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01. Mai 2017

Aufwärmen macht Sinn

Eine Verspannung da, ein Zwick dort: An unsere Muskulatur denken wir oft erst, wenn sie schmerzt. Mit Aufwärm- und Dehnungsübungen beugt man Verletzungen vor.

Wenn Muskeln schmerzen
Muskeln schmerzen schnell, wenn man sich nicht um sie kümmert. (Bild: iStockphoto)

Bei rund 650 Muskeln im Körper verwundert es nicht, dass Muskelverletzungen zu den häufigsten Problemen rund um den Bewegungsapparat gehören. Sie sind aus vielen kleinen Muskelfasern, vereint zu Muskelfaserbündeln, aufgebaut. Die Bewegung jeder einzelnen Muskelfaser führt zur Kontraktion des Muskels und damit zur Beugung oder Streckung des betreffenden Gelenks.

Muskelverletzungen umfassen Muskelverhärtungen, Muskelfaserrisse, Muskelfaserbündelrisse und auch Abrisse des gesamten Muskels. Eine Muskelverletzung tritt ohne äusseres Trauma durch übermässige Belastung auf. Besonders häufig findet man Muskelverletzungen deshalb in Sportarten, bei denen die Muskulatur plötzlich grossen Kräften ausgesetzt ist.

Beispiele hierfür sind Stop-and-Go-Sportarten wie Tennis, Fussball und Handball sowie in Schnellkraftsportarten wie Bobfahren und im Sprint. In Ausdauersportarten (Schwimmen, Joggen, Radfahren), bei denen die Muskeln eine gleichmässige Belastung erfahren, sehen wir seltener Muskelverletzungen.

Wärmende Salben genügen nicht

Kalte, ermüdete, überlastete und vorgeschädigte Muskulatur ist anfälliger für Verletzungen. Vorbeugend ist deshalb das adäquate Aufwärmen und Dehnen sehr wichtig. Äusserlich wärmende Salben reichen dabei nicht aus. Wichtig ist ausserdem, die Belastung dem Trainingszustand anzupassen und die Beweglichkeit des gesamten Körpers zu fördern. Kommt es trotz guter Vorbereitung zu einer Muskelschädigung, sollte man dem PECH-Schema folgen:

Pause: Schmerzen sind Warnsignale. Stoppen Sie die Aktivität, die Ihnen Schmerzen bereitet. Schonen Sie sich und Ihre Muskulatur für die nächste Zeit.

Eis: Kühlen Sie das betroffene Gebiet.

Compression: Legen Sie, wenn immer möglich, eine komprimierende Bandage oder einen Verband an.

Hochlagern: Die betroffene Gliedmasse hochzulagern, reduziert die Schwellung und damit den Schmerz.

Verschaffen diese vier Punkte nicht innert Kürze Abhilfe, sollte in jedem Fall ein Arzt konsultiert werden. Der Sportarzt kann anhand der klinischen Untersuchung den Schweregrad der Muskelverletzung einschätzen und die passende Therapie zusammen mit dem Patienten finden.

Zum Teil werden hierfür auch noch weitere diagnostische Schritte wie eine Ultraschalluntersuchung oder eine Magnetresonanztomografie durchgeführt. Welche Therapie gewählt wird und wie lange die Genesung dauert, ist von Verletzung zu Verletzung und von Patient zu Patient verschieden respektive von der Art der Verletzung, dem Ausmass sowie von individuellen Gegebenheiten abhängig.

Es drohen lange Heilungszeiten

Die Heilungszeiten können von einigen Tagen bei Muskelverhärtungen bis zu Wochen und Monaten reichen. Ist ein Muskel an seinem Ansatz abgerissen, ist teilweise sogar eine Operation zur Erhaltung der Muskelfunktion erforderlich. Die immer wieder angepriesenen Injektionen von Medikamenten und auch Eigenblut in die Muskelverletzung sind zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht genügend erforscht.

Die Rehabilitation wird unabhängig von der Verletzung stets in zwei Phasen unterteilt. Der Zeit der Ruhe folgt immer ein kontrollierter, physiotherapeutisch unterstützter, langsamer Muskelaufbau. Geschädigte Muskeln dürfen nicht zu früh belastet oder gar über­lastet werden und müssen schrittweise an ihre Maximalleistung herangeführt werden – ansonsten ist mit lästigen chronischen und wieder­kehrenden ­Beschwerden oder weiteren Verletzungen zu rechnen.


Hanspeter Betschart ist Sportarzt im Zentrum für Medizin und Sport, Medbase Abtwil.

Autor: Hanspeter Betschart