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21. Mai 2013

Auf der Harley quer durch Amerika

Jeder Biker träumt davon, einmal mit dem Motorrad quer durch die Vereinigten Staaten zu fahren. Journalist Reinhard Kronenberg hat das Abenteuer gewagt und ist alleine von San Francisco nach New York gedonnert. Er ist begeistert.

Unterwegs vom Grand Canyon nach Flagstaff.
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Eben hatte ich meinen Job gekündigt und brauchte Raum und Zeit, um mir über die weitere Zukunft klar zu werden. Also entschied ich mich, mit dem Motorrad quer durch Amerika zu fahren — durch 14 Staaten von San Francisco nach New York, um mir den Kopf so richtig durchzulüften. Ich habe es nicht bereut.

Die letzten Sonnenstrahlen am Grand Canyon: Reinhard Kronenberg (48) am Abend des dritten Tages seiner Tour.
Die letzten Sonnenstrahlen am Grand Canyon: Reinhard Kronenberg (48) am Abend des dritten Tages seiner Tour.

Tag 1: Samstag, 31. März. Es giesst wie aus Kübeln, ein eisiger Wind peitscht durch die Strassen von San Francisco. Ich stehe im Laden von Eagle Rider an der 8th Street und hole die reservierte Harley Davidson ab. Besseres Wetter abwarten kann ich nicht, denn ich habe nur 14 Tage bis zum Rückflug in New York, und bis dort sind es fast 4500 Meilen. Ich fahre hinaus in den strömenden Regen, aus der Stadt und runter auf den Highway 1, vorbei an Monterey und Carmel, der Pazifikküste entlang Richtung Süden. Begleitet vom Brabbeln des Zweizylinders und dem Prasseln des Regens. Von wegen «It Never Rains in Southern California». Nach elf Stunden und 430 Meilen realisiere ich in Ventura, dass ich es nicht mehr bis Los Angeles schaffe. Aber ich bin nah dran — muss ich auch: Ich bin dort morgen zum Frühstück verabredet mit einem ehemaligen Geschäfstpartner, der heute in Santa Monica lebt.

Unbedingt in der Nacht einfahren: Las Vegas.
Unbedingt in der Nacht einfahren: Las Vegas.

Tag 2: Sonntag, 1. April. Bei Tagesanbruch hinaus, das Bike packen ist wie früher das Pferd satteln und in die Sonne reiten. Ich fahre der aufgehenden Sonne entgegen, und so schön es ist, sie endlich zu sehen, sie blendet so extrem, dass ich kaum was sehe. Kurz vor Los Angeles fahre ich durch den Topanga State Park hinunter an den Pazifik. In Santa Monica am Strand gibts Frühstück. Dann durchquere ich Los Angeles auf der Interstate 10, mir kommt es vor, als würde die Stadt nie enden. Kurz nach Einbiegen auf die Interstate 15 Richtung Las Vegas fährt von hinten eine blaue, böse Harley Davidson Electra Glide Backbord heran. Nachdem wir eine Weile wortlos nebeneinander herfahren, bedeutet mir der Fahrer, ihm für einen Drink zu folgen. Wir landen im Clubhaus einer Rockergang.

«Herzlicher» Empfang in einem Rocker-Lokal etwas ausserhalb von Los Angeles.
«Herzlicher» Empfang in einem Rocker-Lokal etwas ausserhalb von Los Angeles.

Gäste klettern an einer Stripstange an die Decke, befestigen eine Dollarnote mit einer persönlichen Widmung und holen den BH der Bardame herunter. Als ich oben bin und, an einem Arm hängend, ein paar Faxen mache, brüllt der ganze Laden. Das Eis ist gebrochen. Ich bekomme ein Clubshirt mit Totenkopf drauf. Dann fliesst Bier. Weil das meinen Zeitplan etwas durcheinander bringt, folgt später ein Höllenritt durch die kalte Wüstennacht. Um Mitternacht checke ich im MGM Grand in Las Vegas ein.

Tag 3: Montag, 2. April. Raus aus der Stadt, weiter durch die Wüste. Es windet so stark, dass selbst meine über 300 Kilogramm schwere Maschine tanzt. Es ist kalt, obwohl der Himmel strahlend blau ist und die Sonne scheint. Ich überquere den mächtigen Hoover Staudamm, der den Colorado staut, fahre durch von Gott verlassene Gegenden, wo man höchstens dann und wann ein Schild mit der Aufschrift Land for Sale sieht. Kurz nach Williams biege ich ab Richtung Grand Canyon Village, wo ich das letzte Hotelzimmer und die letzten Sonnenstrahlen erwische.

Tag 4: Dienstag, 3. April. Am Morgen kratze ich Eis vom Sitz, fahre hinunter nach Flagstaff und dann alles Richtung Osten auf der Interstate 40. Zwischen Flagstaff und Albuquerque durchquere ich Indianerland, eine desolate Gegend. Ähnlich die Route 66, in die ich nun einbiege. Man fährt ständig an verfallenen Häusern mit herabhängenden Schildern, verbleichten Fassaden und heruntergelassenen Läden vorbei. Am Nachmittag setzt Regen ein, und es wird kalt. Am Strassenrand liegt Schnee. In Albuquerque steige ich unterkühlt und steif vom Bike und laufe wie ein Zinnsoldat in die Lobby des Hotels.

Tag 5: Mittwoch, 4. April. Auf der Interstate 40 weiter Richtung Osten. Irgendwann überquere ich die Grenze zu Texas, wo ein Schild steht, so gross wie ein halber Fussballplatz, mit der unmissverständlichen Botschaft darauf: «Don’t mess with Texas» — leg dich nicht mit Texas an. Ich lande schliesslich in Amarillo, todmüde und mit dem Gefühl, den Tag im Triebwerk eines Flugzeugs verbracht zu haben.

Tag 6: Donnerstag, 5. April. In den Sonnenaufgang hineinfahren, die Stimmung inmitten der texanischen Weite ist magisch. Ich schaffe es mit dem letzten Tropfen Benzin an eine Tankstelle. In solchen Momenten reduzieren sich alle Bedürfnisse auf drei Dinge: Benzin, einen heissen Becher Kaffee und eine Marlboro. Das Leben kann so einfach sein. Abends lande ich in Paris, Arkansas, wo ich im einzigen Motel in 30 Meilen Umgebung ein hübsches Zimmer finde.

Nashville – Mekka und Shopping­paradies für Countryfans.
Nashville – Mekka und Shopping­paradies für Countryfans.

Tag 7: Freitag, 6. April. Am Mittag des nächsten Tags Zwischenhalt in Memphis, es ist schon fast Sommer hier. Dann auf direktem Weg nach Graceland, der Villa von Elvis Presley, deswegen bin ich hier. Es kommt mir vor wie im Verkehrshaus Luzern, alles ist total organisiert. Allein die Parkgebühr beträgt 10 Dollar, Eintritt gibt es in drei Varianten ab 32 Dollar bis hin zum VIP-Ticket für 70, das einen Backstage-Access beinhaltet. Nimmt mich wunder, wen ich dort treffen sollte — die Mutter von Elvis? Dass die Amis aus allem immer gleich ein Disneyworld machen müssen, werde ich nie verstehen. Fahre noch am Nachmittag weiter Richtung Nashville, wo ich nach Einbruch der Dunkelheit ankomme. Der Vollmond hängt gross und fett über der Stadt.

Tag 8: Samstag, 7. April. Ein Stück nach Knoxville, ich bin unterwegs auf der kurvigen Interstate 40. Ich habe Hunger und Durst und bin deshalb wohl etwas zu schnell unterwegs. Das Polizeifahrzeug am Strassenrand bemerke ich erst, als ich dran vorbeibrettere. Ich habe noch keine Sekunde in den Rückspiegel geblickt, als schon das Blaulicht angeht. Ich fahre rechts ran, hinter mir steigt ein Officer der Tennessee State Police aus dem Wagen. Er fragt, ob ich wisse, weshalb er mich angehalten habe. Eine rein rhetorische Frage. Als er mir sagt, wie viel ich zu schnell war, fürchte ich ernsthaft, dass mein Ride hier zu Ende ist. Dann Führerschein zeigen und die üblichen Fragen. Er scheint einen Moment zu zögern, fragt nach dem Jahrgang meiner Road King und sagt dann: Bitte halten Sie sich an die Geschwindigkeitslimiten hier.

Sterne und Streifen, wo immer man hinsieht.
Sterne und Streifen, wo immer man hinsieht.

Tag 9: Sonntag, 8. April. Transfer von Ashville, wo ich am Vorabend abgestiegen bin, an die Atlantikküste. An sich eine völlig ereignislose Fahrt, die Gegend zieht vorbei, der Verkehr fliesst ruhig, es riecht nach Zedern und Gras. Unter mir blubbert der Motor vor sich hin, die Sonne verbrennt mir die Nase. Gedankenversunken verpasse ich in Columbia die Abzweigung auf die 378 nach Osten, fahre halt weiter bis Charleston, nehme dort dafür eine Ausfahrt zu früh und lande mitten in den Slums. Mithilfe ein paar kräftiger Flüche finde ich wieder hinaus, fahre hoch nach Myrtle Beach. Mit einem Bier und einer Packung Chips setze ich mich an den Strand und denke daran, dass es in der Schweiz grad schneit.

Tag 10: Montag, 9. April. Weil ich von Myrtle Beach aus theoretisch in zwei Tagen in New York sein könnte, mache ich ein paar Bonusmeilen. Ich biege in Washington (North Carolina, nicht D.C.) ab Richtung Belhaven, fahre stundenlang durch Naturschutzgebiet, kurvige Strassen, lange Geraden, durch Wälder und über Flüsse nach Kitty Hawk. Ein Traum. Ich übernachte in Virginia Beach, wo nebenan die Luftwaffenbasis Norfolk liegt und Jets den ganzen Abend starten, als ob man im Krieg wäre.

Tag 11: Dienstag, 10. April. Fahre heute so nah wie möglich an New York. Eine wunderbare Strecke durch den Bundesstaat Delaware, alles der Küste entlang, mit der Fähre hinüber nach New Jersey und den Garden State Parkway hoch, bis ich östlich von Philadelphia meinen letz- ten Halt mache — Ship Bottom, ein kleines, hübsches Ferienvillage am Atlantik, das um diese Jahreszeit total verlassen ist.

Nach nicht ganz 4400 Meilen: Am Ziel — leider.
Nach nicht ganz 4400 Meilen: Am Ziel — leider.

Tag 12: Mittwoch, 11. April. Nach 4389 Meilen bin ich angekommen. Und wie es kein Drehbuch besser hätte vorsehen können, gabs den schönsten Moment der ganzen Reise auf der letzten Fahrt: Kurz nachdem ich losgefahren bin, beginnt es zu regnen. Auf der Wegbeschreibung, die ich mir auf den Tank geklebt habe, verläuft die Tinte. Über New York dicke, dunkle Wolken, auf den Strassen Morgenverkehr. Ich biege vom New Jersey Turnpike auf die 278 ab und überquere die Goethals Bridge. Von dort sehe ich zum ersten Mal die Skyline von Manhattan. Genau in diesem Moment brechen die Wolken auf, Sonnenstrahlen beleuchten die Wolkenkratzer. Einfach nur magisch. Zeit, die Harley zu retournieren. Das wars, Old Boy, danke, dass du mich durch Amerika getragen hast. Ich tätschle seinen Tank und gehe dann, ohne mich umzudrehen.

Autor: Reinhard Kronenberg

Fotograf: Reinhard Kronenberg