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27. Januar 2014

Olympische Winterspiele: Auf dem Sprung nach Sotschi

Skispringen für Frauen, Rodeln, Freeski – die Schweiz ist in allen Randsportarten präsent. Und erfolgreich. Fünf Porträts von Sportlerinnen und Sportlern, die an den Olympischen Winterspielen in Russland alles geben werden.

DIE SOTSCHI-WELT
Ausserdem zum Thema: Lage, Kosten, sportliche Entscheidungen - alles, was Sie über Sotschi wissen müssen. Zum Artikel

Porträtfilme von Freeski-Olympioniken
Drei Porträtfilme von Freeski-Olympioniken

FÜNF FREESKI-KÖNNER
Freeski steht neu auf der Winterolympia-Agenda. Hier berichten Athleten in drei Filmen des Multimedia-Teams für das Migros-Magazin vom Reiz, den ihre Sportart ausmacht – und zeigen ein paar Tricks:

Eveline Bhend & Elias Ambühl, Slopestyle/Big Air (für Sotschi selektioniert)

Loris & Nicolas Falquet, Big Mountain

Sämi Ortlieb, Urbanski

Die Porträts: KAI MAHLER

Sotschi ist ein Contest wie jeder andere auch. Aber klar, bin ich stolz, für die Schweiz zu starten.

Freeski-Talent Kai Mahler stützt sich auf den Skistöcken ab, mit den Skiern senkrecht in der Luft.
Obwohl erst 18 Jahre alt, gehört Kai Mahler zu den grössten Talenten in der Freeski-Szene.

Kai Mahler wurde am 11. September 2013 erst 18 Jahre alt, zählt zu den grössten Talenten in der Freeski-Szene und damit zu den Medaillenhoffnungen der Schweizer Sotschi-Delegation. Darauf angesprochen, gibt er sich zurückhaltend: «Mein Ziel ist es, eine Topleistung abzurufen, mit mir selber zufrieden zu sein und schöne Eindrücke mit nach Hause zu nehmen.» Der in Fischenthal ZH wohnhafte Sportmittelschüler, dessen Kreuzband vor einem Jahr gerissen ist, trainiert für den wichtigsten Wettkampf in seiner noch jungen Karriere über 30 Stunden pro Woche. Und er versucht, ganz Freeskier, auf cool zu machen. «Sotschi ist ein Contest wie jeder andere auch. Ich bereite mich nicht viel anders vor als auf einen normalen Wettkampf. Aber klar, bin ich stolz, für die Schweiz zu starten.»

Luftsprung von Kai Mahler 2011 am Halfpipe-Weltcup in Laax.
Kai Mahler 2011 am Halfpipe-Weltcup in Laax.

Kai Mahler, was ist das für ein Gefühl, wenn Sie sich in der Luft wie ein Zirkusakrobat drehen?

Für mich bedeutet das Freiheit, und es ist sicherlich auch ein Weg, wie ich mich ausdrücken kann.

Wie stark behindert Sie Ihre Verletzung vom Januar 2013?

Mein Knie macht mir eigentlich überhaupt keine Mühe mehr, und ich habe ziemlich schnell wieder mein altes Niveau erreicht. Ich habe aber eine verdammt harte Reha hinter mir und versuche, jeden Tag das Beste zu geben. Den Kreuzbandriss habe ich noch immer im Hinterkopf.

Wie oft sind Sie auf Twitter und Facebook?

Es ist schwierig zu sagen, wie häufig ich soziale Netzwerke brauche – vor allem bei Facebook. Ich bin halt immer wieder mal drin und versuche, meine Fans auf dem Laufenden zu halten und mit meinen Freunden in Kontakt zu bleiben. Wahrscheinlich macht das täglich 1,5 Stunden aus.

SABRINA UND BIGNA WINDMÜLLER

Angst? Im Auto fahre ich ja auch 120 Kilometer pro Stunde.

Bigna und Sabrina Windmüller mit einem Paar Ski, das hinter ihnen liegt.
Bigna Windmüller (rechts) ist in Sotschi Teil einer Premiere: Erstmals ist Frauenskispringen olympisch.

Frauenskispringen als olympische Disziplin feiert im russischen Sotschi Premiere. Und mit Bigna Windmüller (22) vertritt eine junge Athletin die Schweizer Farben. Die Sarganserin, die als offen und gewitzt gilt, qualifizierte sich dank ihres besten Weltcup-Resultats: In Japan sprang sie vor Wochenfrist auf den dritten Platz. Bignas Schwester Sabrina (26) muss zu Hause bleiben.

Bigna, die 2002 an einem Schnuppertag in Wildhaus SG das Skispringen entdeckte und an der Junioren-WM 2010 Vierte wurde, sagt: «Ich bin überglücklich, bei diesem historischen Moment dabei zu sein. Viele der Skispringerinnen haben den Sport zu einer Zeit ausgeübt, als sie noch nicht wissen konnten, dass er einst olympisch sein wird.» Wie ihre Schwester – beide wohnen bei ihren Eltern in Sargans SG – setzte Bigna fast alles auf die Karte Sport. Die dreifache Meisterin arbeitet in der Tamina Therme Bad Ragaz SG, «um halbwegs über die Runden zu kommen». Sabrina und Bigna sind im Weltcup auf sich gestellt: Das Duo hat weder einen Servicemann noch einen Physiotherapeuten. Manchmal dürfen sie die Ski den Männern zum Präparieren geben. Nach Sotschi will Bigna Windmüller ins Ausland für ein Management- und Wirtschaftsstudium.

Bigna Windmüller beim Skisprung in der Luft.
Flieg, Vogel, flieg: Bigna Windmüller.

Bigna Windmüller, Sie fahren mit 92 Stundenkilometern über die Schanze und fliegen bis zu 133 Meter weit. Kommt da nie Angst auf?

Nein. Es geht nur geradeaus. Ich muss nicht abbiegen. Im Auto fahre ich ja auch 120 Kilometer pro Stunde.

Welchen Stellenwert hat das Frauenskispringen heute?

Wie der Frauenfussball hat sich unsere Sportart in den letzten Jahren entwickelt und an Popularität gewonnen. In den Anfängen des Skispringens vor mehr als 100 Jahren waren Männer und Frauen über selbst gebastelte Schanzen gesprungen. Internationale Wettkämpfe für Frauen gibt es erst seit 2006 wieder und Weltcupwettbewerbe seit 2011.

Sie stehen im Schatten von Simon Ammann. Wie beeinflusst er Ihre Karriere?

Simon war lange Zeit der einzige erfolgreiche Skispringer der Schweiz. Dank ihm ist der Sport populär, was mich persönlich jedoch nicht beeinflusst. Wir trainieren zusammen, aber ohne Rat einzuholen.

SVEN MICHEL

Ich trete auf dem Eis unbekümmert auf.

Skip Sven Michel mit Curling Zubehör.
Die Schweizer Curler um Skip Sven Michel möchten unter die besten Fünf vorstossen.

Seit Ende August 2013 trainiert Curler Sven Michel (25) täglich. Und die Rechnung ist für ihn aufgegangen: Völlig überraschend gewann der Berner Oberländer mit seinem Team an der EM in Norwegen Ende November 2013 die Goldmedaille. «Die Olympischen Spiele werden aber um einiges schwieriger werden, weil starke Nationen wie die USA, Kanada und China dazukommen. Trotzdem versuchen wir, in die Top 5 vorzustossen», definiert Michel das Mannschaftsziel. Seine Freundin hat er beim Curling-Sport auf Juniorenstufe kennengelernt: Alina Pätz (23) ist Ersatzspielerin im Team von Olympiateilnehmerin Mirjam Ott.

Sven Michel an der EM 2013 in Norwegen.
Sven Michel an der EM 2013 in Norwegen.

Sven Michel, Sie sind für einen Skip ungewöhnlich jung. Wie machen Sie diesen Nachteil wett?

Erfahrung kann man nicht kaufen, nur erspielen. Das stimmt. Andererseits trete ich auf dem Eis unbekümmert auf. Zudem: Der Sport hat sich in den letzten zehn Jahren extrem verändert. Heute sind beispielsweise die Schweden und Dänen nur ein bis zwei Jahre älter als ich.

Sie haben innerhalb von acht Monaten zehn Kilogramm abgenommen. Wie?

Vor allem durch Ausdauertraining mit Velofahren sowie Squash- und Tennisspielen. Und: Maurer ist ein körperlich anstrengender Beruf. So verbrenne ich mehr Kalorien.

Was nützt Ihnen das neue Gewicht im Wettkampf?

Ich bin fitter und kräftiger geworden und habe auch mehr Ausdauer. Nun ist es einfacher, mich während eines Spiels zu konzentrieren. Ich muss aber noch abgeklärter und geduldiger werden.

MARTINA KOCHER

In Sotschi möchte ich mich weiter Richtung Rang 1 verbessern

Martina Kocher in Alltagskleidung mit ihrem Rodel-Schlitten auf der Schulter.
Was für Martina Kocher nach den Olympischen Spielen folgt, weiss die Sportlehrerin noch nicht.

Bereits zum dritten Mal nimmt Martina Kocher (28) an Olympischen Spielen teil. 2006 belegte die Schlittlerin in Turin den 9. Rang, vier Jahre später in Vancouver Platz 7. «In Sotschi möchte ich mich weiter Richtung Rang 1 verbessern. Es geht mir in erster Linie darum, möglichst grad und schnell hinunterzufahren», sagt sie. Die Bernerin hat vor fast 20 Jahren erstmals Rodelsportluft geschnuppert. Sie ist sehr polysportiv, wirft im Sommer manchmal den Diskus und absolvierte die Spitzensport-Rekrutenschule. Kocher trainiert in Magglingen BE und fährt am Wochenende nach Hinterkappelen BE, wo sie mit ihren Eltern lebt. Was sportlich nach Russland folgt, steht für die Sportlehrerin noch nicht fest.

Martina Kocher beim Rodeln.
Martina Kocher rodelt seit 20 Jahren.

Martina Kocher, Ihr Vater Heinz war in den 90er-Jahren Schweizer Nationaltrainer der Disziplinen Bob und Rodeln. Sind Sie durch ihn zum Rodelsport gekommen?

Ja. Er war mit dem Aufbau des Rodelsports beschäftigt. Als ich neun Jahre alt war, wollte ich meinen Vater begleiten und auch mal hinunterfahren. Als ich jedoch erstmals im Eiskanal war, hatte ich Angst. Doch je schneller ich wurde, desto öfter wollte ich hinunterschlitteln. Bei unserem Sport ist es wichtig, sehr jung anzufangen, damit man das Auge und die Reaktionsfähigkeit genügend früh trainieren kann.

Was fasziniert Sie an Ihrem Wintersport am meisten?

Das Körpergefühl, die Geschwindigkeit. Den Druck in den Kurven zu spüren, ist ein Mega-Gefühl.

Sotschi ist wegen der Politik ins Gerede gekommen. Was denken Sie darüber?

Als Sportlerin bin ich im Clinch, denn an Olympischen Spielen bin ich wegen der Grösse und der Bedeutung des internationalen Anlasses interessiert. Auf dieses Ziel habe ich hingearbeitet, egal, wo die Spiele letztlich stattfinden. Als Athletin habe ich ohnehin keinen Einfluss auf die Machenschaften.

FLORENCE SCHELLING

In einer Frauenmannschaft wäre ich unterfordert.

Florence Schelling mit Eishockey-Stock und einem Helm, den sie sich über den Kopf hält.
Florence Schelling gehört zu den besten Eishockey-Torhüterinnen der Welt. Die Sportart dominiert ihr Leben.

Florence Schelling (24) gehört zu den besten Eishockey-Torhüterinnen der Welt und gewann letztes Jahr mit der Frauennati an der WM in den USA die Bronzemedaille. Die Sportart dominiert das Leben der Zürcherin: Ihr Bruder Philippe spielt bei den Kloten Flyers, Ex-Freund Yannick Weber bei den Vancouver Canucks, seit Juni 2013 hat sie einen 100-Prozent-Job als IT-Koordinatorin und Assistentin der Geschäftsleitung beim Internationalen Eishockey-Verband in Zürich, und sie steht seit 2013 im Tor des EHC Bülach, einer Männermannschaft, die in der 1. Liga spielt. «Für mich ist das nichts Besonderes, denn ich habe schon im Alter von vier Jahren das Tor gehütet, als meine beiden älteren Brüder nach einem Goalie gesucht haben.» Nach dem überraschenden WM-Erfolg hat die Frauennati eine gute Ausgangslage in Sotschi: «Wir sind bereits für den Viertelfinal qualifiziert. Deshalb wollen wir in den Halbfinal. Schaffen wir das, ist der nächste Schritt eine Medaille.»

Florence Schelling während einem Spiel im Tor, mit dem Trikot der Schweizer Nationalmannschaft.
Florence Schelling hütet das Tor der Frauennati.

Florence Schelling, was braucht es, um als Frau im Eishockey-Goal zu bestehen?

Viel Selbstdisziplin und einen starken Willen. Im Gegensatz zu einem Männergoalie benötige ich mehr Muskulatur. Für mich ist ein Spiel viel anstrengender als für einen Mann.

Weshalb ist das Frauen-Eishockey in der Schweiz noch immer wenig bekannt?

Schwierig zu sagen. Es dürften mehrere Faktoren sein. Einerseits liegt es an der schwachen Medienpräsenz. Andererseits besteht die Liga nur aus fünf Mannschaften, wobei der ZSC und Lugano die Meisterschaft dominieren.»

Sie selbst spielen jedoch mit den Männern des EHC Bülach in der 1. Liga. Wieso?

Ich suche die Herausforderung, mich mit den Besten zu messen, und bereite mich so optimal auf die Olympischen Spiele vor. In einer Frauenmannschaft wäre ich unterfordert.

Autor: Reto Wild