Archiv
18. April 2016

Jetzt auf Bargeld setzen?

Negative Zinsen bewegen Sparer dazu, auf Bargeld zu setzen. Abhilfe verspricht das Konzept des Schwundgelds. Was halten Sie von Negativzinsen und Schwundgeld?

Volumen der Staatsobligationen mit negativer Rendite
Schulden, die neue Einnahmequelle für Staaten. Die Grafik zeigt das weltweite Volumen der Staatsobligationen mit negativer Rendite. (Daten: BIZ)

Mit dem Schuldenmachen kann der Staat Geld verdienen. Das weltweite Volumen der Staatsanleihen mit negativer Rendite hat bereits rund 7000 Milliarden Franken erreicht. Und dies, obwohl die Notenbanken das Instrument der Negativzinsen vorerst nur zögerlich einsetzen, zumal sie befürchten, dass die Leute ins Bargeld flüchten, sobald die Zinsen allzu tief in den negativen Bereich fallen.
Wer das Geld unter der Matratze aufbewahrt, kann den Negativzins einfach umgehen.

Das Dilemma der Notenbanken verhilft nun einem alten Ideal zu neuer Aktualität: dem Schwundgeld.
Der deutsche Kaufmann Silvio Gesell hat dieses Konzept vor 100 Jahren entworfen. Wie funktioniert es? Ein gekaufter Gegenstand, etwa ein Auto, verliert mit der Zeit immer mehr an Wert. Gesell vertrat die Meinung, dass eine solche Werteinbusse auch beim Bargeld eintreten müsste (wie dies in der Praxis funktionieren könnte, erfährt man auf blog.migrosbank.ch ).

Silvio Gesell empfand den Zins als unsozial: Wer Erspartes auf die hohe Kante lege, solle nicht belohnt, sondern bestraft werden, fand er. Und damit die Leute das Geld ausgeben, statt es zu horten, muss der Wert des Geldes eben schrumpfen. Somit deckt sich das Konzept vom Schwundgeld mit dem der Negativzinsen der Notenbanken, die ebenfalls die Wirtschaft über den Konsum ankurbeln wollen.

Sowohl Negativzinsen als auch Schwundgeld halte ich für gefährliche, technokratische Utopien: Sie suggerieren, man könne den wirtschaftlichen Fortschritt zentral gesteuert, quasi per Knopfdruck, erzwingen. Dazu müsse man lediglich ein bestimmtes «Fehlverhalten» korrigieren, hier: die als schädlich taxierte Neigung zum Sparen.

Wenn jemand sein Kapital aus Vorsicht lieber aufsparen will: Wird ihn ein Strafzins oder schrumpfendes Bargeld dazu bewegen, plötzlich mehr zu konsumieren? Wohl kaum. Vielmehr dürfte er misstrauisch reagieren und den Gürtel noch enger schnallen. Statt der angestrebten Stimulierung entsteht mehr Verunsicherung.
Noch geniessen die Notenbanken ein grosses Ansehen. Es wäre töricht, dieses Vertrauen aufs Spiel zu setzen.

IHRE MEINUNG
Was denken Sie zu Negativzinsen und Schwundgeld? Die Diskussion auf blog.migrosbank.ch

Autor: Albert Steck