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01. Dezember 2014

Auf Augenhöhe

Das Kind braucht Gesprächspartner
Von Anfang an braucht das Kind Gesprächspartner. (Bild Fotolia)

«Kinder werden nicht erst zu Menschen – sie sind bereits welche.»
Janusz Korczak, 1919
Nach dem Erscheinen meiner letzten Kolumne haben sich viele Leserinnen bei mir gemeldet. Die meisten gaben kleinlaut zu, dass auch sie ihren Töchtern und Söhnen oft nicht richtig zuhören. Man kann übrigens auf viele Arten auf Durchzug schalten. Einer der am häufigsten gebrauchten Müttersätze geht ungefähr so: «Ja, Schatz, ich gucke doch hin!» (Sprachs und interessierte sich nicht die Bohne …)

Aber warum gehen wir nicht auf unsere Kinder ein, so, als wären sie überhaupt nicht da? Warum knien wir uns so selten hin, auf Augenhöhe, wenn wir mit ihnen sprechen? Weil es so einfacher ist, weil es definitiv schneller geht, weil so weniger von unserer kostbaren Energie verpufft. In meiner Familie ist diese Art von Kommunikationsproblem zwar weit verbreitet – aber (hoffentlich) nicht wirklich gefährlich. Es gibt nämlich ebenso viele Momente, in denen Herr Leinenbach und ich sehr aufmerksam hinhören und mindestens so konzentriert antworten.

Es gibt aber Haushalte, in denen die Kinder weniger Mitspracherechte haben als der Kühlschrank. Im Extremfall reden die Grossen gar nicht mit den Kleinen. (Abgesehen von Befehlsketten à la «Wasch dir die Hände! Komm an den Tisch! Und Finger weg von meinem Handy!») Auf den ersten Blick sind die Dreikäsehoch dennoch gut versorgt: gesundes Essen, warmes Bettchen, tonnenweise Spielzeug. Ein kleiner Mensch braucht aber mehr, um zu gedeihen und fit für diese Welt zu werden.
Er will miteinbezogen werden, will mitdiskutieren, um dabei seine Grenzen auszuloten. Er will die Welt besser verstehen lernen und möglichst viele Erfahrungen sammeln. Bei allen diesen Dingen braucht das Kind Gesprächspartner. Wenn aber niemand hinhört, werden die Töchter und Söhne intuitiv lauter. (Eigentlich ein kluger Schachzug – irgendwie müssen sie sich ja Gehör verschaffen.) Und schon beginnt der Teufelskreis: Der Nachwuchs ist so fordernd, dass die Eltern glauben, jemand wolle ihnen ihr letztes bisschen Freiheit rauben. Und schon wird noch weniger geredet, erklärt, diskutiert. Denn: Diese Kinder brauchen definitiv zu viel Aufmerksamkeit – dem müssen wir schnell einen Riegel vorschieben.

Möglicherweise liege ich voll daneben, aber ich therapiere solche Anfälle, in denen meine Töchter sich so aufführen, als hätten sie die letzten Monate in einem Erdloch hausen müssen, mit besonders viel Zuwendung. Immer dann, wenn Ida und Eva mich auf die Palme bringen, versuche ich, in das Auge des Sturms zu kommen. Ich schiebe all die Dinge, die ich eigentlich gerade hätte machen wollen, zur Seite, rutsche den Palmenstamm hinab und stelle mich den beiden.
Ich bastle Idas WC-Papierrollen-Angel fertig und ziehe Evas Polly Pocket die hautenge Latexhose an. Dann lackiere ich meinen Girls die Finger- und Zehennägel (Minimum in drei Farben), erzähle ihnen, wie es früher war, und diskutiere mit ihnen darüber, ob man Puppen die Haare schneiden darf. Wir schwelgen in Erinnerungen und schmieden Ferienpläne, überlegen, was wir mal wieder backen/basteln/kaputt machen könnten …

Die Erfahrung zeigt, dass es nicht lange dauert, bis die Kinder zufrieden sind und von mir ablassen. «Mami, wir brauchen jetzt ein bisschen unsere Ruhe, kannst du jetzt wieder allein weiterspielen?» Fazit: Rede mit ihnen – und sie werden dich verschonen. Okay, das klang jetzt wie die Aufschrift auf einem dieser Kühlschrankmagnete. Aber im Prinzip funktioniert es so. Zumindest in der Theorie. Und manchmal auch in der Praxis.

Autor: Bettina Leinenbach