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10. März 2014

Besuch der älteren Dame

Wo steht geschrieben, dass sich nur junge Mädchen als Au-pair eignen? Auch lebenserfahrene Frauen wie Denise Jaunâtre sind ihren Gastfamilien als Leihgrossmütter eine wertvolle Hilfe.

Austauschgrosi Denise Jaunâtre mit ihren belgischen Enkelkindern auf Zeit, Tristan 
und Briana
Haben einander ins Herz geschlossen: 
Austauschgrosi Denise Jaunâtre mit ihren belgischen Enkelkindern auf Zeit, Tristan 
und Briana.

Denise Jaunâtre (58) ist eine moderne Mary Poppins. Immer wenn irgendwo auf der Welt eine Familie Hilfe braucht, kommt sie angeflogen. Allerdings nicht mit einem Schirm, wie das die Romanfigur tun würde, sondern ganz normal im Flugzeug. Jaunâtre ist ein sogenanntes Granny-Aupair, also eine Leihgrossmutter. Das heisst, sie lebt für mehrere Wochen in einer fremden Familie im Ausland und erledigt dort alles, was eine echte Omi auch machen würde: Windeln wechseln, Spielplatz aufsuchen, Gute-Nacht-Geschichte erzählen.

Eltern und Granny finden sich im Internet

Die Generation 50plus steht heute mitten im Leben. Gerade, weil die eigenen Kinder bereits flügge geworden sind und der Moment der Pensionierung näherrückt, wollen viele Frauen es nochmals wissen. «Ich habe mich früher oft gefragt, ob es für Frauen in meinem Alter nicht auch Möglichkeiten gibt, ins Ausland zu gehen und dort etwas Sinnvolles zu machen», erzählt Denise Jaunâtre.

Mehr zum Thema:Die Granny-Dienste sowie nützliche Internetplattformen zur kostenlosen Nachbarschaftshilfe. Zum Artikel

Vor drei Jahren stiess sie im Internet auf das Angebot der deutschen Granny-Au-pair-Agentur. Das Unternehmen bringt abenteuerlustige Frauen ab 50 und Familien weltweit zusammen. Das Prinzip ist einfach: Erst muss man sich gegen eine Gebühr anmelden, dann kann man ein Onlineprofil von sich erstellen. Das können dann all diejenigen einsehen, die ein Granny-Au-pair suchen.

Austauschgrosi Denise Jaunâtre mit einem Kind beim Malen.
Austauschgrosi Denise Jaunâtre mit einem Kind beim Malen.

«Es ist ein bisschen so wie beim Online-Dating», witzelt die Solothurnerin. Nicht, dass sie sich damit gut auskennen würde. Sie ist schon seit einer Ewigkeit mit ihrem Mann verheiratet, die beiden haben drei erwachsene Kinder. Im richtigen Leben arbeitet sie bei der Post und führt Interessierte durch die grossen Verteilzentren in Härkingen SO. Doch ungefähr einmal im Jahr nimmt Jaunâtre unbezahlten Urlaub und wird zum Leihgrosi. 2012 ist sie in Norddeutschland im Einsatz gewesen. Und vor wenigen Wochen ist sie von einem Aufenthalt in Belgien zurückgekehrt. Dort half sie drei Monate in einer jungen Familie aus. «Obwohl ich als Leihgrosi keinen Lohn erhalte, komme ich dennoch reich zurück. Reich an Eindrücken und reich an Erfahrungen.»

Eine kleine Kammer für das Granny-Au-pair

Da es im Gegensatz zu klassischen Au-pair-Engagements keine Verträge zwischen den Frauen und den Gastfamilien gibt, ist es wichtig, dass alle mit offenen Karten spielen. Wenn jede Seite weiss, was auf sie zukommt und was von ihr erwartet wird, gibt es keine bösen Überraschungen. Und doch bleibt ein Restrisiko. Als Denise Jaunâtre die belgische Familie über die Agenturplattform kennenlernte, erfuhr sie viel über deren Lebensumstände. Sie wusste beispielsweise, dass die Gasteltern Diana (42) und Geert (50) gemeinsam mit ihren Kindern Tristan (5) und Briana (2) in einem kleinen Haus vor den Toren Brüssels leben. Sie wusste auch, dass ein erwachsener Sohn (27) aus erster Ehe mit von der Partie ist. «Mir war klar, dass es eng werden würde.»

Die belgische Gastfamilie von Denise Jaunâtre: Diana, Tristan, Briana und Geert (von links).
Die belgische Gastfamilie von Denise Jaunâtre: Diana, Tristan, Briana und Geert (von links).

Als sie ihr neues Zuhause auf Zeit zum ersten Mal betrat, verschlug es ihr dennoch die Sprache. Das Kinderzimmer, das extra für sie geräumt worden war, entpuppte sich als kleine Kammer. Im einzigen Badezimmer herrschte dauernd Hochbetrieb. Sie musste sich erst daran gewöhnen, dass sie kaum noch Privatsphäre hatte. «Interessanterweise kam ich relativ schnell mit den beengten Verhältnissen klar», sagt sie. Die Tatsache, dass Diana und Geert bewusst weder Fernseher noch Radio besassen, setzte ihr mehr zu. «Obwohl Brüssel ganz nah war, hatte ich das Gefühl, am Ende der Welt zu sein.» Im Haus gab es ausserdem keine Tageszeitung, und die Busverbindung in die Hauptstadt war schlecht.

Denise Jaunâtre dachte mehr als einmal daran, alles hinzuschmeissen. Glücklicherweise lief es auf der zwischenmenschlichen Ebene gut. Sie verstand sich sofort mit ihren Gastgebern, und auch die Kinder schlossen sie umgehend ins Herz. Nach kurzer Zeit hatten sich alle an die neuen Abläufe gewöhnt. Das Ersatzgrosi brachte Tristan morgens in den Kindergarten und schaute dann zu Briana. Denise Jaunâtre war auch für bestimmte Bereiche des Haushalts zuständig. Wenn die Kinder abends im Bett lagen, zog sie sich zurück, um ein Buch zu lesen oder mit ihren Lieben daheim zu telefonieren.

Ein Granny-Au-pair kommt der Familie sehr nahe. «Man sollte nicht unterschätzen, wie schwierig es ist, plötzlich Teil einer vollkommen fremden Welt zu sein», sagt sie. Und damit meint sie nicht nur, dass die Gastfamilie unter Umständen eine andere Sprache spricht oder in einem anderen kulturellen Umfeld lebt. Was man selbst für gut und richtig hält, ist in anderen Haushalten undenkbar. Vielleicht, so sagt Denise Jaunâtre, sei das die grösste Herausforderung. «Es geht nicht darum, diesen Familien endlich einmal zu zeigen, wie die Dinge richtig gemacht werden.» Wichtig sei vor allem, seine Unterstützung anzubieten. Und zwar immer wieder, ergänzt sie. «Ich habe das Gefühl, dass ich in Belgien den Grundstein für eine echte Freundschaft gelegt habe.»

Sie ist sich sicher, dass dies nicht ihr letzter Einsatz gewesen ist. «Beim nächsten Mal würde ich allerdings gern einmal bei einem sozialen Projekt mit anpacken.» Da die Agentur auch solche Aufenthalte vermittelt, könnte es gut sein, dass sie im nächsten Jahr in einem bolivianischen Kindergarten Versteckis spielt. Oder in der Dominikanischen Republik in einem Jugendasyl aushilft.

So weit ist es aber noch nicht, denn die Eindrücke aus Belgien sind noch zu präsent. Ein Bild aus jener Zeit will Denise Jaunâtre nicht mehr aus dem Kopf gehen: Vor ihrer Heimreise kramte ihr Leihenkel, der fünfjährige Tristan, sein Sackgeld hervor und bat sie, ihm beim Zählen zu helfen. Die beiden kamen auf über 100 Euro. «Reicht das für ein Flugticket zu dir?», wollte der Knirps wissen. Denise Jaunâtre nahm ihn in den Arm. «Ja, da bin ich mir ganz sicher.»

www.granny-aupair.com

Autor: Bettina Leinenbach