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15. Juni 2015

«Ich freue mich auch über jeden Angeltag, an dem ich nichts fange»

Braucht es ein Mindestalter für Angler, wie es der Schweizer Tierschutz fordert? Sicher nicht, findet Max Scharnigg, der eben ein vergnügliches Buch über die «rätselhafte Passion» des Angelns veröffentlicht hat. Ihn selbst hat sie schon als Zehnjährigen gepackt.

Max Scharnigg
Max Scharnigg Auge in Auge mit dem Objekt der Begierde.

Max Scharnigg, Sie bezeichnen Angeln als «Dialog mit der Natur». Hat dieses Bild nicht den Haken, dass ein Teil dieser Natur diesen Dialog nicht überlebt? Sie könnten doch auch wandern gehen.

Diese Sicht geht davon aus, dass es nur um Vergnügen und Unterhaltung geht. Aber Angeln ist wie die Jagd auch eine Form der Nahrungsbeschaffung, es gehört zur Kulturgeschichte der Menschheit. Dabei entsteht eine ganz andere, viel intensivere Interaktion mit der Natur, als wenn ich nur durch sie durchspaziere und mir Berggipfel und Blümchen anschaue. Ich bewege mich anders, kenne sie besser, ich hege, pflege und fange – wie alle meine Vorfahren.

Da schwingt auch eine gewisse archaische Sehnsucht mit – der Mann als Jäger, im Einklang mit der Natur, fressen oder gefressen werden …

Bei mir ja, und ich glaube das gilt für viele Angler. Alle Angler, die ich kenne, sammeln zum Beispiel auch Pilze. Ich habe ein Stück Acker vor der Stadt, auf dem ich seit einigen Jahren mein Gemüse anbaue. Über Jahrtausende hat die Frage, wo man das nächste Essen herbekommt, das Leben der Menschen dominiert. Das steckt noch immer in uns – und trifft sich heute mit dem Wunsch vieler Leute, sich wieder mehr aus der Natur und möglichst regional zu ernähren.

Meiner Frau muss ich immer wieder mal erklären, was daran so toll ist, den ganzen Tag im Schilf zu sitzen.

Auf der anderen Seite sprechen Sie selbst von einer «rätselhaften Passion».

Bis heute ist mir noch einiges rätselhaft an dieser Leidenschaft – der zeitliche und finanzielle Aufwand, den ich dafür auf mich nehme, zum Beispiel. Ich kann gut verstehen, wenn andere das seltsam finden. Meiner Frau etwa muss ich immer wieder mal erklären, was daran so toll ist, den ganzen Tag im Schilf zu sitzen. Das Buch greift diese Fragen auf und versucht, sie allgemeinverständlich zu beantworten. Letztlich gibt es aber wohl bei jeder Passion seltsame Verhaltensweisen.

Auf den Punkt gebracht: Was gibt Ihnen das Angeln?

Es ist einfach das komplette Gegenteil von dem, was ich sonst in meinem Leben tue. Für mich ist es die perfekte Auszeit, eine Mischung aus Spannung und Meditation. Ich weiss: Wenn mir alles zu viel ist, kann ich auf mein Boot und mir einen ruhigen Ort suchen. Ich kann mich auf dem Wasser wunderbar verlieren.

Den Fisch zu fangen, zuzubereiten und zu essen ist ein Nebeneffekt?

Das ist so. Auch weil ich halt oft gar nichts fange.

Max Scharnigg mit Köder, von denen er einen ganzen Koffer voll besitzt.
Max Scharnigg mit Köder, von denen er einen ganzen Koffer voll besitzt.

Sie schreiben aber auch: «Das ist das Irre am Angeln, eine kleine Veränderung macht alles exakt so sinnlos, wie es für den kühlen Betrachter schon immer war.»

Ich würde mich ja nie einfach mit einem Stuhl stundenlang an den See setzen, um in die Natur zu schauen. Das käme mir komisch vor. Sobald ich aber eine Angel in der Hand habe, ist es sofort ein Abenteuer, auch wenn sich den ganzen Tag nichts tut. Zwei Stunden vergehen dann wie im Flug, und ich finde es schade, dass ich nicht noch vier Stunden ranhängen kann. Und das, obwohl ich für einen Beobachter tatsächlich nichts anderes tue, als stundenlang auf einem Stuhl am See zu sitzen. Was mich beseelt und antreibt ist die vage Hoffnung, dass genau hier jeden Moment ein grosser Barsch beisst, zum Beispiel weil ich so einen perfekten japanischen Köder dafür habe. Wenn dann allerdings ein Kollege kommt und sagt, dass die Barsche derzeit alle auf der anderen Seeseite unterwegs sind, ist mein ganzes Treiben lächerlich: Mit einem roten Gummiwurm zwei Stunden im Wasser herumtunken. Total sinnlos!

In der Schweiz fordert der Tierschutz ein Mindestalter für Angler. Und Jugendpsychologen sagen, wenn man Tieren in jungen Jahren Schmerzen zufüge, präge dies das Verhalten, es könne zu einer Abstumpfung gegenüber tierischem Leid führen. Was sagen Sie dazu?

Das sind harte Anschuldigungen. Sie erinnern ein bisschen an die Debatte um Computerspiele, die Kinder angeblich zu Killern machen. Letztlich gibt es keine Beweise für die These, es ist eine reine Mutmassung. Die Jugendlichen, die ich beim Angeln erlebe, kommen mir im Gegenteil sehr achtsam vor. Sie lernen schon sehr früh, sich besonders aufmerksam mit der Natur und der Tierwelt auseinanderzusetzen. Zudem gibt es so viele Regeln, die man von Anfang an lernt und beachten muss. Und wer als Kind Tiere quälen möchte, hat auch ohne Angel genügend Möglichkeiten.

Sie haben mit 10 angefangen zu angeln – stellen Sie bei sich Abstumpfungen fest? Wären Sie heute anders, wenn Sie ein anderes Hobby begonnen hätten?

Nein. Man tötet ja beim Angeln auch nicht laufend Hunderte von Fischen wie auf einem Fischkutter. Wenn ich 50 Mal pro Jahr losziehe, komme ich 30 Mal ohne Beute nach Hause. Und gerade in jungen Jahren ist jeder Fisch, den man fängt, etwas ganz Besonderes – ein Ereignis, das einen noch wochenlang beschäftigt, das Gegenteil vom Abstumpfung.

Es findet also beim Angeln keine Tierquälerei statt – nie?

Ich kann nur meine Beobachtungen und Erfahrungen wiedergeben. Da sind es eher die älteren Semester, die sich nichts sagen lassen und denken, die Regeln gälten für sie nicht. Alte Angler, die sich so benehmen, wie sie es ja «schon immer gemacht haben». Wenn es eine Stumpfheit gibt, dann eher am anderen Ende der Altersskala.

Manchmal lässt er einen schönen Fisch auch wieder frei.
Manchmal lässt er einen schönen Fisch auch wieder frei.

Im Buch deuten Sie an, dass man mit zunehmendem Alter mehr Mühe hat mit dem Töten.

Mir geht es so. Und ich beobachte das auch, wenn Kinder beim Angeln dabei sind. Wenn ich denen erkläre, dass wir den Fisch dann auch töten müssen, damit wir ihn essen können, ist das für sie in der Regel ein problemlos verständlicher Schritt, dem sie recht unbekümmert gegenüberstehen. Das mulmige Gefühl kommt erst mit einer gewissen Reflexionsfähigkeit. Und dann natürlich: Je näher man selbst dem Tod ist, desto eher hat man vielleicht Skrupel. Ich freue mich jedenfalls auch an jedem Angeltag, an dem ich nichts fange, weil ich die Zeit ja trotzdem geniesse. Und manchmal fängt man einen Fisch, der so schön und unversehrt ist, dass man ihn lieber wieder freilässt, als ihn zu töten.

Das tun Sie heute häufiger als früher?

Es passiert auch generell häufiger, in den USA, Grossbritannien und Frankreich ist «catch and release» mittlerweile sehr verbreitet.

Auf den ersten Blick scheint das gnädig, aber erleidet ein Fisch keine Schmerzen, wenn ein Angelhaken sein Maul durchbohrt? Hat eine solche Verletzung keine Folgen?

Wenn der Haken sauber sitzt und gelöst wird, ist das eine minimale Verletzung, die wieder verheilt. Es gibt einige grosse Fische, die schon mehrfach gefangen und wieder freigelassen wurden – offensichtlich ohne Folgen für ihre Gesundheit. Allerdings vertragen einige Arten so was besser als andere. Wie schmerzhaft der Haken für den Fisch ist, ist umstritten. Problematischer ist eine Verletzung ihrer Schleimschicht, wenn man sie also aus dem Wasser holt und mit trockenen Händen anfasst. Aber die Angelindustrie hat mittlerweile einiges entwickelt, um dies zu verhindern: Schonhaken, Schonhandschuhe, spezielle Bassins. Viele heben den Fisch auch gar nicht mehr aufs Boot, sondern nur mit nassen Händen kurz aus dem Wasser.

Wie töten Sie den Fisch, wenn Sie ihn dann mal haben?

Wie es das deutsche Waidrecht vorgibt: Erst ein Betäubungsschlag und danach einen Herz-Kiemen-Schnitt. Das dauert insgesamt zehn Sekunden.

Essen Sie jeden Fisch, den Sie töten?

Ja, das ist die letzte Ehre, die man dem Tier erweisen kann. Ich koche ohnehin jeden Abend, egal, ob es Fisch gibt oder nicht. Ich habe ja auch noch diesen Gemüseacker, der eine Menge abwirft.

Haben Sie ein Lieblingsfischrezept?

Am besten macht man etwas sehr Simples, so wie man das aus der mediterranen Küche kennt. Mit Öl in der Pfanne oder im Ofen, ein bisschen Wurzelgemüse dazu und dann ist das purer, frischer Fisch – wunderbar.

Im Buch steht: Tierschützer hassen Angler, Vogelfans hassen Angler, Umweltaktivisten hassen Angler, sogar die meisten Spaziergänger tun es. Wie gehen Sie mit all dem Hass um?

(lacht) Ganz so schlimm ist es auch wieder nicht. Aber es ist schon ein Grund, seine Leidenschaft nicht allzu offensiv vor sich her zu tragen – man entwickelt eine leise Vorsicht.

Waren Sie persönlich schon mit Hass konfrontiert? Vielleicht auch durch das Buch jetzt?

Nein, durch das Buch nicht, das hat mich positiv überrascht. Beim Angeln ist es schon vorgekommen, dass jemand am Bootssteg randaliert oder Steine ins Wasser geworfen hat, aber das sind also keine tagtäglichen Erfahrungen. Klar gibts mal blöde Sprüche, die erlebt aber auch der Downhill-Biker, der den Wanderweg runterbrettert. Allerdings habe ich den Eindruck, dass sich in der Einstellung gegenüber Anglern gerade etwas ändert. Sie sind heute auch im Stadtbild viel sichtbarer und bekommen so langsam ein etwas moderneres Image. Dazu kommt der generelle Trend zu regionaler Ernährung und fairer Tierhaltung. Ein Saibling aus dem Starnberger See hat das freiste und biologischste Leben, das ein Fisch nur haben kann.

Die Heuchelei nervt. Warum soll derjenige der Doofe sein, der sich mit Sorgfalt und Verantwortungsgefühl selbst um sein tierisches Eiweiss kümmert?

Ärgert Sie die Kritik am Angeln? Besonders wenn sie von Leuten kommt, die, ohne zu zögern, eine Wurst auf den Grill werfen oder im Restaurant ein Thunfischsteak bestellen?

Klar, die Heuchelei nervt. Warum soll derjenige der Doofe sein, der sich mit Sorgfalt und Verantwortungsgefühl selbst um sein tierisches Eiweiss kümmert? Wer Produkte kauft, die aus Schlachthöfen kommen oder von den Kutterfischern, bei denen die Fische zu Tausenden ersticken, ist moralisch doch noch ein Stück weiter weg. Erfreulicherweise hat aber in den letzten Jahren die Auseinandersetzung mit der eigenen Nahrung stark zugenommen – viele finden das heute auch gut, wenn man sagt, dass man seine Fische selbst fangen und ausnehmen kann.

Haben Sie sich auch schon an grosse und gefährliche Fische gewagt, auf hoher See?

Nein, exotische Fischarten und dicke Jachten reizen mich nicht. Mich interessieren Alpenseen und Flüsse und die ganze Kultur drumherum. Auf die Malediven zu reisen und einen armen Schwertfisch zu fangen, würde mir nicht das geben, was mir hier die Angelei gibt. Aber natürlich finden einige Leute das toll, so wie sich auch Jäger auf Safaris im Jeep vor Antilopen fahren lassen, um sie abzuschiessen. Diese Art von Trophäenjagd ist aber was ganz anderes und hat mehr mit einem protzigen Kräftemessen zu tun. Es sind, glaube ich, nur noch wenige, die so was gern machen, in der modernen Angelei ist es sogar eher verpönt. Verbreiteter sind die Trophäenfotos mit möglichst grossen Fischen, aber schon das kann ich nicht nachvollziehen.

Viele Menschen wünschen sich ein Leben wieder näher an der Natur, sehnen sich nach Authentizität – und dazu passt das Angeln.

Der Schweizer Tierschutz thematisiert das Angeln auch deshalb, weil die Zahl der vergebenen Angellizenzen in den letzten Jahren zugenommen hat. Angeln scheint in zu sein.

Mir scheint es auch so, in Deutschland steigen die Zahlen ebenfalls. Man sieht mehr Angler, auch junge Leute in den Städten, das verstärkt das Interesse anderer junger Leute. Ausserdem thematisieren die Medien das Angeln häufiger, und dann ist da eben dieser generelle gesellschaftliche Trend zum Regionalen, zu biologischer lokaler Ernährung. Viele Menschen wünschen sich ein Leben wieder näher an der Natur, sehnen sich nach Authentizität – und dazu passt das Angeln.

Es geht dabei offenbar auch um die Ausrüstung, inzwischen gibts quasi für jeden Fisch und jedes Wetter eine andere Angel. Im Buch sprechen Sie gar von «Gerätewahn» …

Der Sammeltrieb gehört dazu. Man kann ja oft gar nicht angeln, den ganzen Winter nicht, dann ist das Wetter schlecht, dann der See gesperrt – in dieser Zeit kann man sich wenigstens mit seiner Ausrüstung beschäftigen und seine Gerätschaften optimieren. Kein Hobby hat so viele kleine Einzelteile wie das Angeln, und im Grunde ist man nie fertig ausgerüstet. Denn immer wenn man nichts fängt, liegt das natürlich nicht am Wasser oder am Wetter, man hat einfach noch nicht die optimalen Teile …(lacht)

Klingt nicht nach einem billigen Hobby – und das Paradies ist offenbar Japan?

Ja, die sind irgendwie schon zehn Jahre weiter als wir hier. In Japan ist das alles sehr verpoppt und trendy und bunt. Die Geräte sind teuer, raffiniert und sehen gut aus – das hat praktisch nichts mehr zu tun mit dem romantischen Bild des Anglers, der einsam am kühlen Fluss sitzt. Es erinnert eher an technische Kampfkunst. Aber verglichen mit Hobbys wie Segeln oder Motorradfahren ist das Angeln doch immer noch gut finanzierbar.

Aber es scheint eher die Männer zu packen als die Frauen.

Bisher war das so, wenn man an den See fährt und die Angler zählt, sind die Männer in der Mehrzahl. Aber das Interesse bei den Frauen nimmt zu, in den Fischereiprüfungskursen sind jedenfalls inzwischen viele.

Offenbar ist es dem Angeln zu verdanken, dass Sie eine so intensive, gute Beziehung zu Ihrem Vater haben. Hätte es auch ein anderes Hobby sein können, das Sie so verbindet?

Ich glaube, bei vielen Vater-Sohn-Beziehungen besteht ab 13, 14 Jahren nur noch ein rudimentäres Interesse aneinander, weil man nicht mehr so viele Gemeinsamkeiten hat. Diese Distanz später wieder zu überwinden, ist oft nicht leicht. Über das Angeln ist uns das problemlos gelungen. Es hat eine wortlose Innigkeit, und man erlebt jeden Angeltag gemeinsam ein Abenteuer. Ich kann mir nichts anderes vorstellen, bei dem man das jeden Samstagnachmittag so einfach haben kann.

Falls Sie mal Kinder haben, werden Sie die ebenfalls ins Angeln einführen?

Klar, jede Leidenschaft, die man hat, möchte man doch zumindest mal zeigen und schauen, wie sie das finden. Ohne Garantie auf Erfolg natürlich.

Die Ausrüstung ist fast so wichtig wie das Angeln selbst.
Die Ausrüstung ist fast so wichtig wie das Angeln selbst.

Warum ein Buch über das Angeln? Es gibt ja auch schon einige andere.

Es ist einfach ein schönes Gefühl, seiner Passion etwas zurückzugeben. Ich wollte beschreiben, was es ist, das einen so glücklich macht beim Angeln, und es gibt zwar viel Fachliteratur, aber wenig über die Metaebene, die Faszination. Es hat mich als Wortmenschen immer gestört, dass ich in eine Art Erklärungsnotstand geraten bin, wenn ich davon erzählen sollte. Also habe ich versucht, für mich selbst zu analysieren und aufzuschlüsseln, was es ausmacht, und die richtigen Worte zu finden.

Sie haben schon ein paar Bücher veröffentlicht – könnten Sie allein davon leben?

Dieses Nebeneinander von Bücherschreiben und Journalismus mache ich seit zehn Jahren. Und ja, ich könnte von den Büchern leben, müsste allerdings einen etwas bescheideneren Lebensstil führen. Aber ich mag halt beides.

Die Medienbranche kriselt ja ziemlich, bekommen Sie das zu spüren?

Bisher nicht gross. Ich war rund zehn Jahre freier Journalist, bin nun aber seit einem Jahr bei der «Süddeutschen Zeitung» fest angestellt – nicht, weil es anders nicht mehr gegangen wäre, sondern weil ich das auch mal ausprobieren wollte. Es hat beides seine Vor- und Nachteile. Natürlich geben die wirtschaftlichen Realitäten bei den Medien zu denken.

Notfalls könnten Sie immer noch Profi-Fischer werden, nicht?

(lacht) Da sind die Verdienstaussichten eher noch schwieriger, glaube ich. Ausserdem ist es eine riskante Idee, die grösste Leidenschaft zum Beruf zu machen. Ich kenne ein paar Leute, wo das ziemlich schiefgegangen ist.

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Florian Jaenicke