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13. Mai 2013

Aufgedreht

Ein Kind wie aufgedreht
Ein Kind wie aufgedreht. (Illustration Ron Leishman / Clipart)

Paul sprang aus dem Stand auf unser Ledersofa. Dann hüpfte er wie ein Irrer auf und ab. Doing-doing-doing-doing-doing-doing. Während das Couchgestell ächzte, rührte seine Mutter seelenruhig in ihrer Kaffeetasse. «Unser Grosser ist ein lebhaftes Kind …»

Wirklich? Darauf wäre ich nie gekommen. Während ich mich fragte, ob ich in meiner Funktion als Gastgeberin fremder Leute Kinder würgen dürfte, setzte der sechsjährige Akrobat zu einem fulminanten Abgang an. Er sprang Beine voran auf ein am Boden platziertes Kissen. Um ein Haar hätte er es verfehlt und wäre mit dem Kopf gegen unser Sideboard geknallt. Ich hörte schon das Tatütata. Mir wurden in dem Moment zwei Dinge klar:

1. Beim nächsten Mal würden wir uns draussen treffen.

2. Dieser Knirps hatte ADHS.

So schnell geht das. Ich kannte den Jungen kaum und hatte ihn bereits in eine Schublade gesteckt. (Um ehrlich zu sein: Seine Mutter hatte ich auch schon einsortiert. Und zwar bei den Nicht-Erziehern.)

Bei manchen Kindern scheint jemand die Antriebsfeder zu weit aufgezogen zu haben. Sie zappeln herum, sind zu laut, zu impulsiv – schlicht unerträglich. Haben sie deswegen automatisch ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS)? Müssen sie deswegen in Therapie? Brauchen sie ein Medikament (Ritalin), um ihren entgleisten Hirnstoffwechsel wieder ins Lot zu bringen? Die Antwort lautet klar und deutlich: Jein!

Fakt ist, dass wir kleine Nervensägen schnell mit dem ADHS-Label versehen. Mit «wir» meine ich Eltern, Nachbarn, Lehrer. Schublade auf, Kind rein, Schublade zu. Paul der Zappelphilipp. Gerade bei der Diagnose psychischer Störungen kommt es aber auf Exaktheit an. Dass beim Thema ADHS hierzulande oft aus der Hüfte geschossen wird, ist bekannt. Viele Ärzte legen sich zu schnell fest und verschreiben neben den üblichen Therapien vor allem Psychopharmaka. Die Fallzahlen sind in den vergangenen Jahren in die Höhe geschnellt. ADHS ist offensichtlich eine Trenddiagnose. Im Jahr 2000 gingen schweizweit ungefähr 75'000 Packungen Methylphenidat (Ritalin oder Ähnliches) über die Ladentheke, 2012 waren es schon 300'000 Packungen. Die Schweizerische Fachgesellschaft ADHS sieht deswegen «deutlichen Handlungsbedarf» bei der medizinischen Fortbildung. Ein Vorstandsmitglied spricht in der Aprilausgabe der Schweizerischen Ärztezeitung gar von «beginnendem Wildwuchs», von «oberflächlich gestellten Diagnosen und der unkritischen, zu grosszügigen Verschreibung» von Psychopharmaka. Mit anderen Worten: Manche Psychiater, Kinder- und Allgemeinärzte wissen zu wenig über das Leiden, um es fachgerecht behandeln zu können.

Wenn ein Kind stark betroffen ist, braucht es alle erdenkliche Hilfe. Dazu zählt neben der Psychotherapie auch die medikamentöse Behandlung. Methylphenidat ist eine hochwirksame Substanz, die viel Gutes bewirken kann.

Doch was macht man mit den Mädchen und Buben, die zwar auffällig sind, aber nicht leiden? Deren Testergebnisse allenfalls eine milde Ausprägung zeigen? Dass die Eltern und Lehrer der kleinen Nervensägen oft am Anschlag sind, ist klar. Ich kenne einen Fall, in dem die Lehrerin forderte: «Entweder Ihr Sohn nimmt Ritalin – oder ich werde ihn nicht mehr unterrichten.» Dürfen wir die Kinder nur deswegen mit einem Medikament behandeln, um sie gesellschaftsfähiger zu machen? Ich finde, nein. Da müssen wir ohne durch. Gemeinsam.

Autor: Bettina Leinenbach