Archiv
25. Januar 2016

Die Reichen werden immer reicher

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird weltweit immer tiefer, prangert die britische Hilfsorganisation Oxfam an. Auch in der Schweiz, dem Land mit der höchsten Milliardärsdichte, verteilen sich Löhne und Vermögen weniger gerecht als früher – mit entsprechenden Folgen für die Gesellschaft.

Bill Gates
Microsoft-Gründer Bill Gates ist der reichste Mann der Welt. (Bild: Keystone)

Was die britische Hilfsorganisation Oxfam im Vorfeld des Weltwirtschaftsforums in Davos veröffentlicht hat, ist nicht überraschend: Die Kluft ­zwischen den Ärmsten und den Reichsten der Welt wird immer tiefer. Auch die 300 Superreichen der Schweiz waren noch nie so reich wie heute. Sie besitzen laut «Bilanz» 595 Milliarden Franken. Allein die Familie Kamprad (Ikea) kommt auf rund 45 Milliarden.

1988 hatte das Wirtschaftsmagazin noch 100 Personen erfasst, die 66 Milliarden Franken besassen. Das Durchschnittsvermögen der Reichsten hat sich also innert 28 Jahren verdreifacht.

Ungleich verteilt sind auch die Haushaltseinkommen: 30 Prozent, Tendenz steigend, verdienen monatlich weniger als 6000 Franken. Der Soziologe Ueli Mäder sagt: «Je tiefer die Einkommen sind, desto höher fallen die gesundheitlichen Kosten aus.» Würde man die Tieflöhne anheben, wäre das für die Gesellschaft preiswerter. Und die Menschen wären laut einem Bericht des Bundesrats glücklicher: Es zeigt sich, dass die subjektiv wahrgenommene Lebensqualität stark mit dem verfügbaren Einkommen korreliert.

Andererseits sind es nicht nur Banker, die in den Kreis der Topverdiener vorstossen. SBB-Chef Andreas Meyer bezieht ein Jahressalär von 1,1 Millionen Franken; sein Vorgänger Benedikt Weibel wurde mit 300 000 Franken entlöhnt. Tennisspieler Roger Federer verdient rund 54 Millionen Franken pro Jahr. «Diese Löhne sind aus dem Ruder gelaufen», urteilt Uniprofessor Mäder.

Professor Ueli Mäder
Ueli Mäder ist Professor für Soziologie an der Universität Basel. Seine Arbeitsschwerpunkte sind soziale Ungleichheit und Konfliktforschung. (Bild zVg)

DAS EXPERTENINTERVIEW

«Die grossen Unterschiede beim Geld treiben die Gesellschaft auseinander»

Ueli Mäder, laut der britischen Hilfsorganisation Oxfam besitzen die 62 reichsten Menschen der Welt so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Wie ist das Vermögen in der Schweiz verteilt?
Schlecht und einseitig. Als ich in ­unserem Buch «Wie Reiche denken und lenken» 2010 schrieb, dass 3 ­Prozent der Schweizer Bevölkerung gleich viel Vermögen wie die restlichen 97 Prozent besitzen, wurde ich kritisiert. Wenig später gab mir die Credit Suisse mit ihrem «Global Wealth Report» recht. Die soziale Ungleichheit hat eine grosse Konstanz. Die Hälfte der Steuerpflichtigen besitzt ein Vermögen von weniger als 50 000 Franken. Dieser Gegensatz ist für ein Land nicht gut.
Wieso?
Wer keine Reserven hat, handelt ängstlicher und wagt wenig. Das trägt dazu bei, an Altem festzuhalten. Es gibt Leute, die argumentieren, der grosse Unterschied zwischen Arm und Reich würde die Gesellschaft dynamisieren. Das Gegenteil ist der Fall: So treibt sie auseinander.
Trotzdem bleibt eine Eskalation bei uns aus. Wieso?
Wir haben keine Kultur des kollektiven Widerstands. Die Empörung findet hinter den Kulissen statt. Weil wir ein so individualisiertes Land sind, ist es für Betroffene schwierig, sich zur Armut zu bekennen oder mit anderen Betroffenen zusammenzustehen.
Ein Grund könnte sein, dass im Gegensatz zu den Vermögen die Ungleichheit bei den Löhnen nach der Finanzkrise etwas zurückging.
Die Kluft ist auch bei den Einkommen noch immer krass. Die obersten zehn Prozent besitzen fast einen Drittel, wie aus der neuesten Nationalfondsstudie hervorgeht. Und laut Bundesamt für Statistik haben 12,2 Prozent der Haushalte ein Bruttoeinkommen von weniger als 4000 Franken pro Monat. Diese Zahl ist sogar leicht gestiegen. Und rund die Hälfte der Haushalte verdient weniger als 8000 Franken.
In Ihrem neuen Buch «macht.ch – Geld und Macht in der Schweiz» schreiben Sie, dass die 300 Reichsten in der Schweiz ihr Vermögen zwischen 1989 und 2015 auf 595 Milliarden versiebenfacht haben. Wie ist das möglich?
Mehr als die Hälfte dieser Geldvermehrung kam über Erbschaften, Wertsteigerungen und über kaum versteuerte Profite von Finanzgeschäften zustande. Heute ist das Besitztum der 300 Reichsten fast so gross wie das Bruttoinlandprodukt (BIP) der gesamten Schweiz.
Die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung wurde derweil in den letzten fünf Jahren um eine Billion Dollar ärmer. Wie sieht das bei uns aus?
Bei uns ist die Armut relativ konstant. Sie wird aber oft wegdefiniert, indem man zum Beispiel bei den erwerbstätigen Armen die mitbetroffenen Kinder übergeht. In einem reichen Land wie der Schweiz sollte es keine materielle Armut geben. Nur geben wir seit zehn Jahren weniger Anteile des BIP für die soziale Sicherung aus.
Wie könnte die Welt wieder gerechter werden?
Fairere Handelsbeziehungen sind sehr wichtig. Wenn wir immer mehr für unsere industriell gefertigten Güter verlangen wollen, müssen wir auch bereit sein, mehr für Rohstoffe zu bezahlen. Und es hilft sicher, Steueroasen trockenzulegen. Derzeit wird viel über Flüchtlinge debattiert. Dabei spricht kaum jemand über die Ursachen. Die westliche Welt pro­fitiert viel von der Ungleichheit, die sie mit produziert.
Wie gerecht ist Ihr Lohn?
Die Löhne, die wir hier als Professoren an der Uni haben, sind sehr hoch. Das verpflichtet, sich zu engagieren und zu teilen. Auch ich verdiene im Vergleich mit anderen anstrengenden Berufen zu viel

Autor: Reto Wild