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12. August 2013

Au vieux four

Oft kommts halt anders, als die Eltern es sich vorgestellt haben. In Südfrankreich sprang mir in den Ferien das Schild einer Bäckerei ins Auge, «Au vieux four — Perrin & fils», wobei der «fils» handschriftlich überpinselt war: «fille». Offenbar hat Tochter Perrin wider Erwarten die Boulangerie übernommen. Sogleich musste ich an den Sanitärunternehmer Bühler denken, Albert. Ein Krampfer scheints, der sein Budeli zur Blüte gebracht und über dem Eingang den Schriftzug «A. Bühler und Söhne, eidg. dipl. San. Inst.» hatte anbringen lassen. Seine Söhne, fünf an der Zahl, taufte er Anton, Arnold, Armin, Alfred und Adrian, auf dass derjenige, der den Familienbetrieb dereinst übernähme, das Schild nicht würde wechseln müssen — A. Bühler würde auf alle Fälle stimmen.

Frühstückstisch mit Milch, Orangensaft, Konfituüre und zwei Gedecken.
«Meinten Sie Stopfmittel?»

Aber man lässt sich von seinen Kindern am besten überraschen. Wir Eltern kamen in Frankreich mal vom morgendlichen Joggen durch den Pinienwald zurück, und unsere Kinder, die wir noch im Bett wähnten, überraschten uns mit selbst gemachten Crêpes. Sie hatten in dem Haus, in dem wir zur Miete waren, ein altes «Fülscher Kochbuch» gefunden und das Rezept «Hamburger Pfannkuchen» abgewandelt, bis sich nach ihrem Gusto eben Crêpes ergaben. Und die waren einmalig fein. Die Überraschung, der Moment en famille, das sommerliche Zirpen der Zikaden, das Sonnenlicht durchs Fenster — so was lässt sich nicht wiederholen. Nur schon der Zutaten wegen. In der Fremde ist es oft frappierend, dass die einfachsten Dinge anders sind, finden Sie nicht auch? Grundnahrungsmittel, über die man sich daheim vor lauter Selbstverständlichkeit nicht mal Gedanken macht, schmecken plötzlich anders. Butter, in Frankreich gekauft, ist nicht dasselbe wie zu Hause. Zucker, Milch, Eier — die alltäglichsten Lebensmittel sind irgendwie anders. «Das ist keine Milch», protestierten Anna Luna und Hans und schoben die mit «lait frais» angeschriebene weisse Flasche beiseite.

Meinten Sie Stopfmittel?

Die Dorfmetzgerei an unserem Ferienort bot einen hausgemachten «Cake au chèvre et aux courgettes» an. Wunderbar war der, aber ich würde ihn nie nachzubacken versuchen — weil die hier erhältlichen Zuchetti denjenigen in der Provence nicht ähneln wollen, ganz zu schweigen vom Geisskäse. Ich brächte den Cake nicht hin! Ich bin da, wenn auch in umgekehrter Richtung, etwas gebrannt. In New Orleans versuchte ich, auf das Drängen von Freunden hin, einst eine Züpfe zu backen. Bis ich nur schon die Zutaten nachgeschlagen hatte! Und geben Sie mal «Zopfmehl» in ein Übersetzungsprogramm ein. Es wird Ihnen antworten: «Meinten Sie Stopfmittel?» Ich tat mein Bestes. Weil aber Yeast nicht gleich Hefe und Flour nicht gleich Mehl ist, somehow, und weil ich mit dem Temperieren des Gasbackofens meine Mühe bekundete, hatte mein New-Orleanser Gebäck schliesslich nur entfernt mit einem Butterzopf zu tun. War ja auch eine Schnapsidee! Man soll sich in der Ferne nicht an Schweizer Speisen versuchen. Lieber Frühstückscrêpes à la Anna Luna und Hans!

Und was wurde aus Albert Bühlers Firma? Einer der Söhne hats mir erzählt: Keiner von ihnen, nicht Anton, nicht Arnold, nicht Armin oder Alfred und auch nicht der Adrian mochte eidg. dipl. San. Inst. werden, keiner hat den Betrieb übernommen. «A. Bühler und Söhne» ist längst abmontiert.

Bänz Friedli (48) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli