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14. Mai 2012

Aus Liebe zur Mühle

Viele Schweizerinnen und Schweizer träumen davon, in einer Mühle zu leben. Einige haben sich diesen Traum erfüllt und öffnen am 19. Mai ihre Türen zum Schweizer Mühlentag. Das Migros-Magazin stellt fünf der schönsten Mühlen und ihre Bewohner vor.

Weil er nicht mehr so gut zu Fuss ist, aber auch aus purer Freude, benützt Henri Pillonel im dreistöckigen Haus noch immer einen Handlift.

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Henri Pillonel lebt als letzter Müller von Estavayer-le-Lac FR in einer Getreidemühle. Die Grundmauern des dreistöckigen Gebäudes stammen aus dem 14. Jahrhundert. Im Parterre ist der Handlift immer noch in Gebrauch. Der 85-jährige Romand bewegt sich damit von Stock zu Stock.

Zurzeit putzt Pillonel sein Zuhause für den Schweizer Mühlentag am 19. Mai heraus. Er hofft auf viele Besucherinnen und Besucher, denn er liebt nichts mehr, als Interessierten seine Mühle zu zeigen.

Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in der Schweiz gut 6000 Anlagen, die mit Wasser- und Windkraft oder mit Pferdestärken betrieben wurden. Die Mühlen dienten nicht nur der Verarbeitung von Korn zu Mehl, sondern auch als Sägen, Papiermühlen, Pressen, Hammerschmieden und in den Anfängen der Elektrifizierung sogar als Kleinkraftwerke.

Heute gibt es schweizweit noch rund 300 Mühlen. 130 davon stehen Besuchern am Schweizer Mühlentag von 9 bis 17 Uhr offen.

Moulin Pillonel FR

Fast fünf Meter gross ist das hinter der Mauer versteckte Rad der Moulin Pillonel.
Fast fünf Meter gross ist das hinter der Mauer versteckte Rad der Moulin Pillonel.

Bewohner: Henri Pillonel (85) und seine Frau Rosa (85)

Standort: Estavayer-le-Lac FR

Geschichte: Die Getreidemühle war nach Unterbrechungen von 1343 bis 1984 in Betrieb und ist heute Wohnsitz des Ehepaars Pillonel. Das oberschlächtige Wasserrad besteht aus Metall und hat 48 Kammern.

Letzter Müller zu sein, ist Teil des Fortschritts

Seit vier Generationen arbeitete die Familie Pillonel im Müllerberuf. Henri Pillonel (85) war noch 1984 dafür verantwortlich, dass die Moulin Pillonel jährlich 180 Tonnen Weizen mahlte. Seine kräftigen Hände deuten darauf hin. Dann führte ein neues Reinhaltegebot dazu, dass der Mühlenbetrieb geschlossen werden musste. Heute ist die Moulin deshalb nur noch Wohnhaus und Museum, Henri Pillonel einziger Konservator und Guide. Einst arbeiteten sieben Müller in Estavayer-le-Lac. «Dass ich der letzte war, ist Teil des Fortschritts», sagt Pillonel ein wenig traurig. Der Vater von zwei Söhnen und drei Töchtern hat über sein bewegtes Leben als Müller ein Buch mit dem Titel «Le Ruisseau des Moulins»(«Der Bach der Mühlen») verfasst. Pillonel ist ein waschechter Einheimischer, denn er kam hier zur Welt. Weil er nicht mehr so gut zu Fuss ist, aber auch aus purer Freude, benützt er im dreistöckigen Haus noch immer einen Handlift. Mit einem Seil zieht er sich so ohne grosse Kraftanstrengung von Stock zu Stock. Das Verbotsschild «L’utilisation de l’ascenseur est interdite au public» braucht es, weil manchmal Passanten spontan vorbeikommen, um die historische Mühle anzuschauen. 250 würden ihn jährlich besuchen, sagt er. Und dann blüht der alte Mann auf, lässt die zwei Antriebszylinder nochmals auf Hochtouren laufen, was einen ohrenbetäubenden Lärm verursacht. Zusätzlich stehen im Parterre seines Hauses mehrere Modelle, die – am Strom angeschlossen – mit kleinen Lämpchen und Figürchen die Welt der Mühle erklären. Nichts kann ihn mehr beglücken.

Alte Mühle Küttigen AG

«Mühlendoktor» Kurt Fasnacht hat mit der Alten Mühle in Küttigen sein Paradies gefunden.
«Mühlendoktor» Kurt Fasnacht hat mit der Alten Mühle in Küttigen sein Paradies gefunden.

Besitzer: Kurt Fasnacht (51), wohnt seit 2005 in der Alten Mühle; www.muehlendoktor.ch

Standort: im Dorf Küttigen bei Aarau

Geschichte: Rund 400 Jahre alt, ehemalige Getreidemühle. Heute Wohnhaus sowie Sitz des Elternvereins Küttigen (Spielgruppen) und des «Chüttiger Mülilade» (Backmehl und weitere Lebensmittel aus Korn).

Ich dachte, ein Müller gehört in eine Mühle

Kurt Fasnacht (51) hat sich 2005 einen Traum erfüllt: Der gelernte Müller und Schreiner zog von der Stadt Zürich ins Acker- und Weinbauerndorf Küttigen AG. Seither wohnt er im Hochparterre einer rund 400 Jahre alten Mühle, die er einer Erbengemeinschaft abkaufte. Auf der Rückseite des spätgotischen Mauerbaus fliesst ein Dorfbach, vor dem Haus wächst ein Kirschbaum. «Nach dem Tod meiner Eltern dachte ich, ein Müller gehört in eine Mühle», sagt das jüngste von sieben Geschwistern. Bereits 2004 hat er sich als «Mühlendoktor» selbständig gemacht; seither restauriert und unterhält er historische Mühlen. Zu seinem Portfolio gehören rund 20 Anlagen. Ausserdem ist er Präsident der Vereinigung «Pro Haumüli» in Embrach ZH und nimmt im Sommer in historischen Müllerkleidern an Mittelaltermärkten teil. Trotzdem räumt er ein: «Anfangs fühlte ich mich hier auf dem Land wie ein entwurzelter Baum.» Seine Leidenschaft für Mühlen verdankt der einzige Mühlendoktor der Schweiz übrigens seiner Freundin Ina Link (50). Er begegnete ihr, als sie in der Alten Mühle spätgotische Deckenmalereien restaurierte. Auch heute ist hier noch manches raustaurationsbedürftig. Das 5,5 Meter grosse Wasserrad funktioniert nicht: Der Mühlendoktor bräuchte dafür einen Geldgeber, der mindestens 50'000 Franken investiert.

Alte Hammerschmiede SG

Das Heiligtumfür den gelernten Wagenschmied Christoph Friedrich: seine Hammerschmiede.
Das Heiligtumfür den gelernten Wagenschmied Christoph Friedrich: seine Hammerschmiede.

Besitzer: Christoph (59) und Margrit Friedrich (61); www.schmiede.ch

Standort: Sennwald bei Buchs SG

Geschichte: 1860 als Hammerschmiede erbaut, heute Wohn- und Arbeitsort. Die Wasserradachse des Hammerwerks ist gebrochen, der Zubringerkanal aus Holz verfault. Führungen sind erst 2013 uneingeschränkt möglich. Bis dahin sollten die Arbeiten abgeschlossen sein.

Uns fehlt das Rauschen des Wasserrads

Zusammen mit seiner Frau Margrit (61) wanderte der gelernte Huf- und Wagenschmied Christoph Friedrich (59) vor gut 20 Jahren aus: von Bülach ZH nach Sennwald SG. Dort kaufte er eine alte Hammerschmiede inklusive Wald und Bach mit 2,7 Hektaren Umschwung. Neben den Friedrichs leben sechs Hühner, ein Hahn, die Katze Sushi sowie vier Schafe in diesem paradiesischen Refugium. Im ersten Stock wohnt das Ehepaar, im Parterre befindet sich der Arbeitsort (Bilder) von Christoph Friedrich. Als einer von nur noch rund 20 künstlerischen Schmieden der Schweiz gestaltet er hier Geländer, Lampen, Tische und Stühle. Seinen Haupterwerb bestreitet er heute allerdings als Schulratspräsident von Sennwald. «Ich möchte in der Hammerschmiede bleiben, bis ich horizontal herausgetragen werden muss», sagt Christoph Friedrich. Seine Frau relativiert: «Ja, wir wohnen in einem kleinen Paradies. Aber das Paradies verursacht auch Arbeit.» Und es hat einen Makel: «Seit das Wasserrad sich nicht mehr dreht, fehlt uns in dieser ländlichen Ruhe das Rauschen.»

Kulturmühle Lützelflüh BE

Verantwortlich: Fritz von Gunten (64) ist Präsident des Vereins Kulturmühle; www.kulturmuehle.ch

Standort: Lützelflüh im Emmental

Geschichte: 1821 als eine der schönsten Mühlen des Emmentals erbaut, bis 1970 als Mühlenbetrieb geführt. Heute Galerie- und Konzertraum, Unterkunft mit 30 Schlafplätzen und Sitz des kantonalbernischen Sekretariats von Pro Patria.

Mich haben lokale Traditionen geprägt

Fritz von Gunten erkennt am Ton des Mühlenrads im Mühlenraum, wie viel Wasser der Bach führt.
Fritz von Gunten erkennt am Ton des Mühlenrads im Mühlenraum, wie viel Wasser der Bach führt.

Seit 20 Jahren ist Fritz von Gunten (64) Präsident des Vereins Kulturmühle Lützelflüh. «Obwohl meine Frau und ich in Bern wohnen, ist dieses knapp 200 Jahre alte Haus mein zweites Zuhause. Ich bin praktisch jeden Tag hier im Emmental», sagt er. Von Gunten ist auch Initiant des Gotthelf-Zentrums. Wenn er morgens in das Emmentaler Idyll eintaucht, öffnet er die Tür zum Mühlenraum und erkennt am Ton des Mühlenrads, ob es in der richtigen Geschwindigkeit läuft und wie viel Wasser der Bach führt. Gemüllert wird in diesem Raum allerdings nicht mehr, obwohl der Mahlgang funktioniert. Dieser kam letztmals vor Jahren an einem Mühlentag zum Einsatz. Doch nach dem Mahlen verwandelte sich der musealwirkende Raum in eine Winterlandschaft aus Mehl. «Wir mussten die Mühle drei Stunden lang putzen», erinnert sich von Gunten. Heute lebt die Kulturmühle Lützelflüh von Kunstausstellungen, Konzerten, Privatvermietungen und Besuchen von Schulen. Der ehemalige «Bänkeler» und SVP-Parteisekretär ist durch und durch Kulturförderer – als Koordinator für den Verkauf von Pro-Patria-Briefmarken und 1.-August-Abzeichen, als Buchautor («Alles ist Wurst – auf dem Wurstweg durch die Schweiz») sowie als Hobbywinzer mit einer Produktion von jährlich 299 Flaschen Rotwein aus Lützelflüh. Der heisst sinnigerweise Cuvée Moulin. «Mich hat es geprägt, dass ich mich mit den lokalen Traditionen und dem Brauchtum auseinandersetze und diese pflege», sagt der gebürtige Berner Oberländer. Sein Büro befindet sich über dem Mühlenraum. Hier ist er unter anderem mit der Projektleitung für die Jubiläumsfeier des Urwaldspitals Albert Schweitzer beschäftigt. Das Krankenhaus im westafrikanischen Lambaréné in Gabun feiert nächstes Jahr den 100. ­Geburtstag.

Mühle und Säge Hirslanden ZH

Hans Peter und Elisabeth Rast benützen den Raum im Bild im Winter als zusätzlichen Kühlschrank und im Sommer als Esszimmer. Hier wird es wegen der Mauern und des Bachs nie wärmer als 18 Grad.
Hans Peter und Elisabeth Rast benützen den Raum im Bild im Winter als zusätzlichen Kühlschrank und im Sommer als Esszimmer. Hier wird es wegen der Mauern und des Bachs nie wärmer als 18 Grad.

Mieter: Hans Peter (77) und Elisabeth Rast (73)

Standort: Stadt Zürich, Quartier Hirslanden

Geschichte: 1532 als stattliches Wohnhaus mit Mühle erbaut, heute Wohnhaus im Besitz der Stadt Zürich und einzige noch funktionstüchtige Mühleanlage auf Stadtgebiet. Unter Denkmalschutz seit 1986. Am Mühlentag fährt die Forchbahn in einer alten Komposition zwischen Hinteregg und Burgwies und damit direkt vor die Mühle.

Mehl produzieren wir nicht, nur Staub...

Im Mietvertrag zwischen Hans Peter Rast (77) und der Stadt Zürich steht, dass er in seiner Wohnung nach Bedarf Führungen erlauben müsse. Denn der vierfache Vater und siebenfache Grossvater lebt mit seiner Frau Elisabeth (73) und Indra, einem pensionierten Blindenhund, an einem privilegierten Ort. Das Ehepaar mietet seit 1977 die einzige Mühlenanlage der Stadt Zürich und verfügt über eine riesige Terrasse. Auf der Wiese davor blöken fünf Juraschafe als lebende «Rasenmäher», wie sich Hans Peter Rast ausdrückt. Daneben breitet sich ein grosser Gemüsegarten aus. Die Grossstadt scheint meilenweit entfernt. Hans Peter Rast ist als Geigenbauer stadtbekannt und arbeitet noch immer von Montag bis Samstag in einem Atelier oberhalb des Wohnzimmers, zusammen mit seinem Sohn. Dort stehen Hunderte von Geigen, Bratschen, Cellos und Kontrabässe. «Vor 42 Jahren habe ich mit einem Mietinstrument angefangen. Das hat sich jetzt ein wenig vermehrt», sagt Rast mit einem Lächeln. Er bezeichnet sich als Sammler und geht jeden Samstag auf den Flohmarkt beim Bürkliplatz in Zürich. Seine Frau, mit der er vergangenen Herbst die Goldene Hochzeit feierte, fügt hinzu: «Und ich bin eine Jägerin.» Sie «jagt» nach geflochtenen Körben, die im zweiten Wohnzimmer auf einem Kasten lagern. 1964 wurde in der Mühle zum letzten Mal Getreide zu Mehl verarbeitet. Sie funktionierte mittels Wasserkraft. Hans Peter Rast bedauert nicht, dass dies nun passé ist. «Ich bin Geigenbauer und nicht Müller», sagt er unsentimental. «Es ist schön, hier zu leben. Nur im Winter ist es mit dem Heizen sehr aufwendig.»

Am Mühlentag bringt der Geigenbauer das 7,5 Meter grosse Wasserrad am Rand des Wohnhauses mit einem Elektromotor in Schwung. Stündlich wird er zusammen mit einem externen Müller durch seine Wohnung führen. Seine Frau sagt: «Mehl produzieren wir nicht, nur Staub...»

Autor: Reto Wild

Fotograf: Annette Boutellier