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29. Dezember 2014

Architekt der guten Laune

Explodiert an Silvester eine Tischbombe, weiss Maurice Regel auf das letzte Bölleli genau, was einem gleich um die Ohren fliegen wird: Der Aargauer ist Tischbombenkreateur. Zum Porträt die Bildstrecke mit typischen Bestandteilen von Tischbomben und welches Modell (bisher) nicht auf den Markt kam.

Tischbombenkreateur Maurice Regel lässt es knallen.
1 Meter 80 hoch darf eine Tischbombe maximal fliegen. Maurice Regel sorgt mit Hilfe seiner Testabschussrampe für das Einhalten dieser EU-Norm.

Kawumm!» Zwei Sekunden Stille, dann ein «Plop-plop-plop». «Keis guets Föteli, gell?» Maurice Regel (55) blickt hoffnungsvoll zum Migros-Magazin-Fotografen René Ruis. «Hm», brummt dieser, während er auf das Display seiner Kamera starrt, «vielleicht könnten wir ja noch einmal …?» Doch da hat Regel bereits die nächste Tischbombe gezündet: «Kawumm!» Zwei Sekunden Stille, dann ein «Plop-plop-plop». Es riecht nach Schwefel.

Schinznach Dorf AG, 1699 Einwohner, fünf Beizen, eine Baumschule mit eigener Dampflokbahn – und die Constri AG, der einzige Tischbombenhersteller der Schweiz. 500 000 Tischbomben made in Schinznach Dorf landen jedes Jahr in den Verkaufsregalen, auch in der Migros. 500 000 Tischbomben, bestückt mit 50 bis 70 Tonnen Partyartikeln, womit wir wieder bei Maurice Regel wären. «Marketing/Verkauf/Prokurist» steht auf seiner Visitenkarte. Was zwar alles zutrifft, aber keineswegs umschreibt, was der Mann tatsächlich tut. Tischbombenkreateur wäre viel treffender oder: Partyknaller. Immerhin verantwortet er seit bald 20 Jahren, was bei vielen Schweizern an Silvester explodieren wird.

Heidi und Fussball – Inspirationen finden sich überall

Und das soll vor allem fesseln, und zwar möglichst lang. Deshalb entwirft Maurice Regel nicht einfach Tischbomben, sondern Tischbombenpartys: Piratenparty, Girl Party oder Fussballparty heissen seine Kreationen, Ingredienzien sind Augenklappen und Gummiskelette, Klunkerringe und Plastikpferdchen, Minifussbälle und Trillerpfeifen und natürlich immer und überall die unsäglichen, mit einem Blasrohr zu verschiessenden bunten Papiermachébölleli. Gerade tüftelt er an einer Moustache Party. Details will er keine nennen, die Konkurrenz, die sich vor allem in Fernost tummelt, schläft nicht.

Inspiration für seine Partyartikel mit Knall findet der Tüftler überall: an internationalen Spielzeugmessen und auf Reisen, auf den Laufstegen der Haute Couture, aber auch im Internet. Hier sind Filmtrailer gute Quellen: «Pirates of the Caribbean» vor ein paar Jahren etwa, oder aktuell der neue «Heidi»-Film, der 2016 in die Kinos kommt. Details zur Alpenparty-Tischbombe will er ebenfalls keine nennen – die Konkurrenz!

Maurice Regel lässt seine neusten Einfälle gern von Freunden und Bekannten testen. Keine Einladung, bei der er nicht mit zwei, drei Tischbomben unter dem Arm erscheint. Jahrelang gehörten auch seine Töchter zum Testteam. Unterdessen passen sie. «Mit 24 respektive 25 Jahren zählen sie momentan nicht zum klassischen Zielpublikum», tröstet sich der Vater. Dieses liege bei 5 bis 12 Jahren und wieder bei 30 plus, «dann, wenn die Leute selber Kinder haben». Verkaufshit Nummer 1 der Schinznacher ist folgerichtig denn auch seit Jahren das Modell Kinderparty.

Arbeiterin, die von Hand eine Tischbombe bestückt
Jede Tischbombe wird in Handarbeit und gemäss ihrem jeweiligen Motto befüllt.

Eine Tischbombe ist ein simples Ding: unten ein Kunststoffboden, oben ein Kunststoffdeckel, dazwischen eine Kartonröhre, von Hand mit dem entsprechenden Equipment befüllt. Für den nötigen Auftrieb sorgt Nitrozellulose, eine mit Nitroglyzerin angereicherte Baumwollfaser, auch Schiessbaumwolle genannt. Ihr grosser Vorteil gerade in geschlossenen Räumen: Sie entwickelt wenig Rauch. Weshalb sie übrigens auch zum Auslösen von Autoairbags verwendet wird.

Tischbomben werden mit 0,7 bis 2 Gramm Nitrozellulose scharf gemacht, je nach Bestückung. Einmal gezündet, drückt der dabei entstehende Stickstoff den Inhalt aus der Röhre. Angeliefert wird die Nitrozellulose in feuchtem Zustand. Um eine statische Aufladung und damit eine Entzündung zu vermeiden, stehen die Arbeitstische für die Montage auf Metallplatten. Aus demselben Grund sind in der Produktionshalle der Constri AG auch keine Handys erlaubt.

Das Gefährlichste überhaupt ist das Zündhölzli

1 Meter 80 darf eine Tischbombe gemäss EU-Vorgaben maximal abheben. Um dies zu gewähren, steht draussen auf der Laderampe der Constri AG eine Art Testabschussrampe mit Höhenskala. Pro 1000 Tischbomben wird hier ein Exemplar aus der laufenden Produktion gezündet. Zwei bis maximal fünf Sekunden darf es bis zum «Kawumm» dauern. Doch auch all das verschossene Spassmaterial muss den Sicherheitsanforderungen an Spielzeug entsprechen, hat beispielsweise speichelfest zu sein und darf auch keinen Weichmacher enthalten. Über 150 verschiedene Inhaltsartikel sind zurzeit an Lager, und jeden Monat trifft ein weiterer Schiffscontainer ein.

Sind Tischbomben – anders als der explosive Name impliziert – also harmlos? Maurice Regel lacht. Gefährlich sei höchstens das Zundhölzli: «Damit kann man sich nämlich die Finger verbrennen!» Zwei Tipps zur korrekten Handhabung hat er dann aber doch noch: Zum einen sollten Tischbomben – Name hin oder her – auf dem Boden (1 Meter 80!) gezündet werden. Zum anderen empfehle es sich nicht, sie im feuchten Keller zu lagern. «Sonst gibts nämlich höchstens ein Mini-Kawumm!»

Autor: Almut Berger

Fotograf: René Ruis