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16. November 2015

Auf Rechnungen gebettet

Wer jeden Franken zweimal umdrehen muss, lernt kreativ kochen und knallhart kalkulieren. Trotzdem fürchtet sich die Alleinerziehende Gabriela Fankhauser vor jedem Gang zum Briefkasten: Lauert darin die nächste Rechnung? Dazu zwei weitere Porträts mit Familien, in denen Kinder und Eltern von Armut betroffen sind.

fühlen sich nicht arm: Gabriela Fankhauser mit Sohn Mattias
Sie fühlen sich nicht arm: Gabriela Fankhauser mit Sohn Mattias. Im Hintergrund die beiden älteren Kinder Dominic und Pascal.

Zu Weihnachten wünscht sich Dominic (6) einen «Star Wars»-Spielzeugroboter. Auch seine Mutter Gabriela Fankhauser (35) hat einen Wunsch: einen Monat lang keine Geldsorgen zu haben. Sie wünscht sich, dass der tägliche Gang zum Briefkasten keine Belastungsprobe mehr ist, weil sich darin ja wieder eine Rechnung befinden könnte, die sie als alleinerziehende Mutter niemals bezahlen kann. Dass dieser Stress aufhört und vielleicht, wenn sie das so sagen dürfe, irgendwann ein neues Occasionsauto. Ihr Renault sei durchgerostet, und wenn der abliege, sie klopft auf
den Holztisch, ja dann habe sie ein riesiges Problem.

Es ist ein trüber Herbsttag, dichter Nebel liegt über dem kleinen Ort irgendwo im Mittelland. Gabriela Fankhauser hat aufgetischt. Es gibt Teigwaren. Nicht zum ersten Mal in dieser Woche. Wenn er beim Vater zu Besuch sei, sagt der zweite Sohn Mattias (3), esse er immer Raclette, und zwar so viel, bis er nicht mehr könne. Dann kehrt der dritte Sprössling von der Schule heim. Pascal (8) fragt: «Darf ich gamen?» Zuerst werde jetzt gegessen, sagt die Mutter, und schöpft den drei Buben grosse Portionen auf die Teller. «Für mich ist es wichtig, dass das Essen nicht zu kurz kommt.»

1000 Franken im Monat stehen ihr dafür zur Verfügung. Für Extrawünsche reicht das nicht. Es komme oft vor, sagt sie, dass in der letzten Woche des Monats ein Loch in der Haushaltskasse klaffe, dann würden eben die Vorräte angezapft. «Zum Glück habe ich ein grosses Gefrierfach.» Man lernt, fantasievoll zu kochen und knallhart zu rechnen, wenn man plötzlich als Alleinerziehende dasteht.

Betroffen sind eine Viertelmillion Kinder in der Schweiz
Kinder, das zeigen Zahlen der Caritas, sind ein Armutsrisiko (siehe: Grafik im PDF-Format ). Wird die Betreuung von nur einem Elternteil übernommen, steigt dieses Risiko.
16,5 Prozent der Alleinerziehenden in der Schweiz sind arm. Betroffen sind eine Viertelmillion Kinder. Was das Ganze noch schlimmer macht: Armut wird vererbt. «Es gilt zusehends: Ein Mal arm, immer arm», sagt Caritas-Direktor Hugo Fasel.

Doch wann gilt in der Schweiz jemand als arm? Familie Fankhauser hat ein Sofa, einen Fernseher, ein Auto. Und vor ein paar Wochen verbrachte man auf Einladung der Stiftung Sternschnuppe drei Tage im Legoland in Günzburg (D). Natürlich geht es den Strassenkindern in Rio oder Phnom Penh viel schlechter, doch wer so argumentiert, dem fehlt nicht nur das Herz, sondern auch das nötige Hintergrundwissen.

Fachleute sprechen von relativer Armut, von Armut im Vergleich zum Wohlstand einer Gesellschaft. Die Fragen lauten also: Können Betroffene ihr Leben mit ihrem Einkommen bestreiten? Oder fallen sie durch die Maschen, können nicht mehr am Gesellschaftsleben teilnehmen und werden dadurch zunehmend ausgegrenzt?

Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (Skos) schätzt die monatlichen Kosten für ein Kind zwischen 400 und 600 Franken – Prämien für die Krankenkasse, Kita und Wohnkosten nicht eingerechnet. Als arm gilt in der Schweiz eine Alleinerziehende mit zwei Kindern, die monatlich weniger als 4000 Franken zur Verfügung hat. Eine solche Berechnung existiert für Gabriela Fankhauser als dreifache Mutter nicht. Es gibt schlicht zu wenige ähnliche Fälle. Die Realität ist: Die Fankhausers mussten zügeln, als Gabriela ihren Mann vor drei Jahren verliess. Die Miete im Vorort von Bern, wo die Kinder ihre Freunde hatten und in den Kindergarten gingen, konnte man sich nicht leisten.

Gabriela Fankhauser muss mit rund 5000 Franken im Monat auskommen. Die Wohnungsmiete beträgt 1500 Franken, einen beträchtlichen Teil ihres Einkommens muss sie zur Tilgung ihrer Schulden aufwenden. «Es bleibt knapp genug, um ein Leben in Würde zu bestreiten», sagt sie. Dafür geht sie neben ihrer Rolle als Mutter und Hausfrau drei Jobs nach. Wenn die Kinder beim Vater sind, absolviert sie Einsätze als Nachtschwester im Altersheim. Daneben betreut sie an drei Tagen pro Woche Kinder in einem Fitnesscenter und an zwei Nachmittagen ein Tageskind in ihren vier Wänden.
Freizeit? Höchstens mal ein Wochenende im Monat. Dann verabredet sie sich mit Freundinnen zum Essen oder zum Sport.

Nach fünf Minuten sind die Teller der Kinder leer, die Buben verschwinden in ihrem Zimmer, in ihre Fantasiewelten von «Star Wars» und Ritterburgen. Gabriela Fankhauser verstaut die Reste im Kühlschrank und macht den Abwasch. «Finanziell ist es ständig eine Wanderung am Abgrund», sagt sie, «aber ich fühle mich nicht arm.» Mit ein Grund dafür sei ihre Schwester, ebenfalls Mutter von zwei Kindern, die sie bei Problemen immer anrufen könne.

Die Depression ist überwunden, die Geldsorgen bleiben
Das erste Jahr nach der Trennung sei allerdings «happig» gewesen, sagt sie. Die Kinder waren ständig krank, und dann wurde sie schwer depressiv. «Ich sass nur noch auf dem Sofa und weinte.» Fankhauser begab sich in Behandlung und schaffte es, das Tief zu überwinden. Heute gönne sie sich Timeouts: «Vielleicht schauen meine Kinder mal eine Stunde länger Fernsehen als andere. Das ist immer noch besser, als wenn ich ständig am Anschlag bin.»

Nach dem Mittagessen steigt die Familie in ihre «Klapperkiste». Es geht nach Bern. Dominic muss zur Arztkontrolle. Der Junge ist auf einem Ohr taub, im Sommer hat er ein Hörgerät implantiert bekommen. Danach will Gabriela Fankhauser noch Geschenke einkaufen. Nur der «Star Wars»-Roboter, so viel ist schon jetzt klar, wird auch heuer nicht unter dem Weihnachtsbaum liegen. 

«Ich verzichte, damit es die Kinder besser haben»

Susanne Neuenschwander mit ihren beiden Söhnen Diné (links) und Martin
Susanne Neuenschwander mit ihren beiden Söhnen Diné (links) und Martin. Von Tochter Naomi sind nur die Füsse zu sehen.

Susanne Neuenschwander mit ihren beiden Söhnen Diné (links) und Martin. Von Tochter Naomi sind nur die Füsse zu sehen.

«Vor elf Jahren ist mein Mann gestorben. Es fing an mit leichten Beschwerden, anderthalb Stunden später war er tot. Zackbumm, Herzinfarkt. Bis dahin ging es uns gut. Er gab als schamanischer Lehrer Kurse, ich erledigte die Büroarbeit, den Haushalt und kümmerte mich um die drei kleinen Kinder.

Ich stand vor dem Nichts und war im neunten Monat schwanger. Das Haus, in dem wir wohnten, wurde zu teuer. Obwohl wir uns überall einschränkten, uns manchmal tagelang nur von Spaghetti ernährten, mussten wir eines Tages das geliebte Quartier verlassen. Jetzt wohnen wir in einer 5 1/2-Zimmer-Wohnung auf dem Land für 1800 Franken.

In der ersten Zeit nach dem Tod meines Mannes lebten wir von der Witwenrente und den Ergänzungsleistungen. Es reichte hinten und vorne nicht. Irgendwann sagte ich mir: So kann es nicht weitergehen! Du musst loslassen, auf den Boden deiner Wirklichkeit kommen und das Leben akzeptieren, wie es ist. Eine Rückkehr in meinen Beruf als Physiklaborantin kam für mich aber nicht in Frage, mir fehlte das aktuelle Know-how. Also entschied ich mich für die Selbständigkeit. Ich wollte das Erbe meines Mannes weiterführen und wieder Kurse und Einzelsitzungen anbieten.

Seit 2014 betreibe ich eine Praxis für Maltherapie und Lifecoaching. Da kommen Leute zu mir, die irgendwo einen ‹Knopf› haben, die beruflich oder privat nicht weiterkommen. Langsam zieht es an, ich habe von Woche zu Woche mehr Anmeldungen. Bald erscheint mein zweites Buch. Ich habe jetzt die Zügel in der Hand, bin verantwortlich für das Überleben der Familie.

Jeden Franken umdrehen müssen wir immer noch, zumal mir die Hälfte der Ergänzungsleistungen gestrichen wurde, nachdem ich mich selbständig gemacht habe. 1500 Franken weniger im Monat, das ist fatal. Heute müssen wir mit 4800 Franken im Monat auskommen. Ich bin stets darum bemüht, dass man uns das knappe Budget nicht ansieht. Ich verzichte, damit es meine Kinder besser haben. Teure Geschenke oder Kleider liegen jedoch nicht drin. Muss es immer ein Markenturnschuh sein? Zum Glück haben meine Kinder gelernt, den Wert von Dingen nicht an Äusserlichkeiten zu messen.

Natürlich kennt man unsere Situation im Dorf. Das ist nicht immer einfach. Auf dem Land ist es noch immer nicht breit akzeptiert, dass eine Frau mit vier Kindern allein durchs Leben geht. Aber für eine neue Liebe stimmte es für mich bislang einfach nicht. Bevor ich etwas Neues anfange, will ich Altes hinter mir lassen können.

Das letzte Mal gemeinsam in den Ferien waren wir vor zehn Jahren, um die Asche meines Mannes nach Amerika zu bringen. Die älteren Töchter gehen nun in den Ferien arbeiten, um im Sommer nach Spanien fahren zu können. Das finde ich cool. Wenn man alles einfach so bekommt, lernt man es auch nicht mehr richtig zu schätzen.»

«Wir geben die Hoffnung nicht auf»

Mutter Ting Ting (34) mit Hua (43), Hugo (10), Liang (7) und Laura (8 Monate) in Onex im Kanton Genf.

Mutter Ting Ting (34) mit Hua (43), Hugo (10), Liang (7) und Laura (8 Monate) in Onex im Kanton Genf:

«Ich bin 2002 in die Schweiz ­gekommen, um Business-Management zu studieren. Doch dann ging die Privatschule Konkurs. Die Studiengebühren habe ich nie wieder gesehen. Eine Rückkehr nach China kam für mich nicht in Frage, das wäre zu beschämend gewesen. Daher habe ich schwarz gearbeitet, um weiter hier leben zu können.

In dieser Zeit lernte ich meinen ersten Mann kennen. Wir bekamen ein Kind, doch kurze Zeit später trennten wir uns, und ich zog mit meinem Sohn aus. Wir mussten den Sozialdienst um Hilfe bitten, das war die schlimmste Zeit meines Lebens!

Bald darauf lernte ich Hua kennen. Er arbeitete schwarz im französischen Annemasse. Liang kam wenige Zeit später zur Welt, aber wir konnten nicht zusammenziehen. Um heiraten zu können, brauchte ich eine stabile Situation, Arbeit und eine Wohnung. Hua musste nach China zurück, und ich musste den Heiratsantrag stellen, damit er ein Visum bekam. 2013 konnten wir endlich heiraten – acht Jahre, nachdem wir uns kennengelernt hatten!

Alles lief sehr gut, bis zu diesem Sommer. Meinem Mann wurde nach 17 Monaten Arbeit in einem chinesischen Restaurant gekündigt. Aus finanzieller Sicht ist es sehr schwer für uns geworden. Nach der Geburt des dritten Kindes habe ich aufgehört zu arbeiten. Heute leben wir vom Arbeitslosengeld und den Familienzulagen meines Mannes – das sind etwa 4000 Franken. Davon müssen Miete, Krankenkassenprämien, Strom- und ­Telefonrechnungen sowie Raten eines Autoleasings bezahlt werden. Am Schluss bleiben uns etwa 800 Franken zum Leben. Zum Glück bekommen wir Gutscheine, die wir in den Caritas-Läden eintauschen können, sonst kämen wir nicht über die Runden.

Natürlich machen wir gerade eine schwierige Zeit durch, aber wir schlagen uns ohne Sozialhilfe durch und sind gesund. Ich bin erfüllt und glücklich, und ich gebe die Hoffnung nicht auf. Denn ich weiss, dass wir es schaffen werden. Unser Traum ist ein eigenes Restaurant. Ein Wirtepatent habe ich schon.»
Aufgezeichnet von Alain Portner

Autor: Peter Aeschlimann

Fotograf: Marco Zanoni