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12. Oktober 2015

«Armut in der Schweiz ist ein gesellschaftliches Stigma»

Jedes zehnte Kind in der Schweiz gilt als arm. Die Betroffenen haben keine Lobby, kritisiert Elsbeth Müller, Geschäftsleiterin der Unicef Schweiz. Und sie ist enttäuscht über die Politik, die bei der Sozialhilfe sparen will.

Elsbeth Müller, Geschäftsleiterin Unicef Schweiz
«Politiker realisieren häufig nicht, dass die Zukunft, von der sie ständig sprechen, bereits geboren ist»: Unicef-Schweiz-Chefin Elsbeth Müller.

Elsbeth Müller, laut einer Unicef-Studie gilt jedes zehnte Kind in der Schweiz als arm. Das klingt nach viel, aber was genau bedeutet Armut in einem reichen Land wie unserem?

In der Schweiz gilt eine allein lebende Person als arm, wenn sie weniger als 28 540 Franken im Jahr zur Verfügung hat. Für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren liegt die Armutsschwelle bei 59 935 Franken. Den Kindern sind diese Zahlen allerdings egal, bei ihnen stellt sich vor allem die Frage, was Armut mit ihnen macht, welche Folgen sie hat. Das Hauptproblem ist, dass Kinder aus armen Familien von der gesellschaftlichen Teilnahme ausgeschlossen sind – sie können bei vielen Aktivitäten ­ihrer Schulfreunde nicht mitmachen.

Es ist immer von «relativer Armut» die Rede. Können Sie das genauer definieren?

Bei relativer Armut in der Schweiz geht es um die Frage, ob die Betroffenen ihr Leben mit ihrem Einkommen und entsprechender finanzieller Unterstützung einigermassen bestreiten können oder nicht. In einem städtischen Umfeld stellt sich die Situation häufig anders dar als in einer ländlichen Region. Viele Eltern, die jeden Monat rechnen müssen, ob das Geld noch ausreicht, versuchen, ihre Kinder diese Not nicht spüren zu lassen. Dennoch fehlen den Kindern die Zukunftsperspektiven, sie haben weniger Chancen, ihr Leben gemäss ihren Fähigkeiten und Wünschen zu entwickeln.

Ein Strassenkind in Rio wäre vermutlich glücklich, wenn es in dieser Form der Schweizer Armut leben dürfte.

Ich halte es für gefährlich, einen solchen Vergleich zu machen. Damit blendet man den Kontext aus. Zwar fokussiert Unicef primär auf Armut in Entwicklungsländern. Aber egal ob im südlichen Afrika oder in der Schweiz: Kindern aus armen Familien fehlen die Chancen, aus ihrem Leben das zu machen, was sie könnten, wenn sie in besseren Verhältnissen leben würden.

Dennoch: Im Vergleich mit der offensichtlichen Armut in Afrika ist die in der Schweiz schwieriger zu vermitteln, oder?

In der Schweiz weiss man mehr über die Lebensumstände von subventionierten Kühen als über Kinder. Daraus lässt sich auch schön ablesen, wo für Politik und Wirtschaft die Prioritäten liegen. Aber wie die meisten anderen Länder hat auch die Schweiz die Kinderrechtskonvention unterzeichnet. Und daraus leiten sich klare Pflichten des Staats ab, sämtlichen Kindern in der Schweiz ­ eine lebenswerte Existenz und die gleiche Rechtssicherheit zu ermöglichen – auch für Kinder im Asylverfahren, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge oder Sans-Papiers.

Welches sind die Hauptrisikofaktoren für Kinderarmut in der Schweiz?

Elsbeth Müller leitet das Kinderhilfswerk 
der Vereinten Nationen seit bald 20 Jahren.
Elsbeth Müller leitet das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen seit bald 20 Jahren.

Armut wird vererbt.

Ja, das lässt sich weltweit beobachten. Besonders wenn es nicht gelingt, über Zugang zu Bildung daraus auszubrechen.

Ist die zunehmende berufliche Spezialisierung ein Problem? Dass es immer weniger Jobs für weniger gut Gebildete gibt?

Ja. Gleichzeitig müssen sie immer mehr leisten, um ihr Einkommen zu sichern, also etwa mehr als einen Job machen. Diese Zeit geht beim Familienleben ab und verursacht zusätzlichen Stress. Umso dringlicher ist die Frage, wie wir mit Menschen umgehen, die von der Ausbildung her auf dem Arbeitsmarkt immer weniger mithalten können.

Alleinerziehende sind besonders gefährdet, in die Armut abzugleiten. Können wir uns Kinder überhaupt noch leisten?

(lacht) Wenn man sich nur aufgrund finanzieller Kriterien für Kinder entscheiden würde, gäbe es auf der Welt deutlich weniger. Kinder sind eine enorme Bereicherung, auch wenn sie manchmal grosse Nervensägen sind. Ich habe noch nie von Eltern gehört, dass sie ihre Kinder zu teuer finden. Interessant ist der Vergleich mit anderen Industrieländern: In Holland und Ungarn gibt es weniger Kinder, die in relativer Armut leben als in der Schweiz. Offensichtlich gelingt diesen Ländern ein Ausgleich besser.

Und wie?

Ganz entscheidend ist, dass die Kinder früh auch in der Peergroup aufwachsen können. Für arme Kinder ist deshalb der möglichst frühe Zugang zu Krippen wichtig. Dadurch erhalten sie die gleiche Bildungsvorbereitung wie alle anderen und können in der Interaktion mit der Gruppe ein gleichwertiges soziales Verhalten entwickeln.

Was könnte die Schweiz noch von anderen Ländern lernen?

In England gibt es sogenannte Familien­zentren, dort finden sich Spielplätze, Krippen, Kinderärzte – man trifft sich, der Austausch ist intensiv. Und entscheidend ist: Es sind Zentren für alle. Das erleichtert den Zugang auch für arme Familien. Niemand outet sich gern als Familie mit Problemen, deshalb fällt es gerade jenen, die so was bräuchten, viel schwerer, zu Treffpunkten zu gehen, die sich speziell an sie richten. Und natürlich gibt es auch Länder, die zahlen bessere, höhere Kinderzulagen, zum Beispiel Schweden, Luxemburg oder Dänemark. In Dänemark haben alle Familien zudem Anrecht auf kostenlose Kinderkrippen.

Es gibt nicht 90 Prozent schwarze Schafe.

Ein grosser Teil der Sozialhilfebezüger sind Kinder und Jugendliche. Was halten Sie von den neuen Regeln zur Sozialhilfe, die ja auch gerade sie treffen?

Natürlich ist enormer politischer Druck vorhanden, diese Kosten zu senken. Dass die Bevölkerung kein Verständnis für Sozialhilfemissbrauch hat, ist nachvollziehbar. Auch mich ärgert das. Aber es gibt nicht 90 Prozent schwarze Schafe, sondern nur ein paar wenige. Es ist wichtig, dass Jugendliche arbeiten können. Man macht es sich zu einfach, wenn man ihnen das Geld streicht und sie gleichzeitig nicht beschäftigen kann. Wenn man kürzt, muss gleichzeitig die Arbeitsintegration verstärkt werden.

Was ist mit den Kürzungen bei kinderreichen Familien?

Da bin ich sehr skeptisch – gerade im Hinblick auf die Teilnahmemöglichkeiten in der Gesellschaft. Die Frage lautet auch hier ­wieder: Spart man die Gelder einfach, oder investiert man sie in Massnahmen, die dem Kind direkt zugutekommen?

Die Idee, dass es in der Schweiz jeder schaffen kann, wenn er nur will, ist weit verbreitet – wer arm ist, ist also selber schuld, heisst es. Ist Armut hier deshalb besonders schambehaftet?

Armut in der Schweiz ist ein gesellschaftliches Stigma, wer betroffen ist, versucht das meist so gut wie möglich zu kaschieren. Man redet nicht darüber – allenfalls, wenn die Probleme überwunden sind. Und dann heisst es, man habe eine Zeit hinter sich, in der man hätte «luege müesse».

Inwiefern leiden die Kinder darunter?

Ich vermute, dass Kinder die Einschränkungen am häufigsten bei Äusserlichkeiten erleben. Sie bekommen aber auch den Stress mit, dem Mami und Papi ausgesetzt sind. Und manchmal spüren sie es auch direkt, etwa, wenn die Eltern ihnen erklären, dass sie nur eine halbe Stunde an die Chilbi gehen können.

Die Unicef-Studie hat auch ergeben, dass der Cannabiskonsum unter Schweizer ­Jugendlichen besonders hoch ist – eine Flucht aus dem tristen Alltag?

Ich bin überzeugt, dass eine problembeladene Kindheit zu destruktiven Formen der Stressbewältigung führen kann. Dauerstress belastet die kindliche Psyche massiv. Die Folge ist ein verändertes Sozialverhalten, und das wiederum kann sich zum Beispiel in einer Neigung zur Sucht zeigen.

Wie zufrieden sind Sie mit der Politik in Bezug auf Kinderarmut?

Politiker realisieren häufig nicht, dass die Zukunft, von der sie ständig sprechen, bereits geboren ist. Sie lebt unter uns, es sind unsere Kinder. Dass man sie nicht ­ernster nimmt, ärgert mich – vor allem auch, dass man sich darum foutiert, das Denken der Kinder bei wichtigen Entscheidungen miteinzubeziehen. Dabei wären Kinder und Jugendliche oftmals die besten Ratgeber.

Dann lautet Ihre Forderung «Kinder an die Macht»?

Ein adäquater Einbezug würde mir reichen. Spazieren Sie mal mit Kindern durch Zürich! Sie werden Ihnen genau zeigen können, was wo nicht funktioniert. Etwa beim Langsamverkehr: Die Kleinsten fürchten sich vor den Velofahrern, nicht vor den Autos. Bei den Autos wissen sie, dass sie aufpassen müssen, die Velofahrer aber kommen von hinten, man hört sie nicht. Kinder sehen die Probleme anders. Sie haben ein Anrecht darauf, gehört zu werden.

Welche Parteien haben diesbezüglich am meisten Nachholbedarf?

Mein Aufruf geht an alle Parteien. Ich habe Vertreter aus Rechtsparteien gesehen, die sich sehr stark engagieren. Und ich kenne Vertreter der Linksparteien, die überhaupt kein Verständnis für Kinder haben.

Ich bin überzeugt davon, dass wir noch viel mehr erreichen können.

Nun ist Unicef ja hauptsächlich in Entwicklungsländern aktiv. Wie hat sich die Kinderarmut dort entwickelt, sind Verbesserungen in Sicht?

Ja, es leben weniger Menschen in Armut als noch vor 15 Jahren. In Lateinamerika zum Beispiel haben enorme Veränderungen stattgefunden. Das Bruttosozialprodukt ist in vielen Ländern gestiegen, etwa in Vietnam: Vor 20 Jahren galt das ganze Land als arm, heute ist vielerorts der Aufschwung spür- und sichtbar. Davon profitieren auch die Kinder.

Was können wir hier tun, um global die Kinderarmut zu bekämpfen? Reicht es, einfach Geld zu spenden?

Spenden sind wichtig. Aber es gibt noch einen anderen wichtigen Punkt: Die Menschen müssen ihre Einkommenssituation verbessern können. Dafür braucht es den Zugang zum Weltmarkt. Den müssen wir ermöglichen, umso mehr wir lange Zeit davon profitiert haben, dass gewisse Länder vom Weltmarkt abgeschnitten sind.

Was leistet Unicef im aktuellen Flüchtlingsdrama?

Wir sind auf der ganzen Route der Flüchtlinge präsent, sichern den Zugang zu Nahrung und medizinischer Versorgung, organisieren Familienzusammenführungen, es ist eine grosse Herausforderung. Unser Hauptfokus in dieser Krise bleiben aber ­Syrien und die umliegenden Länder. Nach Europa sind etwa 107 000 Kinder geflüchtet, in Jordanien, dem Libanon, im Irak und der Türkei dagegen gibt es Millionen Flüchtlingskinder. Diese Länder tragen die Hauptlast. Und trotz allem haben wir für die Kinder dort nur knapp die Hälfte der eigentlich notwendigen Gelder beisammen.

Sie sind in Ihrer Arbeit mit viel Leid ­konfrontiert – wie gehen Sie damit um?

Einerseits braucht es eine professionelle Distanz, anderseits sollte einen das Schicksal der Kinder nicht kaltlassen.

Wie gelingt einem das?

(lacht) Man braucht ein gutes Gemüt. Man muss sich darüber im Klaren sein, was man effektiv beitragen kann, um eine Situation zu verbessern. Was ist machbar, was bloss eine Träumerei? Man muss akzeptieren, dass es eine Arbeit der kleinen Schritte ist. Nach all meinen Reisen bleibe ich aber zuversichtlich. Ich bin überzeugt davon, dass wir noch viel mehr erreichen können. Dafür braucht es Solidarität und einen partnerschaftlichen Umgang unter allen Ländern. Und es braucht Zeit.

Nochmals 20 Jahre?

Ich glaube schon. Aber nicht mit mir.

Autor: Ralf Kaminski, Peter Aeschlimann

Fotograf: Samuel Trümpy