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17. November 2014

Auf eigene Faust

Wir sind zum Znacht bei Freunden, es gibt einen «Kindertisch» – wobei die jungen Menschen, die dort, über ihre Apps gebeugt, munter die neusten Bilder austauschen und Vierer-Selfies knipsen, keine wirklichen Kinder mehr sind. Wir Älteren reden gerade über Emmylou Harris, die Sängerin, die einige von uns abgöttisch verehren. (Okay, das «einige von uns» betrifft nur die Männer. Hanspi und ich erwägen gar – wenn auch mehr im Scherz, aber man könnte sich ja mal was gönnen, zu einem runden Geburtstag oder so –, item, wir erwägen gerade, ob man zu einem Konzert nach Washington D. C. pilgern müsste, an dem die grosse Emmylou Künstlerkollegen von Kris Kristofferson bis Joan Baez um sich schart.) Und es gibt wohl kein ausgesprochen «erwachseneres» Thema als die Musik einer alternden Countrysängerin … Da meldet sich plötzlich der Kindertisch: «Sagt mal …!»

«Sie wollen die Welt neu denken.»
«Sie wollen die Welt neu denken.»

«Sagt mal», fragt Anna Luna zu uns hinüber, «was versteht ihr unter ‹wie die Faust aufs Auge›?» Der ganze Kindertisch ist überzeugt: Das bedeutet «passt perfekt». Die sechs Erwachsenen aber, zum Pech der Kinder von der Theaterpädagogin bis zum Journalisten allesamt solche, die sich beruflich mit Sprache beschäftigen, befinden einstimmig und niederschmetternd: Die Redewendung «wie die Faust aufs Auge» bedeutet «passt überhaupt nicht». Denn was hat die Faust auf einem Auge zu suchen? Die Kinder lassen sich nicht kleinkriegen, fragen keck: «Woher seid ihr euch so sicher?» Man könnte es den Jungen bösartig auslegen, à la: Da haben wir sie wieder, die verdorbene Jugend, allzeit bereit, dem Gegenüber die Faust ins Auge zu rammen! Aber sie meinen es ja nicht so. Sie finden allen Ernstes, die Faust habe in der Augenhöhle ideal Platz, und legen zur Demonstration alle vier sanft die eigene Faust aufs Auge – passt!

Die Bedeutung habe geändert, ist Anna Luna sich sicher, das sei jetzt eben der Wandel der Zeit. «Aber was machst du», entgegne ich, «wenn du in einem Aufsatz dieses Sprachbild gebrauchst, und dein Lehrer befindet, dass du es falsch verwendest?» Sie gibt sich nicht geschlagen: «Was macht euch denn so sicher?» Ich japse noch: «Der Duden! Der Duden macht mich sicher, da, schau!», und habe schon mein Handy im Anschlag, um es ihr schwarz auf weiss, Buchstabe auf Touchscreen, vor Augen zu führen. Aber sie folgt ihrer eigenen Überzeugung: «Ihr Erwachsenen müsst lernen, dass manche Dinge sich ändern.» Schon gut, denke ich, die müssen aufbegehren, wo sie können. Und irgendwie gefällt mir ihre Haltung ja. Es ist gut, dass Jugendliche die Dinge neu denken, die Welt neu sehen wollen, dass sie sich nicht einfach sagen lassen: So wirds gemacht, es wurde immer so gemacht – und basta. Schliesslich ist die Welt, die wir ihnen überlassen, nicht die beste. Die Haltung «Was macht euch Alten so sicher, dass ihr recht habt?» ist demnach angebracht. Trotzdem bin ich mir bei der Faust auf dem Auge natürlich sicher: Da liegen die Jungen falsch. Nur, um mir selber Recht zu geben, google ich es vor dem Einschlafen noch rasch nach. Und da steht: «[1] ganz und gar nicht zusammenpassen. [2] umgangssprachlich: wunderbar zusammenpassen. Die ursprüngliche Bedeutung [1] ‹nicht passen› wurde häufig ironisch verwendet, woraus sich die Bedeutung [2] ‹gut passen› entwickelt hat.» Und jetzt sehen wir Alten – alt aus.

Bänz Friedli live: 17./18. 11. Zürich, Hechtplatz 20. 11. Winterthur ZH, 21. 11. Brienz BE.

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Autor: Bänz Friedli

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