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25. August 2014

«Auch die EU ist im Clinch»

Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer über die Zukunft der Schweiz, die Abzocker unter den Managern und seine Karriere als Handballer. Lesen Sie rechts, welche fünf Initiativen dieses Jahr noch zur Abstimmung kommen.

Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer vor dem Prime-Tower in Zürich
Heinz Karrer weibelt vor jeder Abstimmung für den Wirtschaftsstandort Schweiz.

Heinz Karrer, Sie gelten als starker Kommunikator, der unglaublich nett ist. Hat man Sie deswegen gewählt?

Das müssten Sie jene fragen, die mich gewählt haben. Aber es stimmt schon: Ich bin auch zu Menschen höflich, die eine andere Meinung haben. Ich nehme die Leute ernst.

Was macht einen guten Kommunikator aus?

Man muss zuhören, auf das Gegenüber eingehen, aber sich auch klar ausdrücken und die eigenen Botschaften rüberbringen können.

Besteht nicht auch die Gefahr, dass man von seiner Linie abweicht, wenn man zu sehr auf das Gegenüber eingeht?

Ich sehe das eher als eine Chance. Wenn man genau zuhört und sich auf eine echte Diskussion einlässt, versteht man Dinge oft besser: Man lernt etwas. Das ist ein Vorteil, selbst wenn man vielleicht aufgrund der Erkenntnis seine Meinung letztlich ändert.

«Mehr als 99 Prozent unserer Mitglieder zahlen normale Löhne.»

Die Präsidenten der CVP und FDP schossen in den Medien gegen Sie, weil Sie «auf Kuschelkurs mit der SVP» gingen. Hat Sie diese Kritik getroffen?

Diesen Vorwurf konnte ich zwar nachvollziehen, aber er hat weder Hand noch Fuss. Man war offensichtlich erstaunt, dass ich nach der Annahme der Initiative gegen die Masseneinwanderung das Gespräch mit allen Parteien suchte – auch mit der SVP. Obwohl wir uns im Vorfeld der Abstimmung klar gegen deren Meinung abgegrenzt hatten. Jetzt, nach der Abstimmung, müssen wir versuchen, das Beste daraus zu machen. Darum reden wir mit allen.

Schwierig, wenn man es allen recht machen will …

... ich habe nicht das Ziel, es allen recht zu machen. Aber auch wenn Sie ein Unternehmen führen, müssen Sie versuchen, alle einzubinden – Mitarbeitende, Kunden, Aktionäre. Wenn man nicht mit allen diskutiert und versteht, was die Bedürfnisse sind, kann man darauf auch keine adäquaten Antworten finden.

Und was ist Ihre Antwort auf den Volksentscheid vom 9. Februar?

Wir müssen die Bilateralen retten. Das Volk hat sich nicht gegen die bilateralen Verträge ausgesprochen, sondern gegen die hohe Zuwanderung. Das Problem ist, dass die Personenfreizügigkeit einer der wichtigsten Grundsätze der EU ist.

Was passiert, wenn die Verhandlungen scheitern?

Unsere Unternehmen würden den gleichberechtigten Zugang zum EU-Binnenmarkt verlieren. Mittlerweile haben sich zahlreiche Studien mit dieser Frage auseinandergesetzt. Sie kommen zum Schluss, dass dies unserem Wohlstand schaden würde.

Befürworten Sie eine erneute Abstimmung, in der sich das Volk für oder gegen die bilateralen Verträge aussprechen soll?

Nein, es wäre schwierig, in eine Abstimmung zu gehen, die das Resultat vom 9. Februar umkehren möchte. Wir müssen den Volksentscheid so akzeptieren, wie er ist, und mit der EU nach Lösungen ringen. Das werden sehr schwierige und langwierige Verhandlungen – und wir müssen vermutlich auch Zugeständnisse machen.

Was könnten wir in die Waagschale werfen?

Das Verhältnis mit der EU ist rein geografisch gesehen von einer gegenseitigen Abhängigkeit geprägt. Einerseits gehen 56 Prozent unserer Exporte in die EU, andererseits importieren wir 75 Prozent aus der EU. Da sind 280 000 Grenzgänger und täglich über eine Million Grenzübertritte. Wenn das nicht mehr aufrechterhalten werden könnte, wäre das sowohl für uns wie auch für die EU schlecht.

Aber die Personenfreizügigkeit ist für die EU nicht verhandelbar.

Das stimmt, aber die EU will auch das Verhältnis zur Schweiz nicht verändern. Auch sie ist im Clinch. Darum müssen wir versuchen, das Problem der Personenfreizügigkeit so zu lösen, dass es für die EU akzeptierbar ist.

Was kann Economiesuisse überhaupt tun, um etwas Positives zu diesen Verhandlungen beizutragen?

Wir führen Diskussionen und Gespräche mit der Bundesverwaltung und dem Bundesrat. Letztlich liegt es natürlich in den Händen der Politik, aber wir können unsere Überlegungen und Interessen einbringen. Wir haben aber auch mit unseren europäischen Schwesterverbänden das Gespräch gesucht. Zudem haben wir Politik- und Wirtschaftsvertreter von den an die Schweiz angrenzenden Regionen besucht und ihnen das Abstimmungsergebnis erläutert.

Ein Beitritt zur EU ist keine Option.

Wie stehen Sie zu einem Beitritt zur EU?

Das ist keine Option. Realpolitisch ist ein Beitritt auf absehbare Zeit kein Thema – unabhängig davon, ob es überhaupt sinnvoll wäre.

Economiesuisse will das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen. Damit das Volk den Parolen der Wirtschaft wieder glaubt?

So haben wir das nie gesagt: Wir sehen unsere Aufgabe darin, die Vor- und Nachteile eines Abstimmungsresultats und die Folgen für unsere Unternehmen und den Wirtschaftsstandort Schweiz aufzuzeigen – und die Bevölkerung allenfalls davon zu überzeugen, dass der eine Weg besser ist als der andere.

Aber wie wollen Sie das erreichen?

Wir müssen vermehrt den Dialog suchen. Im Zusammenhang mit der Initiative gegen die Masseneinwanderung haben wir zu wenig gut hingehört. Da gab es viele Ängste und Sorgen. Die muss man ernst nehmen und wenn möglich lösen – wobei wir natürlich nur Vorschläge einbringen können, während letztlich die Politik entscheidet.

Früher waren Wirtschaftsführer oft auch politisch tätig. Heutige Manager haben mit Politik meistens nicht viel am Hut.

Die Schweizer Wirtschaft ist heute viel internationaler. Die Manager der grossen Konzerne stammen vielfach nicht aus der Schweiz. Sie sind mit der direkten Demokratie weniger vertraut. Wir stellen aber fest, dass die Bereitschaft sich stärker zu engagieren, vorhanden ist. Gegen die Mindestlohn-Initiative hat sich beispielsweise eine Vielzahl von Unternehmern engagiert.

Sind die Konzernmanager nicht auch apolitisch, weil sie jederzeit wegziehen können, wenn die Rahmenbedingungen nicht mehr stimmen?

Das glaube ich nicht. Der Schweizer Standort wird geschätzt. Wir sind in vielen Bereichen Spitze, wie zum Beispiel bei der Wettbewerbs- oder Innovationsfähigkeit. Die Wirtschaftsführer sind sich bewusst, dass man die guten Rahmenbedingungen pflegen und permanent daran arbeiten muss.

Sicherlich gut für das Vertrauen wäre, wenn es keine Lohnexzesse mehr gäbe. Die CEOs von Novartis, Roche und UBS – der drei grössten Mitglieder von Economiesuisse – verdienen aber nach wie vor mehr als zehn Millionen Franken im Jahr.

Mehr als 99 Prozent unserer Mitglieder zahlen normale Löhne. Die genannten Beispiele sind die absolute Minderheit und Extreme, eben weil sie so gross sind und sich in einem internationalen Umfeld bewegen.

Die Kommunikation hat sich durch Social Media demokratisiert und fragmentiert. Heute kann auch der einfache Bürger zum Sender werden und untergräbt damit die Definitionsmacht der Elite – und damit auch von Verbänden. Kann Economiesuisse heute überhaupt noch etwas bewirken?

Wir setzen uns für einen starken Wirtschaftsstandort Schweiz ein. Die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft werden durch Volksabstimmungen, Parlamentsentscheide und Bundesratsbeschlüsse definiert. Darum versuchen wir, auf diese Prozesse Einfluss zu nehmen – durch Gespräche, Diskussionen und Kampagnen, auch im Bereich Social Media.

Die negativen Auswirkungen von Ecopop sind viel extremer als die der Masseneinwanderungs-Initiative.

Die Wirtschaft hat nie nur eine Stimme. Innerhalb Ihres Verbands gibt es unterschiedliche Branchen mit unterschiedlichen Interessen.

Zu bestimmten Themen gibt es immer unterschiedliche Positionen. Trotzdem sind da viele gemeinsame Interessen – etwa wenn es um Steuer- oder Wettbewerbspolitik geht.

Mit Ecopop und der Erbschaftssteuer kommen neue Initiativen auf Sie zu. Fürchten Sie sich vor diesen Abstimmungen?

Jede Abstimmung muss man ernst nehmen. Ecopop ist in ihren negativen Auswirkungen für die Wirtschaft noch viel extremer als die Initiative gegen die Massenzuwanderung. Zudem enthält die Vorlage absurde Vermischungen von Entwicklungshilfe mittels Geburtenkontrolle und Naturschutz durch Beschränkung der Einwanderung. So sollen jährlich 200 Millionen Franken für Verhütung in Entwicklungsländern ausgegeben und in der Schweiz starre Zuwanderungsquoten festgeschrieben werden.

Geben Sie der Initiative überhaupt Chancen?

Selbstverständlich. Das gehört zum Ernstnehmen.

Wie ist es mit der Erbschaftssteuer?

Die Annahme dieser Initiative hätte negative Auswirkungen auf viele kleine und mittlere Unternehmen. Sie würde in vielen Familienbetrieben die Nachfolgelösungen erschweren oder gar gefährden. Damit würde sich die KMU-Landschaft dramatisch verändern.

Sie waren einer der besten Handballer der Schweiz und sind heute passionierter Bergsteiger. Was haben Sie aus dem Sport für den Beruf gelernt?

Sicher Leistungsbereitschaft und Teamfähigkeit. Ich erreiche gern gemeinsam mit anderen ein Ziel. Ich war oft Captain und übernahm gern Verantwortung.

Aber beim Handball geht es doch auch darum, die Ellenbogen auszufahren und sich durchzukämpfen.

Das ist eine etwas zu einfache Darstellung. Jede Sportart hat ihre Eigenart. Handball wird im Gegensatz zu Volleyball mit viel Körperkontakt gespielt – und gerade deshalb hat die Fairness eine ganz wichtige Bedeutung.

Der Sport hat Ihnen auch zu Kontakten verholfen, die für ihre berufliche Karriere wichtig waren.

Das gebe ich offen zu. Meine erste Stelle als Geschäftsführer beim Verband der Sportartikelindustrie habe ich dank diesen Kontakten erhalten.

Ist Handball besser für das Netzwerk als etwa Fussball?

Schwierig zu sagen. Fussball ist populärer, und daher haben Fussballer einen viel besseren Zugang zu Sponsoren. Zu Leuten, die Einfluss nehmen könnten. Aber unter den Handballern hat es mehr Mittelschüler und Studenten, die dann entsprechende Karrieren antreten. Ich treffe in meinem Berufsleben auch heute immer wieder mal auf ehemalige Handballer.

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Gerry Nitsch