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06. Oktober 2014

Auf und davon

Ferienstimmung und ein Motto, das Lust machte, einzusteigen und loszufahren: «Spostarsi in libertà». Schwungvoll prangte der Slogan am azurblauen Bus der mittelligurischen Transportfirma Tigullio Trasporti. Wobei die Übersetzung – etwa: sich in Freiheit fortbewegen – nie die Poesie der Originallosung wiederzugeben vermag. Lang ists her; wir wollten uns in aller Freiheit von Santa Margherita Ligure nach Rapallo bewegen, en famille, alle vier. Macht zwei Tickets à 80 Cents für die Erwachsenen, rechnete ich mir aus. «Und ab welchem Alter», fragte ich die Schalterfrau, die in ihrem Kassenkabäuschen eine Zigarette paffte, «müssen bitte die Kinder bezahlen?»

«Nur in London war der Preis eindeutig»
«Nur in London war der Preis eindeutig»

Daheim hätte ich die dumme Frage nicht gestellt, Hans war zweijährig, Anna Luna viereinhalb – eigentlich klar, dass sie umsonst fahren würden. Aber seit man uns in Genua genötigt hatte, für sie ein Billett zu lösen, war ich vorsichtig. Andere Länder, andere Regeln. «Ab einem Meter fünfzehn», antwortete die Raucherin am Schalter. Hä? «Ma sì, un metro e quindici», wiederholte sie, ich hatte mich nicht verhört. Und wie sie nun einen weiteren Zug an ihrer «MS blù» tat und den Rauch dann kunstvoll aus den Nasenlöchern blies, werde ich nie vergessen. Sie schien meine Verblüffung zu geniessen. Auf der Fahrt nach Rapallo diskutieren wir, wie unfair diese Regelung sei. Was kann ein Kind dafür, wenn es mit sechs schon eins fünfzehn gross ist und ein anderes erst mit zehn? Seis drum, unsere Kleinen bezahlten ja nichts.

Das mit den Kinderpreisen ist so eine Sache. Früher gabs halbe und ganze Tickets, Kinder und Erwachsene, Punkt. Bis zum siebten Geburtstag fuhren alle umsonst, und danach waren sie bis sechzehn ein Kind. In letzter Zeit aber haben Bergbahnbetreiber, Vergnügungsparkmanager und Kinobesitzer das Geschäft mit den Preisen entdeckt, und es wird eifrig differenziert. Kind ist nicht mehr gleich Kind. Bei Snowboardmiete und Skiliftabo gibts neu die Kategorie «Jugendlicher», festgelegt nach Gutdünken, mal ab elf, mal ab dreizehn Jahren. Das mag beim Wintersport sogar seine Berechtigung haben, weil eine 14-Jährige öfter rauf und runter düst als ein Knirps – aber hat sie auch das Geld fürs teurere Abo? Mal heissts «Teen», mal «Junior», die Abstufungen werden immer alberner. Mal gilt der Preis bis sechzehn, mal bis achtzehn, und ich muss als Vater dauernd darauf achten, in welche Kategorie unsere Kinder gerade fallen. Einzig beim Londoner Riesenrad, dem London Eye, wars diesen Sommer eindeutig, es wurde simpel nach Kindern und Erwachsenen unterteilt. Preis für einen Erwachsenen: 29.50 britische Pfund; Preis für ein Kind: ebenfalls 29.50 britische Pfund. Noch Fragen?

Damals in Ligurien massen wir übrigens anderntags nach, nur so aus Gwunder. Bis zu einem Meter fünfzehn Körpergrösse würden Kinder gratis fahren, hatte die Schalterfrau gesagt. Zu unserer Überraschung war Töchterchen Anna Luna aber bereits eins sechzehn lang. Sie war also schwarzgefahren. Das war vor zwölf Jahren, und seither scheue ich das Nachmessen. Als sie und Hans letzthin mal wieder die Bleistiftmarkierungen am Türpfosten aktualisierten – auch schon wieder zwei Monate her –, war Anna Luna gerade noch eineinhalb Zentimeter kleiner als ich. Eine neuerliche Messung, finde ich, eilt überhaupt nicht.

Die Hausmann-Hörkolumne, gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli