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03. Oktober 2016

Auf der Jagd nach der Legende

Der Arzt und Ausdauerathlet Beat Knechtle will für den Rekord im Ultratriathlon in den nächsten Jahren so viele zehnfache Triathlons wie möglich absolvieren. So gesund das tägliche Training auch sein mag – die Wettkämpfe sind für seinen Körper eine Tortur. Und vor allem eine persönliche Herausforderung.

Beat Knechtle, Ausdauerathlet und Triathlet
Schwimmen ist Beat Knechtles grösste Stärke. Wenn er nach dem Startschuss losschwimmt, fühlt er grosse Ruhe und Zufriedenheit.

«Gesund?» Beat Knechtle sitzt am Esstisch in seinem Reihenhaus in Freidorf TG und schaut fast ein wenig erstaunt ob der Frage. «Nein, gesund ist das definitiv nicht.» Dennoch tut er es. Immer wieder, seit 20 Jahren: Der 52-jährige Arzt rennt, schwimmt und radelt Hunderte von Kilometern, manchmal mehrere Triathlons nacheinander.

Auch Mitte Oktober in Leon, Mexiko, wieder: «Der Wettkampf ist relativ hart, wir sind auf 1800 Meter über Meer, der See ist eiskalt und die Radstrecke gleicht einem Motocrossparcours.» Das ist eine Tortur, bei der sein Körper viel mehr Energie verbrennt als er aufnehmen kann, sodass er manchmal fünf Kilogramm Fett- und Muskelmasse verliert. Das Training ist für seinen Körper sogar so anstrengend, dass er diesen August am Deca Ultratriathlon in Buchs SG passen musste: Bruch der linken Beckenschaufel.

Abschrecken kann ihn das alles nicht. Im Gegenteil. Das ist seine grosse persönliche Herausforderung: Er will mehr Zieleinläufe schaffen als die französische Ultratriathlon-Legende Guy Rossi (67). «Er hat zehn Zehnfache auf seinem Konto, das werde ich bald übertreffen», ist Beat Knechtle überzeugt. «Ich bin sozusagen auf der Jagd nach der Legende.» Er schmunzelt ein wenig über sich selbst. Dann sagt er ernst: «Ein Platz unter den ersten Drei könnte in Mexiko möglich sein. Ich bin gerüstet für Temperaturen von knapp über dem Gefrierpunkt bis über 40 Grad am Schatten. Kein Problem.»

«Die Radstrecke war die Hölle»

Update vom 17. Oktober 2016: Erster Platz, Streckenrekord
Mittlerweile ist Beat Knechtle im Ziel. Der Sportler bilanziert: «Es war sehr heiss. Als schnellster Schwimmer bin ich sehr gut gestartet. Die Radstrecke war katastrophal – trotzdem konnte ich mein Tempo mit durchschnittlich 30 Stundenkilometern wie geplant halten. Mein Fahrrad hätte das Rennen ohne die wertvolle Arbeit meines Velomechanikers aber nicht überstanden. Viele andere Teilnehmer hatten Defekte und Plattfüsse. Die abschilessende Laufstrecke nahm ich sehr langsam in Angriff. Trotz Schmerzmittel tat mein Becken beim Laufen zu sehr weh. Ins Ziel kam ich dennoch als Erster – mit mehreren Stunden Vorsprung und neuem Streckenrekord.»


«Willkommen im Klub der Spinner»

Ausserdem kann Knechtle Unangenehmes gut verdrängen. Zum Beispiel die Erinnerung an seinen vorletzten «Deca Ultra» in Mexiko 2013:
Tag eins: Am Ende der Radstrecke rutscht er auf der schmutzigen Strasse aus und verletzt sich an der Hüfte.
Tag zwei: Weil die Hüfte schmerzt, verkrampft sich der Pomuskel.
Tag drei: Sein Körper kann keine Nahrung mehr aufnehmen, jetzt schmerzen Hüfte, Hintern und Bauch.
Tag vier: Ein enormes Energiedefizit macht ihm zu schaffen.
Tag fünf: Jetzt quält ihn auch noch der schmerzende Fuss – und vor lauter Schmerzwegdenken auch noch der Kopf. Quasi alles.
Die Tage sechs bis zehn bringt er mithilfe von Bier, Schlaf- und Schmerzmitteln hinter sich, kämpft sich durch Eiseskälte und Regen und reisst kurz nach Mitternacht das Zielband. Als Erster. Und als Einziger.

Das klingt verrückt. Beat Knechtle lächelt milde. «Klar, völlig verrückt. Neulinge heisse ich immer willkommen im ‹Klub der Spinner›.» Dieser Klub zählt nicht viele Mitglieder, 30, 40 Athleten aus aller Welt stellen sich einem Ultrawettkampf, die meisten davon sind Männer. Aber kein einziger, betont Knechtle, sei in den letzten Jahren an einem Anlass gestorben – ganz im Gegensatz zu ­einigen aus den Massen von Marathonläufern: «Die kennen sich oft zu wenig, haben sich falsch oder zu wenig vorbereitet und überschätzen sich. Das passiert einem Ultratriathleten nicht.»

Neben seiner Arbeit in zwei Arztpraxen trainiert er täglich abwechselnd Laufen und Schwimmen, seine Samstage und Sonntage verbringt er auf dem Rad, 30 bis 50 Stunden Training, jede Woche. Zeit für Familienleben oder ein Wochenende mit Freunden bleibt da kaum. Er hat einen Sohn (27) und eine Tochter (16); sein zweiter Sohn ist vor 18 Jahren tödlich verunglückt. Seine Frau Patrizia (52) sagt: «Ich hatte die Wahl: gehen oder mitziehen.» Sie blieb und hat ihren Ultra-Athleten seither nach Italien, Deutschland und Mexiko begleitet. Familienferien am Wettkampfort. «Das ist egoistisch, ich weiss», sagt Beat Knechtle, «aber es ist der Weg, den ich gehen muss».

Beat Knechtle auf dem Rennrad
Wer so viel trainiert wie Beat Knechtle, hat kaum Zeit für ein Privatleben. «Das ist egoistisch, ich weiss», sagt der Ehemann und Vater.

Wer so viel trainiert wie Beat Knechtle, hat kaum Zeit für ein Privatleben. «Das ist egoistisch, ich weiss», sagt der Ehemann und Vater.

Angefangen hat dieser Weg in der Schule. «Du bist nicht schnell genug», sagte ihm der Trainer im Schwimmclub Appenzell. «Gib auf, du bist zu langsam», meinten die Trainer im Fussball- und im Handballclub. Viel später zeigte eine Messung: Knechtle hat 85 Prozent langsame Muskelfasern und einen hohen Anteil an Muskelfett. Schlechte Voraussetzungen, um schnell zu sein. «Grossartige Voraussetzungen, um ausdauernd zu sein», beschloss Knechtle und wechselte auf die ganz langen Strecken.

Weil der Körper ihn fasziniert, studierte er Medizin. Heute interessieren ihn vor allem Patienten mit mehrfachen Krankheiten. «Multimorbidität macht eine Behandlung kompliziert, das ist eine spannende Herausforderung.» Bei der Arbeit hatte er zwei Schlüsselerlebnisse: Ein Patient, früher Weltklasseläufer, hatte mit dem Sport aufgehört und war daraufhin mit einem Herzinfarkt auf Knechtles Station gelandet. «Das wird mir nie passieren », schwor sich der Arzt.

Als ihn eines Tages eine Kollegin in der Sportsprechstunde auf einen Triathlonanlass aufmerksam machte, war ihm plötzlich klar: Lange Strecken plus vielfältige Bewegungsabläufe – «das ist mein Ding». Nicht einer, sondern gleich drei, fünf oder zehn Triathlons nacheinander. Damit beweist Knechtle allen: Er mag vielleicht langsam sein, dafür ist er ausdauernd wie kaum ein anderer.

Überholen ihn andere, ist ihm das egal

Und er kann Arbeit und Sport bestens verknüpfen, führt Studie um Studie über Körper und Sport durch und kann für jede Frage ohne Zögern ein Papier zücken. Die erste Studie machte er aus einem ganz simplen Grund: Nach einem Decathlon waren seine Oberschenkel geschrumpft, dafür die Füsse monströs aufgeschwollen. «Zehen wie Wienerli», sagt er lakonisch. Er fragte Kollegen, Sportärzte, Professoren, keiner konnte sagen, warum das passiert war. Also setzte er sich hin und untersuchte sich und andere Ultra-Sportler, mass Nierenfunktionen und stellte fest: Nach einem Ultra-Wettbewerb sind die Nieren überbelastet und können Flüssigkeit nicht mehr abtransportieren. Seine Abhilfe: «Ich trinke im Wettkampf so wenig wie möglich.»

Beat Knechtle am Rennen
Trotz Schmerzen im Becken läuft Beat Knechtle die Marathonstrecke über 42,195 Kilometer in weniger als fünf Stunden.

Trotz Schmerzen im Becken läuft Beat Knechtle die Marathonstrecke über 42,195 Kilometer in weniger als fünf Stunden.

Seine Körperwerte kontrolliert er nicht, denn er weiss genau: «Wenn ich mit dem Rad immer zwischen 30 und 33 Stundenkilometer fahre, habe ich einen Puls unter Hundert.» Deshalb schaut er nie rechts und links, sondern hält einfach sein Tempo. Auch Stress vor dem Start kennt er nicht: Taucht er nach dem Startschuss ins Wasser, spürt er eine grosse Ruhe und Zufriedenheit. Ob ihn andere überholen, ist ihm egal. «Hauptsache, ich bekomme als Nebeneffekt einen braunen Kopf, wie ihn schon mein Grossvater immer hatte.»

Und Hauptsache, es gelingt ihm zu «finishen», also den Wettkampf bis zum Ende durchziehen. Auch wenn er am Ende vor lauter Muskelkater kaum mehr selbst laufen kann und zum Aufstehen die Hilfe von drei Männern braucht. Gesund ist das nicht und – wie erwähnt – ziemlich ­verrückt. Aber Beat Knechtle will unbedingt seine Ziele erreichen, vielleicht sogar mit über 80 Jahren als ­ältester Teilnehmer den Ironman Hawaii schaffen. Und damit selber eine Legende werden. 

Autor: Claudia Weiss

Fotograf: Daniel Ammann