Archiv
02. Mai 2016

Arnold Gjergjajs Kampf des Lebens

Vor zwei Jahren erhielt er einen Preis für sein Engagement in der Jugendarbeit – jetzt steht «The Cobra» vor dem wichtigsten Termin seiner bisherigen Karriere: Am 21. Mai tritt der aus dem Kosovo stammende Prattler gegen Weltklasseboxer David Haye an.

Arnold Gjergjaj
Bereitet sich auf den Kampf gegen David Haye vor: Arnold Gjergjaj hat sieben Jahre auf diesen Moment gewartet.

Arnold Gjergjaj (31) misst fast zwei Meter, wiegt 111 Kilogramm, hat Schultern so breit wie ein Schrank und besiegt fast jeden Gegner mit einem K.O.
Angst scheint dieser Boxer nie zu haben. Auch nicht vor dem nächsten Kampf? Er grinst schelmisch, lacht und stützt sich mit den Ellenbogen auf die Seile des Rings: «Man hat immer Angst. Nicht vor dem Kampf. Vor dem Verlieren», sagt es und wendet sich ab, um Seil zu springen. Der Ringboden schwingt unter seinem Körpergewicht, das Seil schlägt für die nächsten zehn Minuten laut und regelmässig auf dem Boden auf.

Arnold Gjergjaj, dessen Name man «Dscherdschai» ausspricht, tritt am 21. Mai in London gegen David Haye an. Haye – den Weltklassekämpfer? Ja, genau den. Der Engländer war mehrfacher Weltmeister und stand bereits gegen prominente Grössen wie Wladimir Klitschko im Ring, die langjährige Nummer eins im Schwergewicht.

Hat Arnold Gjergjaj da überhaupt eine Chance? «Sonst würde er nicht antreten», sagt Angelo Gallina (48), Präsident des Boxclubs Basel, der Gjergjajs Coach und auch Manager ist. «Auf diesen Moment haben wir sieben Jahre hingearbeitet», sagt der Mann mit der prägnanten schwarzen Brille. Er ist einer, der Boxsport mit Kultur verbindet und nur Boxer mag, die auch etwas im Kopf und ein grosses Herz haben, nicht nur Muckis. Arnold Gjergjaj ist einer von ihnen. 29 Profikämpfe hat er hinter sich und bisher jeden gewonnen.

Mittlerweile hat Gjergjaj sich die schweren 18-Unzen-Handschuhe angezogen, und Gallina zieht sich die Pratzen über. Die «Schlagschule» beginnt. Der Schwergewichtler schlägt dabei in die Lederpratzen seines Trainers und wird von ihm gnadenlos durch den Ring gejagt. Gjergjajs Schläge knallen in die Pratzen. Mit jeder Runde werden sie schneller, härter und lauter. Doch erst nach der fünften Runde atmet er hörbar während einer Pause, und erst zwei Runden später zeichnen sich auf seiner Stirn die ersten Schweissperlen ab.

Essen darf er alles, auch Döner

Als 14-Jähriger kam Gjergjaj aus dem Kosovo in die Schweiz. Hier machte er den Schulabschluss, eine Lehre als Heizungsmonteur, und begann mit dem Boxen. Warum? «Kollegen von mir gingen ins Training. Sie sagten: Du bist stark, komm auch», erzählt er. Als Amateur wurde er drei Mal Schweizer Meister. Mit 25 Jahren wechselte Gjergjaj ins Profilager.

Geld verdient er mit seinem Sport keins. Im Gegenteil. Kämpfe sind teuer, die Einnahmen mager. Hierzulande kommt man nur mit Sponsoring weiter. Es gibt keine gebührenpflichtigen Fernsehübertragungen wie in England, wo Boxprofis ihren Lebensunterhalt mit Wettkämpfen verdienen können.
Zu Beginn seiner Sportlerkarriere arbeitete Gjergjaj Vollzeit auf dem Bau und später im Lebensmittelladen seines Bruders in Basel. Seit Januar ist der Boxer auch noch Besitzer des Clubs Arnold Boxfit in Pratteln BL. Am Feierabend Training, an den Wochenenden Kämpfe. Gjergjaj hilft noch immer sonntags im Laden des Bruders aus – nur nicht jetzt, vor diesem wichtigen Kampf.

Vor zwei Jahren wurde Gjergjaj mit dem Prattler Stern ausgezeichnet – als Anerkennung für sein soziales Engagement in der lokalen Jugend­arbeit. Und der gebürtige Kosovo-­Albaner mit Schweizer Pass, der sich lange dafür schämte, dass er nicht perfekt Deutsch spricht, gilt als gutes Beispiel für geglückte Integration.

Wenn der Ernst des Kampfs gilt, ist es mit Gjergjajs offensichtlicher Gutmütigkeit vorbei. Dann verwandelt er sich in den gnadenlosen Boxer mit dem Fight­namen «The Cobra» – flink wie eine Kobra lässt er, ohne zu zögern, seine Fäuste fliegen. «Im Ring erkennst du ihn nicht wieder», sagt Coach Angelo Gallina stolz.

Nach eineinhalb Stunden ist das Nachmittagstraining vorbei. Gjergjaj freut sich auf das Poulet, das seine Frau Marta (24) für ihn gekocht hat. Auf sein Gewicht achten muss er nicht: «Ich habe im Moment das Idealgewicht, ich kann auch das essen», sagt er und zeigt auf ein Sponsor­enplakat mit einem Döner. «Das ist das Praktische am Schwergewicht.» Und er lacht sein sympathisches Lachen.  

Weitere Infos
www.thecobra.ch
http://arnoldboxfit.ch

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Matthias Willi