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10. Dezember 2012

«Auch eine Liebe, die es schwer hat, ist eben Liebe»

Pedro Lenz’ Mundartgeschichten handeln von ganz gewöhnlichen Menschen – und der ganz alltäglichen Liebe, bei der es auch mal harzt und klemmt. Seine eigenen Liebesschwüre versendet der Berner heute gerne auch per SMS.

Pedro Lenz
Was Pedro Lenz – hier am Bahnhof Olten – unterwegs in Zug und Bus «lauscht und schaut», dient ihm als Inspiration für seine Geschichten.

Oft sind 160 Zeichen genug: Pedro Lenz schreibt Liebeserklärungen per SMS – Sie auch? Senden Sie uns die berührendste, kreativste oder lustigste SMS-Liebesbotschaft, die Sie je erhalten oder verschickt haben, per E-Mail.
Die SMS vonTamara Röthlin:
ss war wiedermal ein schönes, aber kurzes wochenende. ich merke meistens erst später, dass mir jemand fehlt, und ich dich lieber genossen hätte,als du bei mir warst. man gewöhnt sich plötzlich an alles und sieht es als selbstverständlich an. am anfang, wenn man verliebt ist, ist alles anders und ich war oft nervös. aber keine angst, ich weiss jetzt, wie es ist, wenn man die zeit nicht mehr rückgängig machen kann, um es besser zu machen. ich liebe dich, aus fehlern lernt man überall. schlafgut mein prinz
Die SMS, dieAdelheid Byland vor Jahren von ihrem ca. 9-jährigen Sohn Leroy, geschrieben auf dem Handy des Vaters, mit folgenden Inhalt und Fehlern erhalten hat, hat sie noch immer gespeichert und liest sie manchmal, wenn der jetzige Teenager wieder mal ungeniessbar ist:
Hallo, MaMa Du BeScH sEhR LiEb!!
GruEs Leroy

Die beiden folgenden SMS schrieb B. Lux «einer supertollen Frau, die ich sehr liebe und nie mehr loslassen werde» – und nun dem Migros-Magazin, mit der Frage: «Wie lange muss ich noch kämpfen, bis Du mir Deine Liebe gibst und dein Herz?»
Was muss ich dir noch schreiben? Dasssss Duuuuu begreifst dass ich mein Herz an dich verloren habe und dich als meine Frau will!!!!-****Ich Liebe dich möchte dich so zärtlich streicheln. Weisst du eines Tages drehe ich durch! Meine Liebe zu dir ist so gross weiss nicht wie lange ich das noch aushalte ohne dich-**** Ich möchte mit dir zusammen sein und zusammen Wohnen und dich Lieben-**** Weisst du ich habe mich halt in dich als Mensch und als Engel verliebt! Mein Herz sagt mir dass du etwas Besonderes bist! Sei doch bitte mein!!

Hallo meine Zuckersüsse Maus ich liebe dich so sehr und möchte dich an meiner Seite haben, gib deinem Herz einen Stoss und sage jaaaaaaaaaaa ****** Du weisst dass es mein Herz fast zerreisst vor Sehnsucht nach dir, dass ich dich sehr liebe und dich nicht loslassen kann ;))** Ich liebe dich, will dich! Bitte, soll ich noch lange betteln!????
Ich gehe mich betrinken habe einfach Sehnsucht nach dir ;))
DAS INTERVIEW

Pedro Lenz, Ihr neuer Erzählband «Liebesgschichte» ist so etwas wie eine einzige grosse Liebeserklärung an ganz gewöhnliche Menschen: Die Hauptrollen in den Liebesgeschichten spielen Sozialhilfeempfänger, Hausfrauen oder Teenager, die dem ersten Treffen mit dem Schulschatz entgegenfiebern.

Den normalen Leuten fühle ich mich am nächsten, weil das die sind, die ich kenne und mit denen ich im Alltag verkehre. Das ist meine Welt, die mich interessiert. Mir fällt halt auf, dass diese normalen Menschen in der Kunst kaum vorkommen und oft von sich selbst das Gefühl haben, sie seien nicht so wichtig, weil sie nie in einem Buch eine Rolle spielen. Was ja völlig falsch ist.

Sie haben erst spät, mit knapp 40 Jahren, mit Schreiben begonnen. Weshalb?

Ich dachte jahrelang, Schriftsteller zu sein sei etwas ganz Besonderes, man müsse zum Beispiel sehr gebildet sein. Ich vermute, das liegt an Goethe, dass man im deutschen Sprachraum bis heute das Gefühl hat, der Autor kommt gleich nach dem lieben Gott. Das hat mich gebremst. Dabei sind Schriftsteller schlicht und einfach Spracharbeiter.

Sie haben vor Ihrem ersten Buch mit den Händen gearbeitet, nämlich eine Lehre als Maurer gemacht und sieben Jahre lang auf dem Bau gearbeitet. Wie erinnern Sie sich heute an diese Zeit?

Die sieben Jahre helfen auf jeden Fall, was meinen Blick auf die Menschen angeht. Ich lernte, zwischen bildungsnah und bildungsfern zu unterscheiden, und weiss, dass Bildung nichts mit mehr oder weniger Intelligenz zu tun hat. Es gibt auf allen Gesellschaftsebenen Menschen, vor denen ich grossen Respekt habe. Wenn man den Aussenseitern ein Gesicht gibt und einen Namen, dann kann man nachher nicht mehr einfach sagen: «Das Pack muss fort». Das merke ich auch immer bei sogenannt fremdenfeindlichen Leuten. Wenn sie beispielsweise über die Kosovaren ausrufen, dann nehmen sie den einen, den sie kennen, immer aus: «Der, mit dem ich das KV gemacht habe, der ist ein ganz Flotter.»

Schriftsteller sind schlicht und einfach Spracharbeiter.

Woher kommt Ihr Gespür für Menschen aus allen Schichten?

Mein Vater hatte immer ein grosses Interesse an Menschen und Zusammenhängen und hat mich damit angesteckt. Er leitete die Porzellanfabrik in Langenthal, aber er war völlig frei von Dünkel.

Warum haben Sie ausgerechnet die Liebe als thematischen Rahmen für Ihren neusten Geschichtenband gewählt?

Das war die Idee meines Verlegers. Der kam und sagte, ist dir eigentlich klar, dass 80 Prozent deiner Geschichten Liebes- oder Beziehungsgeschichten sind? Ich musste zugeben, dass er recht hat.

Weshalb ist das so?

Weil Liebe die Emotion ist, die sich beim Schreiben fast aufdrängt. Liebe ist und bleibt das grösste aller Gefühle. Sie versetzt einen in einen Zustand, der etwa zu vergleichen ist mit manisch Sein. Man muss nicht so viel schlafen, man ist beflügelt, man kann Berge versetzen — das ist ein unglaublicher Motor. Natürlich gibt es auch andere Antriebe, zum Beispiel das Streben nach Macht, aber das ist für mich nicht so interessant zu beschreiben.

Die Signatur Ihrer Mails lautet schon seit Jahren «Largo se le hace el día quien no ama».

Das ist Spanisch — die Sprache meiner Mutter — und heisst übersetzt ungefähr «Lang ist der Tag für den, der nicht liebt». Das ist ein guter Satz des galizischen Schriftstellers Claudio Rodríguez, der gefällt mir.

Schreiben Sie auch selbst erlebte Liebesgeschichten auf?

«Es ist wahnsinnig schwierig, Dialekt so zu schreiben, dass er nicht künstlich klingt», sagt Lenz.
«Es ist wahnsinnig schwierig, Dialekt so zu schreiben, dass er nicht künstlich klingt», sagt Lenz.

Fast immer sind Ihre Liebesgeschichten tragisch oder zartbitter.

Der Moment, da die Liebe ankommt, erwidert wird und alles Sonnenschein ist, ist ja auch nur kurz. Der Normalzustand ist, dass in der Liebe etwas noch nicht oder nicht mehr ganz aufgeht. Auch eine Liebe, die es schwer hat oder die nicht zustande kommt, ist für mich eben Liebe.

Die Liebesgeschichte, die Sie für den Erzählband «Amami – Liebe mich» geschrieben haben, ist in dieser Hinsicht etwas Besonderes: Sie hat ein Happy End – und sie ist auf Hochdeutsch geschrieben. Wieso sind Pedro-Lenz-Geschichten fast immer in Mundart verfasst?

Nicht, weil es für mich einfacher zum Schreiben wäre. Im Gegenteil: Es ist wahnsinnig schwierig, Dialekt so zu schreiben, dass es nicht künstlich klingt. Ich muss extrem am Text herumkünsteln, bis der Effekt des Authentischen eintritt, der Leser also sagt: «Genau so redt mi Grossvatter.» Mit der Mundart bin ich dafür viel näher bei den Leuten als einer, der hochdeutsch schreibt.

Ein Nachteil von Dialekttexten ist, dass viele Leser davon abgeschreckt werden, weil geschriebener Dialekt ihnen fremd ist.

Ich nehme das in Kauf. Grössere Sachen wie etwa der Roman «Der Goalie bin ig» wurden ja inzwischen auch ins Hochdeutsche — und in andere Sprachen — übersetzt. Die Texte funktionieren also auch in anderen Sprachen, das zu wissen ist mir noch wichtig (lacht). Zudem: Wenn mir jemand sagt, Dialekt zu lesen sei ihm ganz grundsätzlich zu anstrengend, dann erwidere ich, dass es für mich auch anstrengend ist, ein Buch im englischen Original zu lesen. Gleichzeitig ist es etwas Besonderes, ein Riesengewinn, und macht mich sogar ein wenig stolz. Will ich anstrengungsfrei lesen, lese ich den «Blick am Abend».

Sie sind kein Freund von Gratiszeitungen?

Die empfinde ich als Müll. Nicht nur im übertragenen Sinn. Ich bin oft mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs, und am Abend liegen dann im ganzen Wagen verstreut diese Blätter rum. Die Leute lesen in den sogenannten People-Rubriken, welcher amerikanische Filmstar mit wem nicht mehr zusammen ist, und sie lesen alle dieselben Kurznachrichten, aber von ihrem eigenen Nachbarn wissen sie nichts.

Sie fahren sehr oft mit dem Zug zu Lesungen oder Auftritten, und von Beobachtungen auf diesen Fahrten handeln auch manche Geschichten. Zum Beispiel die von dem jungen Mann, der mit seiner Freundin im Zug «vo Oute nach Gränche» am Handy Schluss macht.

Ich bin schon einer, der lauscht und schaut. Gleichzeitig bin ich gern mitten drin, also wenn ich mit ein paar Leuten am Stammtisch hocke, dann sind das für mich nicht mögliche Objekte einer Geschichte, das kann ich schon unterscheiden.

Können Sie denn überhaupt noch unerkannt lauschen und schauen?

Ich meine es zumindest. Aber es kam schon vor, dass ich im Zugabteil eine Stunde lang neben einem auf der Bank sass, und dann sagt der, bevor er aussteigt: «Sind Sie nicht der Pedro Lenz? Kann ich ein Autogramm haben?». Dann merke ich, ich sass die ganze Zeit neben einem, der mich kennt. Das ist schon komisch.

Autor: Karin Aeschlimann

Fotograf: Daniel Rihs