Verstehen Sie Kinder trotz aller Ähnlichkeit mit Ihnen nicht als ein jüngeres, zweites Ich – gar ein weiter entwickeltes. Füllen Sie sie nicht einfach mit Ihren Hoffnungen und Erwartungen. Geben Sie Ihnen die Chance, jemand (ganz) anderer zu werden.
Nebenbei: So erscheinen Ihnen gewisse Ähnlichkeiten noch sympathischer, sie werden nicht selbstverständlich.

B. Reibungen nicht aus dem Weg gehen
Sicher bleiben die Bedürfnisse von Kindern für die Eltern zentral. Doch schon früh gilt es auch, ihnen Grenzen zu setzen. Und den Protesten und dem Streit nicht aus dem Weg gehen, sollten die erzieherischen Leitplanken beim Nachwuchs nicht auf Verständnis stossen. Kinder wachsen gerade auch daran, mit Erwartungen und Bedürfnissen der Erwachsenen konfrontiert zu werden. Erspart man ihnen diese Reibungen, lernen sie den Disput nicht, das Nachgeben – und schaffen es prompt auch nicht, sich einmal durchzusetzen.
C. Selbst Konsequenzen tragen lassen
Unterstützen Sie das Kind wo nötig, übernehmen Sie aber ja nicht dauernd die Verantwortung dafür, wenn es Mist anstellt. Bis zu einem gewissen Punkt soll es schon nach ein paar Jahren für das eigene Tun geradestehen: Sich entschuldigen, dem Alter entsprechend mit den Folgen leben, vielleicht auch etwas Wiedergutmachung leisten. Sonst sind mit der Zeit bloss noch Sie schuld an seinem Fehlverhalten – es dies aber selber gar nicht mehr richtig wahrzunehmen vermag.
D. Präsent bleiben
Früh mehr Verantwortung ermöglichen heisst jedoch keineswegs, immer öfters abwesend zu sein. Gerade ein Wachsen an Selbständigkeit und Verantwortung lässt es sinnvoll erscheinen, erreichbar zu sein, wenn doch einmal Not an der Frau/dem Mann ist. Und bestimmte Grenzen zu ziehen macht erst Sinn, wenn man überhaupt weiss, woran sich das Kind stösst, womit es Mühe hat.
E. Eigene Ansprüche anmelden
Für einige Eltern fast das Schwierigste: Begründen Sie nicht jedes Tun mit dem Verweis, dass es für das Kind das Beste sei – wenn es darum geht, dass auch Sie einmal zu Ihrem Recht kommen. Formuliert man auch einmal eigene Ansprüche und Bedürfnisse und verlangt gewisse Rücksicht vom Nachwuchs, lernt dieser überhaupt, dass andere neben Pflichten auch Rechte haben, auf die es bisweilen Rücksicht zu nehmen gilt. Genau so wird es im Berufs- und Erwachsenenleben später nämlich auch sein.
BUCHTIPPS auf ExLibris.ch

Michael Winterhoff: SOS Kinderseele (2014)

Nina Heinrichs, Sabine Härtel, Lars Behrmann: Kinder richtig erziehen – aber wie?
Ein wertvoller Ratgeber zur Flut der Erziehungsratgeber und die Übersicht zu vielen verfolgten Ansätzen (2007).

Verschiedene Publikationen des Schweizer Psychologen Allan Guggenbühl, der speziell das Phänomen der Jugendgewalt und andere Störungen mit dem heutigen Erziehungsstil in Verbindung bringt.

Autor: Reto Meisser