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30. April 2012

Auf die harte Tour

Trix Zgraggen bestreitet im Juni als erste Schweizerin das Race across America. Ihr Ziel ist klar: Sie will das härteste Nonstop-Radrennen der Welt quer durch die USA gewinnen. Und dabei möglichst viel Geld für die Kinderkrebsforschung sammeln.

1,60 Meter gross, Power in den Waden: Trix Zgraggen beim Training für das härteste Radrennen der Welt in Amerika. Zuvor will die 45-Jährige die Tour de Suisse weitgehend nonstop abspulen.

Radrennen für Einsteiger: Das Race across America oder die Tortour sind für Ausdauer-Profis und Spitzensportler. migrosmagazin.ch verrät leichtere Schweizer Rennanlässe.

Das Prinzip des inzwischen 30-jährigen amerikanischen Radrennmythos ist einfach: Möglichst schnell von der Westküste zur Ostküste gelangen. Wer als Erster über die Ziellinie fährt, hat gewonnen. Der Start befindet sich in Kalifornien, in Oceanside bei San Diego. Das Ziel in Annapolis, unweit von Washington. Dazwischen liegen 5000 Kilometer, 50'000 Höhenmeter und 57 Kontrollposten. Die meisten Athleten schlafen zwei Stunden pro Nacht. Die restliche Zeit sitzen sie im Sattel. Nonstop. Sie ziehen sich um auf dem Velo, schlürfen ihre Flüssignahrung, putzen die Zähne. «Abgestiegen wird nur zum Pipimachen und zum Schlafen», erklärt Trix Zgraggen. Auf dem Mordstrip Race across America (RAAM) durchqueren die Fahrer mehrere Klima- und Zeitzonen. Die Temperaturen schwanken zwischen 0 und 50 Grad, zwischen Rocky Mountains und Wüste. Für solch eine Grenzerfahrung sind nur die Besten der Welt gerüstet.

Die Altdorferin Trix Zgraggen gehört dazu. Dass sie einst das härteste Radrennen der Welt bestreiten würde, hätte die 45-Jährige sich selber nie zugetraut. Ihr Coach Andrea Clavadetscher sprach sie vor drei Jahren darauf an. Sie habe das Zeug dazu. Aber sie verwarf die Hände. «Ich hatte kein Gehör für so was», sagt sie und lacht. Doch Andrea Clavadetscher blieb hartnäckig. Der Bündner, der 2001 als erster Schweizer das RAAM gewann, mit offenem Hintern notabene, fragte sie ein Jahr später anlässlich des Race against Cancer erneut. Jetzt hatte er sie aus der Reserve gekitzelt. Am 12. Juni geht Trix Zgraggen als erste Schweizerin an den Start.

Sport war erst mit 30 ein Thema, nach der Geburt der Kinder

Die Urnerin Trix Zgraggen ist ein Wettkampftyp.
Die Urnerin Trix Zgraggen ist ein Wettkampftyp.

Die Kraft, die in der Urnerin steckt, sieht man ihr auf den ersten Blick nicht an. Die gutgelaunte, zierliche, 1,60 Meter kleine Frau ist gerade vom 2½-wöchigen Mallorca- und Toskana-Training braun gebrannt zurückgekehrt. Am linken Nasenflügel funkelt ein hellblauer Stein. Die Falten um die dunklen Knopfaugen verraten, dass sie oft und gerne lacht. Trotz «brutaler Schicksalsschläge», von denen sie berichtet. Da war die suchtkranke Mutter. Der Vater, der unverschuldet in einen Mordanschlag verwickelt wurde und den die Erinnerung daran noch heute niederdrückt. Und als wäre das nicht genug, verunglückten zwei ihrer drei Söhne (21, 19 und 17 Jahre) beim Sport so schwer, dass ihr Leben nur noch an einem seidenen Faden hing. «Heute sind sie wieder wohlauf», sagt sie. Die schweren Lebensprüfungen liessen sie nicht verzweifeln, im Gegenteil, sie machten sie stärker. Als sie den einen verunfallten Sohn im Paraplegikerzentrum in Nottwil LU besuchte, dachte sie sich beim Anblick schwerstgelähmter Menschen: «Die haben sich auch ins Leben zurückgekämpft. Da kann ich mich bei einem Wettkampf locker mal ein bisschen durchbeissen.»

Die Leidensfähigkeit, gepaart mit eisernem Willen und einer guten Portion Ehrgeiz verhalfen Trix Zgraggen zu einer Hollywood-würdigen Sportlerinnenkarriere. Dabei begann sie erst nach der Geburt ihrer drei Söhne, mit 30 Jahren, überhaupt mit Sport. «Am Anfang war ich schon nach 200 Metern Joggen k.o.», erzählt sie und lacht. Doch das stachelte sie erst richtig an. Sie realisierte, dass sie ein Wettkampftyp ist und steckte sich Ziele.

Die ersten Erfolge heimste sie als Triathletin und Gigathletin ein. Wegen Gelenkproblemen konzentrierte sie sich bald ganz aufs Radfahren. Von da weg begann sie, Goldmedaillen zu sammeln wie andere Fussball-Panini-Bildchen. 2009 fuhr sie bei Tortour, dem ersten Nonstop-Velorennen rund um die Schweiz, auf Anhieb aufs Siegerpodest. 2010 holte sie sich erneut Gold beim Tortour-Radmarathon. Am Race Across the Alps, dem härtesten Eintagerennen der Welt mit 13 Pässen und 540 Kilometer Distanz, siegte sie 2010 und auch 2011 wieder.

Die «Unkaputtbare» holt sich einen Sieg nach dem andern

Ihr persönlicher Härtetest war aber das Race around Austria letzten August. Auf den 2400 Nonstopkilometern und über 28'000 Höhenmetern siegte sie bei den Frauen überlegen. Trotz widrigsten Wetterbedingungen mit Dauerregen. Die Parforceleistung trug ihr bei den Fans den Übernamen «die Unkaputtbare» ein. Die Siegesserie gelang ihr ohne Trainer, ohne Trainingsplan, ohne Pulsfrequenz- oder Distanzmesser. «Wenn ich keine Lust zum Trainieren habe, mach ich gar nichts», sagt sie. Mit Zwang und Gewalt erreiche man nichts. «Mich tragen Lockerheit und Freude zum Erfolg.» Sagts, schwingt sich in den Sattel für eine Trainingstour und spurtet davon.

www.trixzgraggen.ch

Autor: Daniela Schwegler

Fotograf: Alessandro Della Bella