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23. September 2013

Auf die Piste! Und zwar 5000 Kilometer

Die Ruta 40 führt vom Norden Argentiniens in den Süden, nach Patagonien. Sie ist neben der Panamericana eine der bekanntesten Fernstrassen der Welt. Dort warten der Sommer und das Abenteuer. Denn auf der Ruta 40 erlebt man Natur und vor allem: sich selbst.

Auf der Ruta 40 gehört einem die Strasse allein
Bloss jetzt keine Panne: Auf der Ruta 40 gehört einem die Strasse meist allein. Ein funktionstüchtiges Auto und eine gute Planung sind deshalb besonders wichtig.

Pepe schwärmt von dieser klaren Luft auf über 3000 Meter Höhe. Vom Sternenhimmel und von einsamen Strassen. Seine Augen leuchten, wenn er von der Puna erzählt, dem andinen Hochland im Nordwesten Argentiniens. In seinem Büro hängen Fotos: Pepe vor einem Vulkankegel, Pepe in der Puna. Nur er. Und die Weite. «Wie gerne würde ich mitfahren», seufzt er. Ob aus diesem Satz die Liebe zur Puna spricht? Vielleicht würde er einfach nur gerne mit den beiden «Gringas», den Ausländerinnen, auf die Reise gehen? Wie auch immer: «No puedo, ich kann nicht», sagt er. Er müsse weiter Autos vermieten, unten im Tal, und Besucher wie uns ins Abenteuer schicken, zu den atemberaubenden Landschaften seiner Heimat. Davon wollen wir so viele wie möglich sehen. Deshalb haben wir die Ruta 40 ausgewählt, die ganz Argentinien durchquert, immer entlang der Andenkette.

14 Nationalparks und 236 Brücken
Die «Quarenta» ist die berühmteste Strasse Argentiniens. Eine Reiseroute, länger als von Moskau bis Lissabon, ohne Grenzkontrollen. Und man kommt mit der gleichen Sprache durch: Spanisch. Obwohl, so oft braucht man die Sprache nicht, aber dazu später.
Nur ein Teil der Strasse ist asphaltiert. Der Rest ist – Schotterpiste. Wer dieser Strasse folgt, passiert 14 Nationalparks, 11 Provinzen, fährt an 13 Skigebieten vorbei, überquert 236 Brücken. Sie beginnt im Norden, an der Grenze zu Bolivien, erklimmt einen der höchsten befahrbaren Pässe Amerikas, den 4895 Meter hohen Abra del Acay, und endet auf Höhe des Meeresspiegels, unten im Süden, in Patagonien.

Lamas treten auch mal in Herden auf.
Was wollen die hier? Es gibt an der Ruta 40 Gegenden mit mehr Lamas als Menschen.

Auch wenn wir froh sind, dass Pepe nicht mit einsteigt, werden wir ihn später lieben. Und zwar für den Vierradantrieb des weissen Pick-ups, der uns nie im Stich lässt. Auch nicht an steinigen Steilhängen oder in Gegenden, in denen wir an einem Tag mehr Lamas sehen als Menschen. Wo es mehr Kakteen gibt als Bäume, mannshoch stehen sie an den Hängen. Die Ureinwohner nannten die Pflanzen «Cardones», was so viel heisst wie «Wächter».

Laut der Legende ist jeder Kaktus ein Verstorbener, der über das Hochland wacht. Und dass irgendwann, wenn ihr Tag gekommen ist, die Ahnen erwachen und das Blutbad rächen werden, das die spanischen Konquistadoren einst anrichteten. Irgendwo auf der Ruta 40 ist es dann passiert: Ich habe mich in Argentinien verliebt. Zwischen kargen Gräsern, Kandelaberkakteen, Andengipfeln und Salzseen. Und mittendrin eine Lehmhütte, davor ein kleiner Bub, dicht gedrängt an eine abenteuerliche Drahtkonstruktion, auf der Suche nach Handyempfang. In der Küche ein Tisch aus Salzblöcken. Im Ofen frisches Brot. Weiter in Richtung Süden, auf der gleichen Strasse: fruchtbare Flusstäler. Chilischoten trocknen auf sanften Hügeln, im Hintergrund die Gipfel der Anden. Der hausgemachte Wein von Leonardo, aus handgepressten Trauben. Weiter in Richtung Süden die Provinz Catamarca, durch deren Einsamkeit die Rallye Paris–Dakar auch schon führte. Dann die Einsamkeit der Payunia, einer Landschaft, in der ein Vulkankegel neben dem anderen steht.

Und irgendwann Patagonien, Gebirgslandschaften, so ähnlich wie in der Schweiz, nur ohne Menschen. Weiter im Süden: kalbende Gletscher, Höhlenmalereien und Lammfleisch vom Grill. Man muss in dieser einsamen Weite schon sehr gut sich selbst beziehungsweise seine Begleitung aushalten können. Oder man verliebt sich einfach, wie ich.
Ich würde sogar wagen, von einer gewissen Dauerverliebtheit zu sprechen, die auf der Ruta 40 eine ganze Weile anhält und immer wieder aufflammt. Es sind die Lichtstimmungen, die eine Fahrt durch die Anden zum Erlebnis machen: Besonders schön ist die mit Hartgrasbüscheln bewachsene Weite kurz vor dem Sonnenuntergang. Bei nahe rötlich scheint die Landschaft, die Schatten der Wolken wandern über die Strassen, streicheln sanft die kleinen Friedhöfe, die fast immer auf Erhebungen liegen. Damit es die Verstorbenen nicht so weit haben in den Himmel.

Der Kaktus als Verstorbener, der über das Hochland wacht
Laut der Legende ist jeder Kaktus ein Verstorbener, der über das Hochland wacht.

Gedämpft wird das Hochgefühl mitunter in den Hotels, wenn die Besitzer glauben, dass alle Europäer Millionäre seien, und versuchen, einen höheren Preis zu nehmen als den, der an der Rezeption angeschrieben ist. Jetzt ist es gut, wenn man sich mit ein paar Brocken Spanisch wehren kann. Da sind uns die Nationalparks lieber, in denen man am See zeltet. Und gleich dort aufwacht, wo man ja ohnehin hin will: nach draussen, in die Natur. Die Abgeschiedenheit Patagoniens schätzten auch Butch Cassidy und Sundance Kid, die berühmten Bank und Zugräuber, als sie auf der Flucht 1901 nach Argentinien kamen. Bei Cholila fanden sie eine Hütte, in der sie mehrere Jahre lebten – so einfach wie die Bauern in der Nachbarschaft.

Wer heute durch den Süden reist, bleibt jedoch nicht lange allein: Mehrfach werden wir zu einem Asado eingeladen. Die argentinischen Grillfeste sind allerdings anders als bei uns. Der Gastgeber kauft ein und sorgt für einen Grillmeister, wenn er nicht selbst an der Parrilla steht. Nur der «asador» darf das Fleisch wenden, sonst niemand! Wichtig zu wissen ist, dass die Speisenfolge mit dem «schlechten» Fleisch (Innereien von Bries bis Dünndarm) beginnt und mit dem «guten» (Steak!) endet. Argentinier werden mit dieser Einordnung nicht einverstanden sein, Innereien gelten dort als Delikatesse.

Nach vielen Tagen Schotterpisteneinsamkeit kann einen das touristische Gewusel in El Calafate und am Perito-Moreno-Gletscher ganz schön erschlagen. Doch der kalbende Gletscher ist das vielleicht grossartigste Spektakel, das die Natur im Einzugsgebiet der Ruta 40 zu bieten hat: Mit Getöse stürzen seine Eismassen in das tiefblaue Wasser des Lago Argentino.
Und wenn der Gletscher eine «Gletscherbrücke» gebildet hat und diese vom Wasser unterhöhlt wird und bricht, wird das im argentinischen Fernsehen stundenlang übertragen.

40 Tage – so viel Zeit muss sein
40 Tage für die Ruta 40, heisst eine Faustregel. So viel Zeit sollte sein: Denn wer keine Abstecher machen kann, verpasst viel. Ich selbst bin die Ruta deshalb in Teilstrecken gefahren und habe so das gesamte Mosaik über Jahre hinweg zusammengesetzt. Inzwischen bin ich die gesamte Andenkette auf der «Cuarenta» entlang gefahren, habe dabei 30 Breitengrade überquert. Eigentlich sollte ich zufrieden sein. Aber der Traum ist da: ein Mal die gesamte Strecke fahren, in Ruhe, am Stück.
Gesehen und geblieben, so ähnlich erging es Karen Naundorf mit der Ruta 40. Seit zehn Jahren wohnt sie in Buenos Aires und arbeitet als Korrespondentin für das Weltreporter-Netzwerk.

NOCH MEHR TRAUMROUTEN: LANGE WEGE FÜHREN AN DIESE ZIELE

Legendär: Die PanamericanaWo: Von Alaska bis Feuerland. Die Route erstreckt sich über Nord- und Südamerika. Sie ist etwa 25'000 Kilometer lang. Mit wenigen Lücken (z. B. nahe Panamakanal) ist die Strecke komplett befahrbar. Die Panamericana führt durch Dschungel, Klimazonen und 19 Staaten.
Was und Wie: Wer weniger Zeit hat und vor allem keine Lust auf Winter in Nordamerika, dem sei ein Filetstück der Route empfohlen: das Teilstück in Peru mit Abstechern in den Cloca Canyon und an den Titicacasee. Travelhouse/Salinatours bietet eine individuelle 15-tägige Reise an. Ab Fr. 2130.– im DZ.
Blühend: Garden-RouteWo: Im Süden von Südafrika führt die Route entlang der Nationalstrasse N2. Man passiert u.a. die Städte George, Knysna, Mossel Bay. Die klassische Tour ist etwa 350 Kilometer lang. Der gesamte Küstenabschnitt reicht von Kapstadt bis Port Elizabeth und ist 750 Kilometer lang.
Was und Wie: Die Garden-Route ist ein Erlebnis für alle Sinne. Grüne, fruchtbare Landschaften, spektakuläre Küstenlandschaften, dichte Wälder, weisse Sandstrände. Man kann die Route gut mit einem Mietauto machen. Travelhouse bietet dafür eine 15-tägige Mietwagen-Tour an. Ab Fr. 1395.– pro Person im DZ.
Entspannt: Highway Nr.1Wo: Führt entlang des Pazifischen Ozeans von Nord- nach Südkalifornien. Der Highway (auch CA 1, California State Route 1, genannt) ist knapp über 1000 Kilometer lang. Auf der Route liegen u.a. die Städte San Francisco und Los Angeles. Ideal für Auto oder Motorrad.
Was und Wie: Der Highway Nr.1 ist relaxtes Freiheitsgefühl pur. Doch die Strecke bietet nicht nur «California Dreamin'», sondern spektakuläre Küsten (Steilküste bei Big Sur) und pittoreske Städte wie Santa Barbara oder Surfer-Lifestyle in Huntington Beach. 15-tägige Mietwagen-Rundreise ab Fr. 1020.– im DZ bei Travelhouse.

ANGEBOTE ZU ALLEN ROUTEN
www.travelhouse.ch

Autor: Karen Naundorf

Fotograf: Karen Naundorf